Anfänge der Schrift: Europas älteste Informationssysteme sind womöglich 40.000 Jahre alt

Altsteinzeitliche Kerben und Punkte könnten ein Vorgänger der bekannten antiken Schriftsysteme sein. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie. Demnach besitzen die 40.000 Jahre alten Zeichenfolgen eine vergleichbare Informationsdichte wie die früheste Schrift Mesopotamiens.

Der sogenannte „Adorant“ aus der Geißenklösterle Höhle ist rund 38.000 Jahre alt. Die Anordnung der Markierungen lässt auf ein Notationssystem schließen, insbesondere die Reihen von Punkten auf der Rückseite der Platte. Bild: Hendrik Zwietasch/Landesmuseum Württemberg
Der sogenannte „Adorant“ aus der Geißenklösterle Höhle ist rund 38.000 Jahre alt. Die Anordnung der Markierungen lässt auf ein Notationssystem schließen, insbesondere die Reihen von Punkten auf der Rückseite der Platte. Bild: Hendrik Zwietasch/Landesmuseum Württemberg

Linien, Kreuze, Kerben und Punktreihen ziehen sich über Mammutelfenbein, Werkzeuge und kleine Skulpturen. Die schlichten Zeichenabfolgen auf altsteinzeitlichen Artefakten, manche bis zu 45.000 Jahre alt, wurden lange als bloße Verzierung interpretiert. Neue Analysen legen nun nahe, dass die Ritzungen auch der Verständigung gedient haben könnten – möglicherweise als Vorgänger der Schrift.

Die ersten bekannten Schriftsysteme waren die mesopotamische Keilschrift und die ägyptischen Hieroglyphen. Davor gab es bereits standardisierte Zeichensysteme wie die Proto-Keilschrift, die vor allem für einfache Verwaltungsvorgänge wie Vieh- und Getreidezählungen verwendet wurde.

Ein Forschungsteam um den Sprachwissenschaftler Christian Bentz und die Archäologin Ewa Dutkiewicz hat nun die altsteinzeitlichen Zeichen systematisch untersucht. Dabei kam heraus, dass die strukturelle Komplexität der frühesten Proto-Keilschrift ähnelt, die erst rund 40.000 Jahre später in Mesopotamien entstand. Selbst die Forschenden zeigten sich erstaunt über die Deutlichkeit der statistischen Befunde. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Die Schwäbische Alb und die Frühgeschichte

Besonders viele Fundstücke stammen aus der Schwäbischen Alb, eine der wichtigsten altsteinzeitlichen Fundorte überhaupt. In Höhlen wie der Vogelherdhöhle entdeckten Archäologen kunstvoll gearbeitete Figuren, darunter ein kleines Mammut aus Elfenbein, dessen Oberfläche mit regelmäßigen Kreuz- und Punktmustern versehen ist.

Auch aus dem Geißenklösterle stammen Objekte mit gleichmäßig gesetzten Kerben. Und der berühmte Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel trägt am Arm wiederkehrende Einschnitte.

„Die Schwäbische Alb ist eine der weltweit bedeutendsten Fundregionen, aber es gibt viele weitere Fundorte“, sagt die promovierte Archäologin Ewa Dutkiewicz, die auch wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin im Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin ist. „Zahlreiche Werkzeuge und Skulpturen aus dem Paläolithikum, der Altsteinzeit, tragen bewusst gesetzte Zeichensequenzen.“

Artefakte mit geometrischen Zeichen. Links oben: Mammut-Figurine, Elfenbein, Vogelherd. Links Mitte: Spatel/Glättwerkzeug, Knochen, Vogelherd. Links unten: Knochen, unbestimmt, Hohle Fels. Rechts: Spatel/Glättwerkzeug, Knochen, Vogelherd. Bild: Universität Tübingen/Ewa Dutkiewicz/Juraj Lipták
Artefakte mit geometrischen Zeichen. Links oben: Mammut-Figurine, Elfenbein, Vogelherd. Links Mitte: Spatel/Glättwerkzeug, Knochen, Vogelherd. Links unten: Knochen, unbestimmt, Hohle Fels. Rechts: Spatel/Glättwerkzeug, Knochen, Vogelherd. Bild: Universität Tübingen/Ewa Dutkiewicz/Juraj Lipták

Das Team digitalisierte über 3000 einzelne Zeichen auf rund 260 Objekten und speicherte sie in einer eigens aufgebauten Datenbank. Ziel war es nicht, eine konkrete Bedeutung zu entschlüsseln. Vielmehr wollten die Forschenden messbare Eigenschaften analysieren, wie Wiederholungsraten, Musterbildung und Informationsdichte.

„Wir kommen mit unserer Forschung dem statistischen Fingerabdruck der Zeichensysteme auf die Spur. Die steinzeitlichen Zeichensequenzen sind eine frühe Alternative zur Schrift.“

– Professor Christian Bentz, Universität des Saarlandes

Dabei griff das Team auf Methoden der quantitativen Linguistik zurück, also statistische Modelle und maschinelle Lernverfahren. Dabei wurde unter anderem die sogenannte Entropie berechnet, welche die Informationsdichte innerhalb eines Zeichensystems angibt.

Vergleich mit der Proto-Keilschrift

Zum Vergleich zogen die Forschenden frühe Tontafeln aus dem alten Mesopotamien heran, die der Proto-Keilschrift zugerechnet werden. Diese ist ein Vorläufer der eigentlichen Keilschrift und datiert auf etwa 3000 v. Chr.

Mit unseren Auswertungen können wir zunächst belegen, dass die Zeichensequenzen nichts mit unserer heutigen Schrift gemein haben, die gesprochene Sprachen abbildet und eine hohe Informationsdichte aufweist.

„Auf den archäologischen Funden hingegen haben wir Zeichen, die sich sehr oft wiederholen – Kreuz, Kreuz, Kreuz, Linie, Linie, Linie – gesprochene Sprachen weisen diese repetitiven Strukturen nicht auf“, erklärt Christian Bentz, Professor an der Universität des Saarlandes. Doch die eigentliche Überraschung war, „dass die Jäger und Sammler der Altsteinzeit ein Zeichensystem mit statistisch vergleichbarer Informationsdichte wie die frühesten Proto-Keilschrifttafeln aus dem alten Mesopotamien – ganze 40 Jahrtausende später – entwickelt haben“, so der Sprachwissenschaftler.

Beispiele von Tafeln mit Proto-Keilschrift aus Uruk. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/Olaf M. Teßmer
Beispiele von Tafeln mit Proto-Keilschrift aus Uruk. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/Olaf M. Teßmer

Zeichensequenzen der Proto-Keilschrift seien ebenso repetitiv, die einzelnen Zeichen wiederholten sich vergleichbar häufig. „Die Zeichensequenzen sind von ihrer Komplexität her vergleichbar“, so Bentz. „Die Informationsdichte ist dabei auf Figurinen höher als auf Werkzeugen“, ergänzt die Archäologin Ewa Dutkiewicz.

Der lange Weg zur Schrift

Die frühe Proto-Keilschrift ähnelt strukturell stärker den altsteinzeitlichen Zeichen als den modernen Schriften. „Wir hätten vermutet, dass auch die frühe Proto-Keilschrift sehr viel näher an heutige Schriftsysteme heranreicht – schon allein aufgrund der relativen zeitlichen Nähe. Je mehr wir uns allerdings damit beschäftigt haben, umso deutlicher wurde, wie strukturell ähnlich die frühe Proto-Keilschrift den viel älteren paläolithischen Zeichensequenzen ist“, sagt Ewa Dutkiewicz.

„Danach, vor rund 5000 Jahren, kam relativ plötzlich ein neues System auf, das gesprochene Sprache wiedergibt – da finden wir natürlich völlig veränderte statistische Eigenschaften.“

– Professor Christian Bentz, Universität des Saarlandes

Für die Forschenden deutet dies auf eine lange Entwicklung visueller Zeichengebung hin. „Die Fähigkeit des Menschen, Informationen über Zeichen und Symbole zu kodieren, hat sich über viele Jahrtausende entwickelt“, erklärt Bentz. Die Schrift sei nur eine spezifische Ausformung aus einer langen Reihe an Zeichensystemen.

Ein uralter Informationscode

Was genau die Menschen der Altsteinzeit mit ihren Zeichen festhalten wollten, bleibt vorerst offen. „Aber die neuen Erkenntnisse könnten dabei helfen, mögliche Interpretationen einzugrenzen“, sagt Ewa Dutkiewicz.

Die Artefakte entstanden in einer Zeit, als der Homo sapiens gerade begann, Europa zu besiedeln. Anatomisch und kognitiv unterschieden sich die damaligen Menschen kaum von uns.

Informationen zu speichern und weiterzugeben war für Jäger und Sammler überlebenswichtig, sei es, um Gruppen zu koordinieren oder Wissen weiterzugeben. Dass sie dafür strukturierte Zeichensysteme genutzt haben könnten, rückt die Ursprünge menschlicher Kommunikation in ein neues Licht.

Quellenhinweis:

Bentz, C., & Dutkiewicz, E. (2026): Humans 40,000 y ago developed a system of conventional signs. Proceedings of the National Academy of Sciences U.S.A., 123, 9, e2520385123.