Sommerhitze bringt Tropenkrankheit nach Europa: Tigermücken übertragen Chikungunya – Forscher warnen vor Gefahr

Heiße Sommer erhöhen Chikungunya-Risiko in Europa. Tigermücken übertragen das Virus von Mai bis Oktober, Spitzen in Juli/August. Südeuropa ist laut Wissenschaftlern besonders gefährdet.

Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) breitet sich in Europa aus – bei sommerlichen Temperaturen kann sie das Chikungunya-Virus effizient übertragen.
Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) breitet sich in Europa aus – bei sommerlichen Temperaturen kann sie das Chikungunya-Virus effizient übertragen.

Chikungunya, ein Virus, das heftige Gelenkschmerzen verursacht, ist längst kein Tropenproblem mehr. Seit 2007 breitet sich die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) in Europa aus. Experten warnen: Bei steigenden Temperaturen steigt auch das Risiko von lokalen Ausbrüchen – besonders im Sommer.

Datengrundlage und Modellierung

Forscher führten eine umfassende Literaturauswertung durch: Aus über 6.500 wissenschaftlichen Arbeiten blieben nach strenger Prüfung 49 Studien übrig, die Daten über das Zusammenspiel von Chikungunya und Tigermücken lieferten. Insgesamt 405 Datenpunkte flossen in die Analyse ein. Der Fokus lag auf drei entscheidenden Parametern:

  • Extrinsische Inkubationszeit (EIP): Wie lange dauert es, bis Mücken nach einer Infektion das Virus übertragen können?
  • Parasitenentwicklungsrate (PDR): Wie schnell entwickelt sich der Virus innerhalb der Mücke?
  • Vektor-Kompetenz (VC): Wie groß ist der Anteil infizierter Mücken, die das Virus tatsächlich übertragen können?

Die Forscher nutzten dafür verschiedene statistische Modelle, darunter die Hill-, Logistic- und Gompertz-Funktion. Am besten geeignet zeigte sich die Hill-Funktion.

Temperatur als entscheidender Faktor

Die Analyse zeigt: Die Inkubationszeit verkürzt sich mit steigender Temperatur stark – bei 18 °C dauert sie im Mittel 8,7 Tage, bei 30 °C nur noch 1,74 Tage.

Die Vektor-Kompetenz folgt einem Glockenkurvenmuster, mit dem Maximum bei rund 22 °C.

Das bedeutet: Es gibt einen optimalen Temperaturbereich für die Virusübertragung, aber auch kühle und heiße Tage können noch eine Ansteckung ermöglichen.

Optimale Bedingungen und Grenzen

Die Forscher ermittelten, dass Chikungunya bei Tigermücken zwischen 13,8 °C und 31,8 °C übertragen werden kann, mit einem Optimum bei 25,6 °C. Das zeigt, dass Europa in den Sommermonaten für das Virus empfänglich ist – insbesondere Süd- und Mittelmeerregionen.

Risikokarte Europas

Modellrechnungen zeigen: Von Mai bis Oktober besteht Übertragungsgefahr. Spitzenwerte treten im Juli und August auf, wenn fast die Hälfte Europas klimatisch geeignet ist.

Besonders gefährdet sind Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Malta und Albanien.

Moderates Risiko besteht in Mitteleuropa, darunter Deutschland, Frankreich, Österreich und die Schweiz.

Nord- und Nordwestländer wie Dänemark, Schweden oder Großbritannien sind weniger betroffen.

Vergleich mit Dengue

Chikungunya unterscheidet sich deutlich vom Dengue-Virus. Die Inkubationszeit ist kürzer, was eine schnellere Ausbreitung ermöglicht. Außerdem existiert nur ein Chikungunya-Serotyp, sodass Infizierte in der Regel lebenslang immun sind. Dengue hingegen hat vier Serotypen, wodurch wiederkehrende Infektionen möglich sind.

Einfluss von Reisen und Mückenvielfalt

Die Übertragungsgefahr hängt nicht nur von Temperatur ab. Reisen aus endemischen Gebieten, genetische Unterschiede der Virusstämme sowie der Mückenpopulationen beeinflussen die Ausbreitung. Lokale Ausbrüche in Italien und Frankreich zeigen, dass importierte Fälle schnell zu Ansteckungen führen können, wenn das Klima stimmt.

Mechanistische Modelle verbessern Vorhersagen

Im Gegensatz zu früheren Studien nutzte dieses Forschungsteam speziell für Tigermücken und Chikungunya entwickelte Temperatur-abhängige Modelle. Sie berücksichtigen die nicht-lineare Beziehung zwischen Temperatur und Virusvermehrung, wodurch Vorhersagen realistischer werden. Frühere Schätzungen, die auf Dengue-Daten oder anderen Mückenarten basierten, unterschätzten das Risiko in Europa.

Bedeutung für Prävention

Die Ergebnisse sind relevant für die öffentliche Gesundheit: Sie helfen, Hotspots und kritische Zeiträume zu erkennen, um gezielt Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Dazu gehören Mückenbekämpfung, Aufklärung und Monitoring. Frühwarnsysteme könnten künftig auf Temperaturdaten, Mückenpopulationen und Reiseflüssen basieren, um das Risiko von Chikungunya-Ausbrüchen zu minimieren.

Quelle

Sandeep Tegar, Dominic P. Brass, Bethan V. Purse, Christina A. Cobbold & Steven M. White (2026): Temperature-sensitive incubation, transmissibility and risk of Aedes albopictus-borne chikungunya virus in Europe, J. R. Soc. Interface 23 (235): 20250707.