Bundestag Januar 2026: AfD ruft „Wettermanipulation“ – und verwechselt politische Erregung mit physikalischer Realität
Im Bundestag eskaliert die AfD das Thema Wetter. Von Manipulation ist die Rede, von geheimen Eingriffen. Anlass ist eine Debatte, die viel behauptet, aber wenig erklärt.

Am 29. Januar 2026 stand im Deutschen Bundestag ein Antrag der AfD-Fraktion auf der Tagesordnung, offiziell zu den „Risiken von Wettermanipulationen und Geoengineering“. Grundlage war ein AfD-Papier, das vor angeblichen Eingriffen in Wetter und Klima warnt und die Bundesregierung zu Prüfungen auffordert.
Schon in der Einbringung zeigte sich: Es ging weniger um Regulierung als um politische Dramatisierung. Begriffe wie Manipulation, Kontrollverlust und geheime Experimente dominierten die Reden und sorgten für maximale Aufmerksamkeit.
Medienverstärkung durch BILD
Die Debatte wäre kaum über Fachkreise hinausgegangen, hätte sie nicht massive mediale Verstärkung erhalten. Die BILD-Zeitung griff den Antrag mit reißerischen Überschriften auf, sinngemäß nach dem Muster: „Manipuliert Berlin unser Wetter?“.
Der Boulevard reduzierte komplexe Sachverhalte auf eine einfache Verdachtslogik. Dass es um theoretische Forschungsfelder ging, trat in den Hintergrund. Stattdessen entstand der Eindruck, es gebe bereits laufende Programme zur Wettersteuerung. Empörung ersetzte Einordnung, Klicks ersetzten Kontext.
Wetterkarten als vermeintlicher Beweis
In der Bundestagsdebatte selbst griff die AfD auf ein bekanntes Stilmittel zurück: Wetterkarten und Grafiken. Unterschiedliche Farbskalen, Vergleichsjahre und Darstellungen wurden als Indizien für Täuschung interpretiert. Fachlich ist das haltlos. Meteorologische Visualisierungen variieren je nach Datensatz und Fragestellung. Politisch jedoch funktioniert der Vorwurf, weil Bilder unmittelbar wirken. Methodik wird zur Moralfrage, Visualisierung zur angeblichen Manipulation umgedeutet.
Geoengineering bewusst verzerrt
Besonders problematisch war der Umgang mit dem Begriff Geoengineering. In der Debatte klang es, als stünden großflächige Eingriffe unmittelbar bevor. Tatsächlich handelt es sich überwiegend um Modellrechnungen, Szenarien und stark umstrittene Forschungsansätze wie Solar Radiation Management.
Kein Staat steuert derzeit systematisch das Wetter. Aus wissenschaftlicher Vorsicht wurde politisch eine geheime Agenda konstruiert. Unsicherheit wurde zur Absicht erklärt, Forschung zur Bedrohung stilisiert.
Politischer Nutzen der Zuspitzung
Diese Rhetorik ist kein Zufall. Wer von Wettermanipulation spricht, lenkt von realen politischen Aufgaben ab: Hitzeschutz, Hochwasservorsorge, Infrastruktur. Verantwortung wird externalisiert, Schuldige werden benannt. Die AfD nutzt den Bundestag als Verstärker für ein Narrativ, das Misstrauen sät und klare Fronten schafft. Angst mobilisiert, Sacharbeit weniger. Das Parlament wird so zum Startpunkt einer Kampagne, nicht zur Lösungssuche.
Warum Widerspruch notwendig ist
Die Debatte vom 29. Januar 2026 zeigt, wie gefährlich diese Verkürzung ist. Vertrauen in Wetterdienste und Wissenschaft ist essenziell für Warnsysteme und Katastrophenschutz. Wird es politisch beschädigt, leidet die gesamte Gesellschaft. Kritik ist legitim, Irreführung nicht.
Wetter ist kein politisches Steuerungsinstrument, sondern ein komplexes physikalisches System. Wer anderes behauptet, produziert Schlagzeilen, aber keine Erkenntnis. Genau deshalb braucht diese Debatte klare Kante – fachlich, nicht emotional.