Wald im Klimastress: Bäume wachsen langsamer – trotz früherem Austreiben

Der Klimawandel verschiebt die Lebensrhythmen der Wälder. Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass die Bäume insgesamt weniger wachsen – und keineswegs mehr, wie man aufgrund der steigenden Temperaturen vielleicht annehmen könnte.

Obwohl der Frühling heute früher beginnt als noch vor zehn Jahren, wachsen Bäume insgesamt langsamer.
Obwohl der Frühling heute früher beginnt als noch vor zehn Jahren, wachsen Bäume insgesamt langsamer. Bild: Trang Lê/Pixabay

Viele Baumarten treiben heute früher aus als noch vor einem Jahrzehnt. Doch trotz des verfrühten Starts wachsen die meisten Bäume langsamer als normalerweise. Das ergibt eine aktuelle Untersuchung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

„Es wurde angenommen, dass sich mit einer längeren warmen Jahreszeit negative Folgen des Klimawandels teilweise kompensieren lassen. Das ist leider nicht der Fall.“

– Arun K. Bose, Ökologe, WSL

Die Studie zeigt, dass steigende Temperaturen und zunehmende Trockenheit den wichtigsten Schweizer Baumarten zusetzen, wobei Fichten, Weißtannen und Buchen besonders betroffen sind. Die Folgen reichen weit über den Wald hinaus und betreffen auch Klimaschutz und Forstwirtschaft.

Jährliches Wachstum verringert sich

Der WSL- Ökologe Arun K. Bose und sein Team analysierten das Stammwachstum von fünf häufigen Baumarten an 48 Standorten in der Schweiz. Grundlage waren Messungen aus den Jahren 2012 bis 2022. In diesem Zeitraum begann die Vegetationsperiode zwar mehrere Tage früher, doch das jährliche Wachstum nahm vielerorts ab.

Über die letzten elf Jahre hat sich die Vegetationsperiode um mehrere Tage nach vorne verschoben. Das ist der Zeitraum des Jahres, in dem Bäume Fotosynthese betreiben können.

Demnach entscheidet nicht der Kalender, ob und wie viel Bäume wachsen, sondern die Anzahl der Tage, an denen Wachstum überhaupt möglich ist. Die Studienergebnisse wurden in Global Change Biology veröffentlicht.

Hitzeperioden und längere Trockenphasen setzen den Bäumen weiter zu. Fehlt Wasser, schließen sie ihre Spaltöffnungen, um Verdunstung zu reduzieren. Die Fotosynthese kommt zum Erliegen, ebenso die Bildung neuen Holzes. Je nach Art und Witterung bleiben jährlich nur 40 bis 110 tatsächliche Wachstumstage.

Am Schluss entscheiden einzelne Tage und Stunden, wieviel ein Baum wächst, fallen einige durch vermehrte Hitze- und Trockenperioden weg, fehlt ein großer Teil des jährlichen Stammzuwachses.

Die Unterschiede zwischen den Baumarten sind dabei deutlich. Während Weißtannen, Buchen und Fichten beim Wachstum besonders stark stagnieren, zeigen Eichen und Föhren eine größere Widerstandsfähigkeit. Dennoch konnte keine der untersuchten Arten vom wärmeren Klima profitieren.

Weniger CO₂-Speicherung

Was folgt daraus? Weil sie CO₂ aus der Atmosphäre aufnehmen und im Holz speichern, sind Wälder bedeutende Kohlenstoffsenken. Je stärker Baume wachsen, desto mehr Kohlenstoff binden sie. Nimmt das Wachstum ab, verringert sich auch die Speicherleistung.

Punktdendrometer werden am Stamm montiert und messen kontinuierlich und im Mikrometerbereich, wie stark der Baumstamm tatsächlich wächst.
Punktdendrometer werden am Stamm montiert und messen kontinuierlich und im Mikrometerbereich, wie stark der Baumstamm tatsächlich wächst. Bild: Roman Zweifel/WSL

Auch für die Waldwirtschaft ist das fatal, da in wärmeren und trockeneren Sommern tendenziell weniger Holz zur Verfügung steht. Gleichzeitig wird die Bewirtschaftung schwieriger. „Wie Bäume auf den Klimawandel reagieren, hängt sowohl vom Standort als auch der Art ab. Deshalb ist es wichtig, Management-Strategien lokal und artenspezifisch zu beurteilen“, so Bose.

Studiengrundlage waren Messungen aus dem internationalen Forschungsnetzwerk TreeNet. Beim Messen wurden sogenannte Punktdendrometer eingesetzt, die direkt am Stamm befestigt werden. Sie registrieren kleinste Durchmesseränderungen und bestimmen stündlich Wachstum und Wasserhaushalt. So wird sichtbar, wann tatsächlich neues Holz entsteht und wann der Stamm nur aufgrund von Wasserschwankungen reagiert. Die Daten belegen eindrücklich, wie stark der Klimastress die Wälder bereits heute prägt.

Quellenhinweis:

Bose, A. K., Etzold, S., Meusburger, K., Gessler, A., Baltensweiler, A., Braun, S., … Zweifel R. (2025): Decreasing stem growth in common European tree species despite earlier growth onset. Global Change Biology, 31, 7, e70318.