Piratengold als Kulturerbe: Akan-Gold war reiner, als in alten kolonialen Mythen dargestellt

Westafrika spielt bereits seit über tausend Jahren eine zentrale Rolle im internationalen Goldhandel. Schon früh gelangte das Edelmetall über Transsaharahandelsrouten bis in den Mittelmeerraum. Mit dem Aufstieg des Seehandels im 15. Jahrhundert rückte die Goldküste im heutigen Ghana in den Fokus europäischer Mächte, die dort zahlreiche Forts und Handelsstützpunkte errichteten.

Die in der Studie analysierten Proben stammen von der Whydah Gally, einem einstigen Sklavenschiff, das 1717 vor der Küste von Massachusetts in einem Sturm gesunken war. Bild: Tobias Skowronek
Die in der Studie analysierten Proben stammen von der Whydah Gally, einem einstigen Sklavenschiff, das 1717 vor der Küste von Massachusetts in einem Sturm gesunken war. Bild: Tobias Skowronek

Im Afrika des 15. bis 19. Jahrhunderts wurden die Küstenabschnitte der Guineaküste von den Europäern nach dem benannt, das dort gehandelt wurde, etwa als Elfenbeinküste, Pfefferküste, Sklavenküste oder Goldküste – das heutige Ghana. Im Mittelpunkt des Goldhandels stand der rohstoffreiche Ashanti-Goldgürtel, eine der bedeutendsten Goldlagerstätten der Region.

Der Ashanti-Goldgürtel ist ein etwa 300 km langer Abschnitt der ghanaischen Küste, der von Takoradi im Westen bis nach Konongo in der Ashanti-Region im Nordosten reicht. Viele wichtige moderne Minen befinden sich hier, etwa bei den Städten Konongo, Obuasi, Mampon, Bogosu und Prestea.

Trotz intensiver Handelskontakte blieb die tatsächliche Zusammensetzung des Goldes lange unklar. Zeitgenössische Berichte basierten oft auf Hörensagen und Vorurteilen. Besonders hartnäckig hielt sich der Vorwurf, das gehandelte Gold sei absichtlich gestreckt worden.

Über Generationen hinweg beeinflussten die Darstellungen die Geschichtsschreibung. Zweifel an ihrer Objektivität wurden selten systematisch überprüft. Erst moderne Forschung hinterfragt nun die alten Narrative. Eine aktuelle Studie der Universität Bonn setzt genau hier an.

Ashanti-Goldgürtel: 1 = Konongo, 2 = Obuasi, 3 = Mampon, 4 = Bogosu, 5 = Prestea. Die britischen Festungen des frühen 18. Jahrhunderts, welche die Whydah Gally evtuell angelaufen hat, sind rot markiert. Blau: niederländisches Hauptquartier in Westafrika. Bild: Tobias Skowronek
Ashanti-Goldgürtel: 1 = Konongo, 2 = Obuasi, 3 = Mampon, 4 = Bogosu, 5 = Prestea. Die britischen Festungen des frühen 18. Jahrhunderts, welche die Whydah Gally evtuell angelaufen hat, sind rot markiert. Blau: niederländisches Hauptquartier in Westafrika. Bild: Tobias Skowronek

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Dr. Tobias Skowronek hat erstmals Goldartefakte der Akan aus dem heutigen Ghana untersucht. Die Akan sind eine bedeutende ethnische Gruppe Westafrikas, die knapp 50 % der ghanaischen Bevölkerung ausmacht. Historische Zeugnisse ihrer berühmten Goldschmiedekunst sind heute nur selten anzutreffen, da europäische Händler die Objekte meist eingeschmolzen haben, anstatt ihren kulturellen Wert anzuerkennen.

Ein Wrack als Zeugnis

Für ihre Untersuchung griffen die Forschenden auf einen außergewöhnlichen Fundort zurück: das Wrack der Whydah Gally. Das Schiff war 1717 vor der Küste Massachusetts nach einem Sturm gesunken.

Ursprünglich ein Sklavenschiff, wurde es vom Piraten Samuel „Black Sam“ Bellamy erbeutet und als Flaggschiff genutzt. Durch zahlreiche Überfälle sammelte sich an Bord eine große Menge wertvoller Beute an.

Das Wrack ist von besonderer historischer Bedeutung. Es enthält Goldmünzen, Nuggets und Schmuck aus verschiedenen Regionen, darunter auch Stücke aus Westafrika. Die Funde stellen eine seltene Gelegenheit dar, historisches Material in seinem ursprünglichen Zustand zu analysieren. Genau das macht sie für die Forschung so wertvoll.

Fast 100-prozentiges Gold

Im Labor wurden die Proben mithilfe moderner Röntgentechnologie untersucht. Dabei sollte ihre chemische Zusammensetzung genau bestimmt werden.

Perforierte Goldnuggets, Plättchen und Gussfragmente. Bild: Tobias Skowronek
Perforierte Goldnuggets, Plättchen und Gussfragmente. Bild: Tobias Skowronek

Die Ergebnisse widersprechen den historischen Berichten. Das untersuchte Gold zeigt keinerlei Hinweise auf absichtliche Streckung. Im Gegenteil, einige Proben bestehen nahezu zu 100 Prozent aus reinem Gold.

Zwar enthalten manche Stücke einen höheren Silberanteil von bis zu 25 Prozent. Doch das Gold aus dem Ashanti-Goldgürtel weist natürlicherweise schwankende Silberanteile auf. Europäische Händler kannten die geologischen Besonderheiten nicht und interpretierten die vermeintliche Verunreinigung als Betrug.

Koloniale Narrative müssen überprüft werden

Das Missverständnis verfestigte sich über die Zeit zu einem weit verbreiteten Vorurteil. Die im Fachjournal Heritage Science veröffentlichte Studie zeigt nun, dass solche Annahmen über Jahrhunderte weitergetragen wurden, ohne jemals überprüft zu werden.

Die Ergebnisse belegen eindrucksvoll, dass naturwissenschaftliche Methoden historische Narrative korrigieren können. Sie tragen dazu bei, die Geschichte des westafrikanischen Handels differenzierter zu betrachten – und alte Vorurteile zu hinterfragen.

Quellenhinweis:

Skowronek, T. B., Clifford, B., & DeCorse, C. R. (2026): Pirate gold provides new insights into West African trade using pXRF and SEM EDS analysis. npj Heritage Science.