Salzwasserriesen auf Reisen: Wie Leistenkrokodile tausende Kilometer über den Indischen Ozean schwammen

Leistenkrokodile haben einst tausende Kilometer offenen Ozeans überwunden. Eine neue Genanalyse zeichnet nun ihre Wanderung nach und klärt die Identität der Seychellen-Krokodile. Deren Abstammung hatte der Forschung lange Zeit Rätsel aufgegeben.

Leistenkrokodile können über sechs Meter lang und über eine Tonne schwer werden. Sie bewohnen oft küstennahe Gebiete, wie hier zum Beispiel die Mündung des Nilgawa-Flusses in der Stadt Matara im Süden von Sri Lanka. Bild: Kathrin Glaw/SNSB
Leistenkrokodile können über sechs Meter lang und über eine Tonne schwer werden. Sie bewohnen oft küstennahe Gebiete, wie hier zum Beispiel die Mündung des Nilgawa-Flusses in der Stadt Matara im Süden von Sri Lanka. Bild: Kathrin Glaw/SNSB

Als europäische Seefahrer die Seychellen im 18. Jahrhundert erreichten, waren Krokodile ein vertrauter Anblick an den Küsten der Inseln. Aus zeitgenössischen Berichten geht hervor, dass die Tiere häufig anzutreffen waren. Mit der dauerhaften Besiedlung ab 1770 änderte sich das jedoch dramatisch. Innerhalb von rund 50 Jahren wurden die Krokodile systematisch verfolgt und schließlich vollständig ausgerottet.

Die Seychellen wurden bereits im 16. Jahrhundert von portugiesischen Seefahrern grob kartiert. In den 1740er Jahren wurden sie dann offiziell von französischen Seefahrern in Besitz genommen und mit dem Namen „Seychellen“ benannt, nach dem französischen Finanzminister Jean Moreau de Séchelles. Erst ab 1770 wurde die Region dauerhaft besiedelt.

Über die zoologische Identität der Seychellen-Krokodile herrschte lange Unsicherheit. Erhalten geblieben sind nur wenige Schädelreste in europäischen Museen. Je nach Untersuchung wurden sie dem Nilkrokodil oder dem Leistenkrokodil zugeordnet. Die wenigen Merkmale ließen jedoch keine verlässliche Bestimmung zu, und erst mit modernen genetischen Methoden konnte die Abstammung geklärt werden.

Meister maritimer Anpassung

Ein internationales Forschungsteam analysierte genetische Daten historischer Museumsexemplare sowie heutiger Krokodile aus dem gesamten Verbreitungsgebiet. Darunter befand sich auch die DNA des vor etwa 200 Jahren ausgestorbenen Seychellen-Krokodils. Auf diese Weise ist die bisher umfassendste Stammesgeschichte der Gattung Crocodylus entstanden.

„Die Gründer der Seychellenpopulation müssen mindestens 3000 Kilometer durch den Indischen Ozean getrieben sein, um die abgelegene Inselgruppe zu erreichen, vielleicht auch noch sehr viel weiter.“

– Frank Glaw, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns

Das wichtigste Ergebnis der in Royal Society Open Science veröffentlichten Studie: Die Seychellen-Tiere gehörten eindeutig zum Leistenkrokodil (Crocodylus porosus) und bildeten dessen westlichste bekannte Population.

Drei unvollständige Schädel aus dem Nationalmuseum der Seychellen gehören zu den wenigen erhaltenen Überresten der Seychellenkrokodile. Bild: Kathrin Glaw/SNSB
Drei unvollständige Schädel aus dem Nationalmuseum der Seychellen gehören zu den wenigen erhaltenen Überresten der Seychellenkrokodile. Bild: Kathrin Glaw/SNSB

Leistenkrokodile sind unter allen heute lebenden Krokodilen am besten an das Leben im Meer angepasst. Spezielle Salzdrüsen erlauben es ihnen, überschüssiges Salz auszuscheiden, wodurch die Tiere lange Zeit im Salzwasser überleben und weite Strecken im offenen Ozean zurücklegen konnten.

Enge genetische Verbindungen

Die Genanalysen zeigen, dass die Bestände der Art lange vernetzt waren. Klare geografische Trennlinien fehlen weitestgehend.

„Die genetischen Muster deuten darauf hin, dass die Populationen der Leistenkrokodile über lange Zeiträume und große Distanzen hinweg miteinander verbunden blieben, was auf eine große Mobilität dieser Art hinweist.“

– Stefanie Agne, Universität Potsdam, Erstautorin

Vor der Ausrottung der Art auf den Seychellen reichte das Verbreitungsgebiet in Ost-West-Richtung über rund 12.000 Kilometer, vom Pazifik bis in den westlichen Indischen Ozean.

Gen-Netzwerk basierend auf allen Sequenzen der Kontrollregion von Crocodylus porosus. Es wurden 19 Gene (Haplotypen) identifiziert; der eingerahmte Typ gehört zum Seychellen-Krokodil. Bild: Agne et al., 2026
Gen-Netzwerk basierend auf allen Sequenzen der Kontrollregion von Crocodylus porosus. Es wurden 19 Gene (Haplotypen) identifiziert; der eingerahmte Typ gehört zum Seychellen-Krokodil. Bild: Agne et al., 2026

Indem sie zeigt, dass die Seychellen-Krokodile vom damals weit verbreiteten Leistenkrokodil abstammen, löst die Studie einerseits ein historisches Rätsel. Beim Artenschutz stellt sie außerdem starre Unterarten-Konzepte infrage und zeigt, dass Bestände immer auch genetisch vernetzt sind. Zugleich erinnert sie daran, wie schnell auch weit verbreitete Arten verschwinden können – so wie einst die Krokodile der Seychellen.

Quellenhinweis:

Agne, S., Arnold, P., Belle, B., Straube, N., Hofreiter, M., Glaw, F. (2026): Mitogenomic Crocodylia phylogeny and population structure of Crocodylus porosus including the extinct Seychelles crocodile. Royal Society Open Science, 13, 251546.