Wölfe verlieren die Scheu: Passen sich die Raubtiere allmählich an urbane Räume an?

Lange wurde angenommen, dass Wölfe die Nähe des Menschen eher meiden. Doch neueste Forschungsergebnisse zeigen nun, dass sich die Tiere in urbanisierten Gebieten erstaunlich schnell an menschliche Nähe gewöhnen – zumindest wenn es sich lohnt.

„Die Nähe wilder Wölfe zu Menschen in einer dicht besiedelten Umgebung ist ein neues Phänomen“, sagen Experten. Bild: Milo Weiler/Unsplash
„Die Nähe wilder Wölfe zu Menschen in einer dicht besiedelten Umgebung ist ein neues Phänomen“, sagen Experten. Bild: Milo Weiler/Unsplash

Normalerweise ist der Wolf ein scheues Wildtier, das menschliche Nähe instinktiv meidet. Das wird durch zahlreiche Studien gestützt. Eine aktuelle Untersuchung aus Italien und Österreich zeigt nun jedoch, dass Wölfe durchaus ihre Furcht vor Menschen ablegen können. Allerdings müssen sich daraus Vorteile ergeben.

„Die Ergebnisse zeigen, dass Wölfe ihre Verhaltensreaktionen sowohl an die Risiken als auch an die Chancen in vom Menschen dominierten Landschaften flexibel anpassen. Das ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg von Wölfen in urbanisierten Gebieten.“

– Sarah Marshall-Pescini, Studienleiterin, Veterinärmedizinische Universität Wien

Da es für den Menschen zunehmend schwerer wird, den Wolf zu vertreiben, haben Wissenschaftler nun untersucht, ob und wie sich urbane Gegenden auf das Verhalten der Tiere auswirken. Die Ergebnisse wurden in den renommierten Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht.

Ambivalenz von Mensch und Wolf

Die Beziehung zwischen Mensch und Wolf ist seit jeher widersprüchlich. In Mythologie und Popkultur symbolisiert das Tier einerseits Stärke und Intelligenz, steht andererseits aber auch für Bedrohung und Wildheit.

Die Forschenden beschreiben dieses Spannungsverhältnis als wechselseitig. Für den Wolf stellt der Mensch einerseits eine Gefahr dar, ist andererseits aber auch eine Quelle attraktiver neuer Nahrungsoptionen, zum Beispiel für Nutztiere wie Schafe oder Ziegen, die sich in unmittelbarer Nähe menschlicher Siedlungen befinden. Gerade die Verbindung aus Risiko und Gelegenheit scheint das tierische Verhalten nachhaltig zu prägen.

Ob Mensch und Wolf friedlich koexistieren können, hängt nicht zuletzt von der Anpassungsfähigkeit beider Spezies ab. Bild: Eva Blue/Unsplash
Ob Mensch und Wolf friedlich koexistieren können, hängt nicht zuletzt von der Anpassungsfähigkeit beider Spezies ab. Bild: Eva Blue/Unsplash

Um das genauer zu untersuchen, analysierte das Team das Verhalten von 185 Wölfen in 44 Gebieten Mittelitaliens, die ein breites Spektrum vom ländlichen Raum bis hin zu stark urbanisierten Landschaften abdecken. Eins der Untersuchungsareale befand sich im Umland von Florenz, wo die Rückkehr der Wölfe in menschlich dominierte Räume besonders weit fortgeschritten ist.

Die Rolle der Gruppe

Mithilfe von Kameras wurden die Reaktionen der Tiere auf unbekannte, mit Menschen assoziierte Gegenstände dokumentiert – darunter etwa Spielzeuge. Zusätzlich spielten die Forschenden menschliche Stimmen ab, um direkte akustische Reize zu simulieren. Die Videoaufnahmen zeigen, dass viele Wölfe beim ersten Kontakt zurückhaltend auf neue Objekte reagierten. Mit wiederholter Konfrontation nahm die Scheu jedoch spürbar ab.

Interessanterweise zeigte sich bei veränderten Objekten erneut erhöhte Vorsicht. Das deutet darauf hin, dass die Tiere nicht einfach ihre Angst verlieren, sondern aufmerksam auf Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren.

Anders verhielt es sich bei menschlichen Stimmen: Über 80 Prozent der Tiere zeigten dabei deutliche Furchtreaktionen, unabhängig davon, wie urban ihr Lebensraum war. Dennoch setzte auch hier mit der Zeit ein Gewöhnungseffekt ein.

Ein weiterer Befund betrifft das Sozialverhalten. Wölfe, die sich in Gruppen bewegten, reagierten weniger ängstlich als alleinstehende Tiere. Die soziale Einbindung wirkte offenbar als Puffer gegenüber bedrohlichen Reizen. Angesichts der ausgeprägten Lern- und Problemlösungsfähigkeit der Art könnte ihre Anpassungsfähigkeit durch andere Individuen weiter verstärkt werden.

„Die Nähe wilder Wölfe zu Menschen in einer dicht besiedelten Umgebung ist ein neues Phänomen“, schreibt die Gruppe. Die Studie verdeutliche, wie unterschiedlich die Tiere auf menschliche Präsenz reagierten.

Hoffnung auf Koexistenz

Insgesamt wird deutlich, dass der Wolf ein hochflexibler Beutegreifer ist. Die Tiere reduzieren ihre Scheu nicht pauschal, sondern passen ihr Verhalten kontextabhängig an. „Zusammengenommen zeigen unsere Ergebnisse das große Potenzial von Wölfen, sich in menschlichen Umgebungen zurechtzufinden – dank eines facettenreichen, flexiblen und komplexen Verhaltensrepertoires“, schreibt die Forschungsgruppe.

Offen ist, ob menschliche Gesellschaften dazu in der Lage sind, sich der Herausforderung einer Koexistenz mit ähnlich effektiven und komplexen Lösungen zu stellen.

Gerade die Anpassungsfähigkeit erschwert es Behörden und Landwirten, wirksame Abschreckungsstrategien zu entwickeln. Die Zukunft von Wolf und Mensch dürfte daher weniger von instinktiver Scheu bestimmt werden, sondern vielmehr davon, wie wir mit der zunehmenden Nähe umgehen.

Quellenhinweis:

Lazzaroni, M., Brogi, R., Brivio, F., Bassi, E., Boromello, A., Teichmann, T., Range, F., Apollonio, M., & Marshall-Pescini, S. (2026): Wolves respond differently to human cues as they expand into urban landscapes. Proceedings of the National Academy of Sciences U.S.A., 123, 8, e2529810123.