Ozonschicht in Gefahr: Industriechemikalien könnten die Regeneration um Jahre hinauszögern

Die Ozonschicht erholt sich langsamer als gedacht. Eine neue Studie belegt nun, dass industrielle Chemikalien viel häufiger in die Luft gelangen als angenommen, was sowohl dem Klima als auch der Atmosphäre schadet.

Die hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch liegt auf 3580 Metern über dem Meeresspiegel auf einem Bergsattel in den zentralen Schweizer Alpen. Bild: Empa
Die hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch liegt auf 3580 Metern über dem Meeresspiegel auf einem Bergsattel in den zentralen Schweizer Alpen. Bild: Empa

Die weltweite Erholung der Ozonschicht könnte sich erheblich verzögern. Zu diesem Schluss kommt eine internationale Forschungsgruppe unter Leitung der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Demnach tragen industrielle Chemikalien stärker zur Belastung bei als bisher angenommen. Untersucht wurden sogenannte Feedstock-Chemikalien, die als Ausgangsstoffe in der Industrie dienen (sozusagen als Anlagenfutter) und bis dato von internationalen Regelwerken weitgehend ausgenommen sind.

Ozonabbauende Substanzen wie Tetrachlorkohlenstoff (CCl4) oder bestimmte Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs) sind für Alltagsprodukte wie Kühlschränke längst verboten. In industriellen Prozessen werden sie jedoch weiterhin eingesetzt, etwa zur Herstellung moderner Kältemittel oder Kunststoffe.

Weil man von minimalen Emissionen ausging, wurde die Nutzung ozonabbauender Substanzen für industrielle Zwecke lange als unproblematisch angesehen. Doch genau diese Annahme erweist sich nun als falsch: Neue Messungen zeigen, dass bei Produktion, Transport und Weiterverarbeitung deutlich mehr schädliche Stoffe in die Atmosphäre gelangen als erwartet. Statt der ursprünglich angenommenen 0,5 Prozent entweichen heute rund drei bis vier Prozent.

„Diese Stoffe sind nicht nur ozonabbauend, sondern auch stark klimaschädlich“, erklärt Dr. Stefan Reimann, Atmosphärenforscher an der Empa und Hauptautor der in Nature Communications veröffentlichten Studie. „Weniger Emissionen würden gleichzeitig der Ozonschicht und dem Klima helfen.“

Luftkonzentrationen höher als erwartet

Die Ergebnisse beruhen auf umfangreichen Messreihen internationaler Netzwerke. Dabei werden Konzentrationen langlebiger Gase in der Atmosphäre untersucht, was Rückschlüsse auf ihre Emissionen erlaubt. Da viele solcher Stoffe über Jahrzehnte stabil bleiben, lassen sich Veränderungen genau nachverfolgen.

„Wir messen die Konzentrationen dieser Stoffe in der Atmosphäre. Anhand ihrer Lebensdauer können wir berechnen, wie stark sie eigentlich abnehmen müssten. Tun sie das nicht, muss es weiterhin Emissionen geben.“

– Dr. Martin Vollmer, Forscher für Air Pollution und Environmental Technology, Empa, Mitautor

Der Abgleich mit offiziellen Produktionszahlen offenbart eine deutliche Diskrepanz: Besonders bei Tetrachlorkohlenstoff liegen die tatsächlichen Emissionsraten sogar über vier Prozent.

Zunehmende Nutzung problematisch

Neben höheren Leckraten trägt auch die steigende Nachfrage zur Belastung bei. Seit dem Jahr 2000 hat sich der Einsatz von Feedstock-Chemikalien um etwa 160 Prozent erhöht.

Ein Grund dafür ist die Entwicklung neuer Kühlmittel. Nachdem frühere Stoffe wegen ihrer klimaschädlichen Wirkung ersetzt werden mussten, kamen zunächst Hydrofluorkohlenwasserstoffe zum Einsatz. Die wiederum werden inzwischen durch klimafreundlichere Alternativen ersetzt. Doch deren Herstellung erfordert wiederum erneut ozonabbauende Ausgangsstoffe.

Auch die Kunststoffindustrie treibt die Nachfrage an. Fluorpolymere, etwa für Beschichtungen oder Batterien in Elektroautos, sind ohne die Chemikalien kaum herzustellen. „Die Feedstock-Mengen nehmen nicht ab, sondern wachsen zumindest in den kommenden Jahren weiter“, sagt Reimann.

Verzögerte Erholung der Ozonschicht

Die Studie berechnet verschiedene Szenarien für die Zukunft der Ozonschicht. Bisher ging man davon aus, dass sich die Atmosphäre bis etwa 2066 vollständig regeneriert. Unter Berücksichtigung der neuen Daten verschiebt sich dieser Zeitpunkt jedoch wesentlich.

Bleiben die Emissionen auf dem aktuellen Niveau, könnte sich die vollständige Erholung um rund sieben Jahre verzögern. Die Unsicherheitsspanne liegt dabei zwischen sechs und elf Jahren.

Die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf die Ozonschicht. Viele der freigesetzten Stoffe sind gleichzeitig starke Treibhausgase. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten zusätzliche Emissionen in Höhe von rund 300 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr entstehen. Das entspricht in etwa den jährlichen Emissionen großer Industrieländer. Eine Reduktion hätte daher einen doppelten Nutzen – für den Schutz der Ozonschicht und für das Klima.

Die neuen Erkenntnisse stellen bestehende Regelwerke infrage. Das Montreal-Protokoll gilt zwar als Meilenstein der Umweltpolitik, doch Feedstock-Chemikalien wurden bisher nicht streng reguliert. Ob sich das künftig ändert, hängt von politischen Entscheidungen ab. „Das Montreal-Protokoll war erfolgreich, weil Wissenschaft, Politik und Industrie eng zusammengearbeitet haben“, so Reimann. „Eine solche Zusammenarbeit ist auch heute wieder entscheidend, um neue Herausforderungen anzugehen.“

Quellenhinweis:

Reimann, S., Western, L. M., Lickley, M. J., Sherry, D., Daniel, J. S., Kuijpers, L., Montzka, S. A., Rigby, M., Velders, G. J. M., Vollmer, M. K., Emmenegger, L., Liang, Q., Park, S., & Solomon, S. (2026): Continuing Industrial Emissions Are Delaying the Recovery of the Stratospheric Ozone Layer. Nature Communications.

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