Warum sich Baumgrenzen unerwartet in beide Richtungen verschieben – Klimawandel allein ist nicht schuld
Im Zuge des Klimawandels wandern die Baumgrenzen nicht überall nach oben. Das offenbart eine globale Untersuchung. Denn neben der Erwärmung sind es vor allem auch menschliche Eingriffe, welche die Vegetationszonen im Gebirge beeinflussen.

Viele denken, dass Bäume mit steigenden Temperaturen in höhere Lagen wandern. Doch das stimmt nicht. Eine neue Studie der Universität Basel zeigt nun, dass sich Baumgrenzen weltweit keineswegs einheitlich nach oben verschieben. Zwar stiegen sie in 42 Prozent aller untersuchten Regionen zwischen 2000 und 2020 an, doch gleichzeitig bewegten sie sich in einem Viertel der Fälle sogar bergab. Die gegensätzlichen Trends werfen grundlegende Fragen auf.
Untersucht wurden reale Baumgrenzen mithilfe von Satellitendaten. Diese wurden mit sogenannten potenziellen Baumgrenzen verglichen – also jenen Höhenlagen, in denen Bäume aufgrund klimatischer Bedingungen wachsen könnten. So wird sichtbar, dass zwischen klimatischer Möglichkeit und tatsächlicher Vegetation oft eine deutliche Lücke besteht.
„Wie sich die Baumgrenzen verschieben, geschieht eher langsam – wir bräuchten ein ganzes Leben, um die Veränderungen voll zu erfassen“, erklärt Dr. Mathieu Gravey von der Universität Basel. Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass Temperatur allein nicht ausreicht, um die beobachteten Veränderungen zu erklären. Stattdessen spielt der Mensch eine zentrale Rolle.
Landschaft und Mensch
Ein besonders wichtiger Einflussfaktor ist die Art und Weise, wie Menschen Landschaften nutzen. Gerade in Gebirgsregionen zeigt sich das deutlich. In den europäischen Alpen etwa werden traditionelle Weideflächen zunehmend aufgegeben. Wo früher Vieh graste, breiten sich heute wieder Bäume aus – und verschieben dadurch die Baumgrenze nach oben.
„Je mehr Bergweiden aufgegeben werden, desto mehr wachsen Bäume dort, wo sie eigentlich früher schon hätten sein können“, erklärt Prof. Dr. Sabine Rumpf vom Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel. Historische Nutzung hinterlässt dabei langfristige Spuren. Demnach reagieren Regionen, die intensiv bewirtschaftet wurden, besonders stark auf Veränderungen in der Landnutzung.
Feuer verändern die Wälder
Neben der Landnutzung beeinflussen auch natürliche und menschengemachte Störungen die Baumgrenzen. Dazu zählen insbesondere Waldbrände. Die zerstören bestehende Vegetation und verhindern, dass Bäume in höheren Lagen nachwachsen.
„Brände sind zwar ein Beispiel für natürliche Störungen“, sagt Erstautor Dr. Tianchen Liang von der Universität Basel. „Aber viele Waldbrände – etwa in Nordamerika – sind heute nicht mehr vollständig von menschlichen Einflüssen zu trennen.“ Der Klimawandel und menschliche Aktivitäten würden deren Frequenz und Ausmaß erhöhen. Die Abgrenzung zwischen natürlichen und anthropogenen Ursachen wird damit zunehmend schwieriger.
Signal des globalen Wandels
Bei Baumgrenzen lassen sich Veränderungen über Jahre hinweg klar erkennen, etwa beim Vergleich von Fotografien. Damit werden sie zu einem eindrücklichen Indikator für globale Veränderungen. Allerdings nur, wenn man ihre Ursachen richtig einordnet.
„Während beim Schwinden der Gletscher klar der Klimawandel die Ursache ist, sind die Gründe bei den Baumgrenzen vielschichtiger“, sagt Rumpf. Vielmehr sind es mehrere Faktoren, die gemeinsam wirken und sich gegenseitig beeinflussen.
Quellenhinweis:
Liang, T., Tian, F., Zou, L., Gravey, M., & Rumpf, S. B. (2026): Global elevational shifts and drivers of alpine treelines. International Journal of Applied Earth Observation and Geoinformation.
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