So lang wie ein Bus: Eine seltene Riesenqualle gibt vor Argentiniens Küste Einblick in die verborgene Welt der Tiefsee
Vor Argentiniens Küste filmen Forschende eine kaum bekannte Riesenqualle. Der Fund zeigt die Schönheit der Tiefsee – und macht zugleich sichtbar, wie stark selbst entlegene Ozeanräume bedroht sind.

Es ist eine Begegnung, die selbst erfahrene Meeresforscher kaum erwarten dürfen. In rund 250 Metern Tiefe vor der Atlantikküste Argentiniens taucht auf den Monitoren eines Forschungsschiffs ein Wesen auf, das eher an eine Erscheinung aus einer anderen Welt erinnert als an ein bekanntes Tier.
Die Kamera des ferngesteuerten Tauchroboters hält fest, was bislang nur wenige Menschen je gesehen haben. Entdeckt wurde das Tier während einer Expedition des Schmidt Ocean Institute, das den Meeresboden und die Wassersäule vor Südamerika systematisch erforscht.
Die Wissenschaftler sprachen von einer Sichtung von außergewöhnlicher Seltenheit. Die Qualle wirkte so groß, dass ihre Ausmaße mit der Länge eines Schulbusses verglichen wurden.
Ein Gigant unter den Quallen
Die Phantomqualle, wie Stygiomedusa gigantea auch genannt wird, zählt zu den größten bekannten Quallenarten der Welt. Ihre vier Arme können jeweils bis zu zehn Meter lang werden, der Schirm erreicht einen Durchmesser von etwa einem Meter. Trotz dieser Größe ist das Tier kaum erforscht. Sichtungen sind rar, da es sich meist in mittleren Tiefen des offenen Ozeans aufhält, fernab von Küsten und ohne festen Lebensraum.
Bemerkenswert ist auch ihre Jagdstrategie. Anders als viele Quallen besitzt die Riesenqualle keine typischen, mit Nesselzellen besetzten Tentakel. Stattdessen nutzt sie ihre breiten Arme, um Beute wie Plankton, Krebstiere oder kleine Fische einzuhüllen. Wie oft sie frisst, wie schnell sie wächst oder wie alt sie wird, ist bislang weitgehend unbekannt.
ROV pilots filmed this giant phantom jelly, or Stygiomedusa gigantea, at 253 meters during an ROV descent to explore the Colorado-Rawson submarine canyon wall. #ArgentinianDeepSeeps pic.twitter.com/80tq5JYOTz
— Schmidt Ocean (@SchmidtOcean) January 2, 2026
Forschung mit modernster Technik
Die Aufnahmen gelangen mithilfe des Tauchroboters ROV SuBastian, der mit hochauflösenden Kameras und sensiblen Messinstrumenten ausgestattet ist. Solche Geräte ermöglichen es, empfindliche Tiefseeorganismen zu beobachten, ohne sie zu stören oder zu beschädigen.
Die Expedition führte das Team von Buenos Aires bis an die Südspitze des Kontinents nach Feuerland. In verschiedenen Tiefen sammelten die Forschenden chemische, physikalische und biologische Proben. Nach ersten Auswertungen könnten dabei bis zu 28 bislang unbekannte Arten dokumentiert worden sein, darunter Würmer, Schnecken und Seeanemonen.
Neue Arten, alte Bedrohungen
Neben den biologischen Entdeckungen stießen die Forschenden jedoch auch auf Spuren menschlicher Präsenz. In großer Tiefe fanden sie zurückgelassene Fischernetze, Plastiktüten und sogar eine VHS-Kassette mit koreanischer Beschriftung, die nahezu unversehrt war. Solche Funde zeigen, wie langlebig Kunststoffe im Meer sind und wie weit sie sich über Ozeanströmungen verbreiten können.
Die Tiefsee galt lange als nahezu unberührter Raum. Doch die Expedition macht deutlich, dass selbst entlegene Regionen nicht mehr frei von menschlichem Einfluss sind. Müll, Überfischung und der Klimawandel verändern auch jene Ökosysteme, die bislang kaum erforscht wurden.
Quelle
Schmidt Ocean Institute; Videomaterial und Expeditionsdaten des ROV SuBastian (Expedition Dezember 2025); Angaben nach Mitteilungen des Schmidt Ocean Institute und des argentinischen Instituts für Ozeanographie gegenüber Medien.