Rückgang des arktischen Meereises: Neue Studien 2026

Das arktische Meereis erreichte 2026 erneut einen Tiefstand, statistisch gleichauf mit dem Rekordtief von 2025. Zwei neue Studien zeigen: Die vermeintliche Pause beim Rückgang ist vorbei – mit spürbaren Folgen für das arktische Ökosystem.

Neue Studien zeigen: Der Rückgang des arktischen Meereises hält an. Foto: Rung.
Neue Studien zeigen: Der Rückgang des arktischen Meereises hält an. Foto: Rung.

Rekordverdächtiger Winter 2026

Am 15. März 2026 erreichte das arktische Meereis mit 14,29 Mio. km² seinen winterlichen Höchststand – nur unwesentlich über dem Rekordtief des Vorjahres von 14,31 Mio. km², wie das National Snow and Ice Data Center (NSIDC) berichtet. Der Wert liegt 1,36 Mio. km² unter dem langjährigen Mittel der Jahre 1981–2010.

Unabhängige Datensätze bestätigen das Bild, auch wenn die absoluten Zahlen je nach Methodik leicht abweichen. Der europäische Klimawandeldienst Copernicus Climate Change Service (C3S/ECMWF) maß am 7. März einen Tageshöchstwert von 14,43 Mio. km² – nur 0,01 Mio. mehr als 2025, ebenfalls ein statistischer Gleichstand. Der März-Monatsmittelwert lag bei 14,2 Mio. km² und damit 5,7 % unter dem langjährigen Mittel – der niedrigste März-Durchschnitt der Satellitenära.

Die Japan Aerospace Exploration Agency (JAXA) registrierte mit 13,76 Mio. km² sogar den niedrigsten Wert ihrer eigenen, über 40 Jahre reichenden Messreihe.

Ausdehnung des Arktischen Meereises – März 2026 im Vergleich zum Median des gleichen Monats (1981 - 2010). Karte: Sabin Klein
Ausdehnung des Arktischen Meereises – März 2026 im Vergleich zum Median des gleichen Monats (1981 - 2010). Karte: Sabin Klein

Alle drei Institutionen stimmen darin überein, dass es sich um einen statistischen Gleichstand mit 2025 handelt, nicht um einen eindeutigen neuen Rekord. Besonders betroffen war die Barentssee, wo warme, feuchte Luftmassen aus dem Nordatlantik für ungewöhnlich dünnes, brüchiges Eis sorgten.

Sommer 2026 deutlich unter dem Mittel

Auch im Sommer setzt sich der Rückgang fort. Nach Angaben des britischen Wetterdienstes Met Office lag die arktische Meereisausdehnung am 2. August bei 7,02 Mio. km² – der neuntniedrigste Wert für diesen Kalendertag seit Beginn der Satellitenmessungen 1979 und 1,38 Mio. km² unter dem Mittel von 1981–2010.

Der Juli-Durchschnitt von 8,29 Mio. km² war der gemeinsam fünftniedrigste seiner Art. Wie tief das Eis im September, dem Monat des saisonalen Minimums, tatsächlich sinkt, ist noch offen. Das Met Office hält einen Wert innerhalb der seit 2007 üblichen Spanne von 3,99 bis 5,68 Mio. km² für am wahrscheinlichsten. Ein neuer Rekord ist damit ebenso wenig ausgeschlossen wie eine leichte Erholung.

Die vermeintliche Pause ist vorbei

Besonders bedeutsam ist eine im Juli 2026 im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlichte Studie. Ein Team um Duo Chan von der University of Southampton zeigt: Die Rekordtiefs von 2025 und 2026 stellen einen zuvor statistisch nicht mehr eindeutig nachweisbaren 20-Jahres-Abwärtstrend beim winterlichen Meereis wieder her.

Allein von 2024 auf 2025 schrumpfte die winterliche Ausdehnung um 5,8 % – der größte je gemessene Jahresrückgang in dieser Jahreszeit seit Beginn der Satellitenmessungen.

Was in den frühen 2020er-Jahren wie eine Pause aussah, erweist sich nun als vorübergehende Verlangsamung innerhalb eines längerfristigen, mit der globalen Erwärmung verbundenen Rückgangs.

– Duo Chan, Erstautor der Studie, University of Southampton

Für die Einordnung ist das entscheidend: Wie das NSIDC betont, zählt weniger das einzelne Rekordjahr als die Übereinstimmung mit dem langfristigen, mehrjährigen Rückgang – ein Muster, zu dem auch der Winter 2026 einen weiteren Datenpunkt beiträgt.

Folgen für das Nahrungsnetz des Nordpolarmeers

Wie tiefgreifend der Eisrückgang das arktische Ökosystem verändert, zeigt eine zweite, 2026 in Communications Earth & Environment erschienene Studie. Ein internationales Team um Marina Santos-García dokumentiert, dass der schwindende Eispanzer seit etwa 2009 die Stickstoffchemie des Nordpolarmeers grundlegend verschoben hat.

Auf den flachen Schelfgebieten – vor allem vor der Tschuktschensee und der Ostsibirischen See – baut ein mikrobieller Prozess im Meeresboden zunehmend Nitrat ab, ein für das Algenwachstum lebenswichtiger Nährstoff.

Denitrifikation: Ein mikrobieller Prozess, bei dem Bakterien im Meeresboden Nitrat in gasförmigen Stickstoff umwandeln, der in die Atmosphäre entweicht und dem Wasser damit einen wichtigen Nährstoff entzieht. Der Rückgang des Meereises hat diesen Prozess auf den flachen arktischen Schelfgebieten in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt.

Nicht mehr Licht, sondern Nitrat begrenzt der Studie zufolge inzwischen das Algenwachstum im Nordpolarmeer – mit Folgen für das gesamte Nahrungsnetz bis hin zu Fischen, Seevögeln und Meeressäugern sowie für die Fähigkeit des arktischen Ozeans, Kohlendioxid zu binden. Die Autoren halten diesen Wandel für kaum umkehrbar, solange das Meereis weiter zurückgeht.

Chan, D., Silvano, A., Josey, S.A., et al. (2026). Record-low 2025 and 2026 ice extents restore Arctic winter sea-ice decline. Proceedings of the National Academy of Sciences. https://doi.org/10.1073/pnas.2614134123

Santos-García, M., Ganeshram, R.S., Oziel, L., Dodd, P.A., de Steur, L., Tuerena, R.E., & Stedmon, C.A. (2026). Sea ice loss drives a regime shift in Arctic Ocean nitrogen biogeochemistry. Communications Earth & Environment, 7, Article 442. https://doi.org/10.1038/s43247-026-03569-x