Weniger Glaube, mehr Angst: Haben junge Menschen, die religiös sind, eine gesündere Psyche?

Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Schuld daran könnten veränderte Erziehungswerte und eine abnehmende Religiosität sein. Das zeigt eine globale Studie. Experten schlagen darum alternative Formen des Zusammenhalts vor, etwa Vereine und zivilgesellschaftliches Engagement.

Wissenschaftler glauben, dass die abnehmende Religiosität mit zunehmenden Angststörungen zusammenhängen könnte. Bild: Pedro Lima/Unsplash
Wissenschaftler glauben, dass die abnehmende Religiosität mit zunehmenden Angststörungen zusammenhängen könnte. Bild: Pedro Lima/Unsplash

Immer mehr Kinder und Jugendliche weltweit kämpfen mit Angststörungen. Die Entwicklung ist seit Jahren zu beobachten und gibt Fachleuten zunehmend Anlass zur Sorge. Eine neue Studie hat nun untersucht, welche gesellschaftlichen Veränderungen hinter dem Trend stehen.

Angst ist ein natürliches Alarmsignal des Körpers, dass vor Bedrohungen warnen soll. Angststörungen hingegen sind psychische Erkrankungen, bei denen übermäßige und unrealistische Ängste den Alltag beeinträchtigen und bei denen es zu Symptomen wie Herzrasen, Schwindel, Schwitzen und Zittern kommen kann.

Ein Forschungsteam des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) der Ruhr-Universität Bochum hat nun untersucht, wie sich kulturelle Werte und Erziehungsziele auf die psychische Gesundheit junger Menschen auswirken.

Die abnehmende religiöse Orientierung scheint dabei eine bedeutende Rolle zu spielen. In Ländern, in denen Religion an Einfluss verloren hat, ist die Zahl der diagnostizierten Angststörungen bei jungen Menschen deutlich gestiegen.

Daten aus drei Jahrzehnten

Für die Untersuchung wurden Daten aus 70 Ländern ausgewertet, und zwar aus einem Zeitraum von 1989 bis 2022, was eine Auswertung langfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen möglich macht.

Die Forschenden griffen dabei auf Gesundheitsdaten zur Häufigkeit von Angststörungen bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen zurück. Die wurden durch kulturelle Daten aus dem World Values Survey ergänzt, der globale Wertetrends erfasst.

„Über die Zeit haben sich gesellschaftliche Erwartungen, wie Kinder idealerweise sein sollten, weltweit bedeutend verändert“, sagt der Hauptautor der Studie, Leonard Kulisch vom Lehrstuhl für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie der Ruhr-Universität Bochum. „Wir wollten daher herausfinden, ob diese veränderten Erwartungsmuster mit der Zunahme von Angststörungen im Zusammenhang stehen.“

Westliche Erziehungswerte ändern sich

Insgesamt verschieben sich Erziehungsziele, insbesondere in westlichen Gesellschaften. Werte wie Gehorsamkeit und Anpassung haben dort an Bedeutung verloren. Stattdessen rücken Individualität, Selbstständigkeit und persönliche Entfaltung stärker in den Fokus.

Der vermeintliche Fortschritt könnte jedoch auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. Die Studie legt nahe, dass der kulturelle Wandel die Entstehung von Ängsten begünstigt und dass der steigende Druck zur Selbstverwirklichung und Eigenverantwortung gerade für junge Menschen belastend sein könnte.

Religiosität als Schutzfaktor

Über alle untersuchten Regionen hinweg zeigt sich ein besonders klarer Zusammenhang: Der Rückgang religiöser Werte in der Erziehung korreliert stark mit steigenden Angststörungen, „vermutlich, weil Religiosität das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert und dem Leben eine Richtung gibt“, sagt Leonard Kulisch. Religiöse Strukturen könnten sich also stabilisierend auswirken.

Wo diese Strukturen wegfallen, entsteht offenbar eine Lücke: „Familien sind einsamer, haben ein weniger stabiles soziales Netzwerk, und Routinen im Alltag fallen weg.“ Genau diese Faktoren sind jedoch entscheidend für eine gesunde psychische Entwicklung.

Gemeinschaft stärken

Die Ergebnisse der Studie werfen auch die Frage auf, wie Gesellschaften auf diese Entwicklung reagieren können. Denn eine Rückkehr zu traditionellen religiösen Strukturen ist nicht zwangsläufig die einzige Lösung.

Individualität und Eigenständigkeit sind in den bestehenden Wirtschaftssystemen sinnvoll, um im Wettbewerb zu bestehen und Innovationen zu fördern.

In westlichen Ländern hätte die Ausprägung der westlichen Werte das gesunde Maß überschritten, sagt Leonard Kulisch. Gemeinschaft, Orientierung und soziale Einbindung müssten wieder stärker in den Fokus rücken.

Neue Formen des Zusammenhalts

Da religiöse Bindungen vielerorts schwächer werden, braucht es alternative Formen der Gemeinschaft. Die Studie hat hier konkrete Ideen für Eltern, Bildungseinrichtungen und Gesellschaft.

Aktivität in Vereinen und Gruppen sowie zivilgesellschaftliches Engagement könnten wichtige Faktoren sein, um der Entstehung von Angststörungen entgegenzuwirken.

Solche Strukturen bieten Halt, Zugehörigkeit und regelmäßige soziale Interaktion. Auch Kindergärten und Schulen spielen eine zentrale Rolle. Sie könnten gezielt Programme fördern, die Gemeinschaft stärken und soziale Kompetenzen entwickeln.

Psychische Gesundheit entsteht also nicht im luftleeren Raum. Sie ist eng mit den sozialen und kulturellen Bedingungen verknüpft, in denen Kinder aufwachsen.

Quellenhinweis:

Kulisch, L. K., Domínguez Rojas, A. L., Schneider, S., & Voigt, B. (2026): Global Cultural Change and Anxiety in Children and Adolescents: Analyzing Socialization Goals Over Three Decades in 70 Countries. Developmental Science.

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