Wie das Klima Gesellschaften verändert: Folgen des Klimawandels am historischen Beispiel der Tang-Dynastie

Wie hängen Klima, Migration und politische Umstürze zusammen? Dieser Frage sind Forscher nun auf den Grund gegangen. Am Beispiel der chinesischen Tang-Dynastie haben sie untersucht, wie ein sich wandelndes Klima gesellschaftliche Veränderungen in Gang setzt.

Berühmtes ‪Beispiel der blühenden Kultur der Tang-Dynastie: „Frühlingsausflug des Tang-Hofes“ von Zhang Xuan (713–755) (Ausschnitt). Bild: Public Domain‬
Berühmtes ‪Beispiel der blühenden Kultur der Tang-Dynastie: „Frühlingsausflug des Tang-Hofes“ von Zhang Xuan (713–755) (Ausschnitt). Bild: Public Domain‬

Klimatische Veränderungen haben Gesellschaften seit jeher tiefgreifend geprägt. Eine neue Studie zeigt nun, wie Umweltfaktoren sogar den politischen Zerfall bewirken, und zwar am konkreten Fall der späten Tang-Dynastie im mittelalterlichen China.

Die Herrschaftsepoche der Tang-Dynastie begann 618 und endete 907 n. Chr. Durch die hochentwickelte Verwaltung, die wirtschaftliche Stärke und das reiche Geistesleben gilt sie als kultureller Höhepunkt Chinas.

Forschende aus verschiedenen Disziplinen, darunter auch von der Universität Basel, untersuchten, wie Klimaextreme, Migration und politische Instabilität bei der Tang-Dynastie zusammenhingen. Dabei kam heraus, dass klimabedingte Mobilität bereits vor über tausend Jahren Machtgefüge erschüttern konnte.

Im Mittelpunkt der Arbeit stand der Zeitraum zwischen 800 und 907 n. Chr., der das Ende der Tang-Dynastie markiert. Speziell betrachtet wurde die Region des Huang He, des Gelben Flusses, im Norden des Landes. Dort rekonstruierten die Forschenden mithilfe von Klimaproxydaten die klimatischen Bedingungen des 9. Jahrhunderts. – Klimaproxys sind indirekte Anzeiger des Klimas, etwa Baumringe, Eisbohrkerne, fossile Sedimente oder Korallen.

Landwirtschaft geschwächt

Als Datenquelle dienten Baumringe, aus denen sich frühere klimatische Bedingungen ablesen ließen. Breite Jahresringe weisen auf feuchte Jahre hin, schmale auf Trockenperioden. Je älter die Bäume, desto mehr lässt sich aus den Baumringen ablesen. Für den Untersuchungszeitraum ließen sich deutliche klimatische Veränderungen feststellen.

Topografie (A), Ausdehnung (B), Jahresdurchschnittstemperatur (C) und Niederschlag (D) zur Zeit der untersuchten Epoche (800–907 n. Chr.) der Tang-Dynastie. Bild: Kempf et al., 2025
Topografie (A), Ausdehnung (B), Jahresdurchschnittstemperatur (C) und Niederschlag (D) zur Zeit der untersuchten Epoche (800–907 n. Chr.) der Tang-Dynastie. Bild: Kempf et al., 2025

Mithilfe von Langzeitreihen aus dem Einzugsgebiet des Gelben Flusses ließ sich zudem rekonstruierten, wie das Abflussverhalten des Flusses war. Das wiederum diente dann als Indikator für hydroklimatische Modelle, insbesondere für die Oberläufe des Stroms.

„Die Abflussmengen kommen irgendwann weiter flussabwärts an und beeinflussen die verfügbaren Wassermengen, etwa um die Felder zu bewässern.“

– Michael Kempf, Erstautor, Universität Cambridge, ehem. Universität Basel

Die Auswertung legt nahe, dass eine Zunahme von Dürren und Überschwemmungen die landwirtschaftliche Basis des Reiches massiv schwächte. Besonders betroffen waren Soldaten an den Außengrenzen und deren Familien, die auf stabile Ernten angewiesen waren.

Versorgung in Gefahr

„Hydroklimatische Extreme beeinflussen sehr direkt, wie die Ernte ausfällt und welche Lagerbedingungen für Getreide herrschen“, so Studienerstautor Michael Kempf, der inzwischen von der Universität Basel an die Universität Cambridge gewechselt ist.

Saatgutknappheit, steigender Nahrungsmittelbedarf und unsichere Lagerung brachten die Versorgungssysteme schnell an ihre Grenzen. Verschärft wurde die Lage durch einen Wandel im Ackerbau.

Statt der robusten Hirse setzten die Menschen zunehmend auf Weizen und Reis, die möglicherweise prestigeträchtiger, jedoch deutlich wasserabhängiger waren. „Solange es genügend Wasser gibt, ist das kein Problem, bei längeren Trockenperioden kommt es hingegen zu Engpässen“, erklärt Kempf. Der Verzicht auf Hirse erhöhte damit das Risiko für Ernteausfälle und Hungersnöte erheblich.

Gestörter Handel und Unterernährung

Gleichzeitig erschwerten Überschwemmungen und Dürren den inneren Handel. Transportwege wurden zerstört, Versorgungskorridore brachen zusammen, und regionale Engpässe konnten kaum ausgeglichen werden. Die zunehmende Unterernährung betraf schließlich auch den Grenzschutz. „Natürlich waren die Menschen geschwächt und dadurch vulnerabler“, erklärt Kempf.

Aufgrund des militärischen Druckes auf die äußeren Grenzgebiete wanderten sie gegen Süden, wo sie bessere Bedingungen vorzufinden glaubten.

Die Migrationsbewegungen führten zur politischen Destabilisierung, was den Untergang der Tang-Dynastie mitverursacht haben dürfte, so Kempf.

Der Geologe weist darauf hin, dass die Ergebnisse lediglich Annäherungen seien: „Die tatsächlichen Bedingungen zu jener Zeit lassen sich nicht zweifelsfrei rekonstruieren.“ Vielmehr sei es ein komplexes Zusammenspiel von vielen unterschiedlichen Faktoren.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass klimatische und soziokulturelle Veränderungen gemeinsam Kipppunkte erzeugen können – ein Ergebnis, das angesichts des heutigen Klimawandels neue Aktualität gewinnt.

Quellenhinweis:

Kempf, M., et al. (2025): Hydroclimatic instability accelerated the socio-political decline of the Tang Dynasty in northern China. Nature Communications Earth and Environment.