Männliche Nachtigallen ahmen ihre Konkurrenten nach: Imitation komplexer und menschenähnlicher als erwartet

Biologen haben herausgefunden, dass männliche Nachtigallen ihren komplexen Gesang an ihre Wettstreiter anpassen. Dabei spielt neben der Tonhöhe der fremden Gesänge auch deren Silbenlänge eine Rolle. Die Ergebnisse lassen sich auch mit dem menschlichen Verhalten vergleichen, so die Forschenden.

Nachtigallen zeichnen sich durch ihre bemerkenswerte stimmliche Flexibilität aus. Während ihrer nächtlichen Gesangsduelle passen sie sowohl die Tonhöhe, als auch das Timing ihrer Gesänge an die Konkurrenz an. Bild: MPI für biologische Intelligenz/Susanne Seltmann
Nachtigallen zeichnen sich durch ihre bemerkenswerte stimmliche Flexibilität aus. Während ihrer nächtlichen Gesangsduelle passen sie sowohl die Tonhöhe, als auch das Timing ihrer Gesänge an die Konkurrenz an. Bild: MPI für biologische Intelligenz/Susanne Seltmann

Beim nächtlichen Gesang der Nachtigallen steckt mehr hinter den wohlklingenden Melodien: Die komplexen Pfeifgesänge zeugen von einem eifrigen Wettstreit zwischen rivalisierenden Männchen, bei dem jede Nuance zählt. Eine neue Forschungsarbeit zeigt nun, wie raffiniert die Vögel dabei vorgehen.

Nachtigallen (Luscinia megarhynchos) sind Singvögel, die vor allem nachts singen, daher auch der Name (westgermanisch nahtagalōn, Nachtsängerin). Die Tiere sind für ihren komplexen Gesang bekannt, der normalerweise aus 120 bis 260 unterschiedlichen Strophentypen besteht.

Forschende des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz und des Institute of Science and Technology Austria haben nun herausgefunden, dass männliche Nachtigallen ihren Gesang an ihre Konkurrenten anpassen. Sie verändern nicht nur die Tonhöhe, sondern auch die Länge einzelner Silben, und zwar flexibel und situationsabhängig.

Imitation im Tierreich selten

Das Verhalten erinnert an menschliche Gespräche. Auch Menschen gleichen Sprechtempo, Rhythmus oder Satzlänge unbewusst ihrem Gegenüber an. Die Studie legt nahe, dass Nachtigallen während nächtlicher Gesangsduelle eine vergleichbare Form stimmlicher Anpassung praktizieren.

Das direkte Nachahmen gehörter Laute ist im Tierreich selten. Es erfordert eine außerordentlich schnelle Verarbeitung akustischer Signale und deren unmittelbare Umsetzung in eine eigene vokale Antwort.

Delfine nutzen die Lautnachahmung zur Verständigung über weite Distanzen, Papageien zur sozialen Orientierung – und Nachtigallen offenbar zur akustischen Machtdemonstration. Ihre Botschaft an Rivalen ist klar: „Was auch immer du singst, ich sing es besser!“ Um dem gerecht zu werden, müssen mehrere Gesangsmerkmale gleichzeitig imitiert werden. Gerade bei Nachtigallen mit ihrem großen Repertoire stellt das eine besondere Herausforderung dar und zwingt zu ausgeklügelten Kompromissen.

Tonhöhe und Silbenlänge

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass Nachtigallen die Tonhöhe fremder Gesänge genau treffen können. Offen blieb jedoch, wie flexibel andere Parameter sind. Die neue Arbeit schließt diese Lücke und belegt, dass auch die Silbenlänge gezielt variiert wird.

Dabei verfolgen die Vögel keine starre Strategie. Statt stets Tonhöhe oder Dauer zu priorisieren, reagieren sie abhängig von der gehörten Kombination. Mal wird die Tonhöhe genauer getroffen, mal die Länge der Silbe. Solche Entscheidungen fallen innerhalb von Sekundenbruchteilen.

„Nachtigallen zeichnen sich unter den Singvögeln durch ihre bemerkenswerte stimmliche Flexibilität aus. Die Männchen können sowohl Tonhöhe, als auch Silbentiming schnell anpassen, wenn sie um Weibchen und Territorium konkurrieren.“

– Juan Sebastián Calderón-García, Doktorand am Institute of Science and Technology Austria, Erstautor

Studiengrundlage waren umfangreiche Feldaufnahmen in Brandenburg über zwei Paarungszeiten hinweg. Dabei konnte das Team drei natürliche Kategorien von Pfeifsilben ausmachen: kurze, mittlere und lange. Auf dieser Basis wurden künstliche Gesänge erzeugt, die den Vögeln vorgespielt wurden.

Die Kunstgesänge enthielten ungewöhnliche oder sehr seltene Silbenlängen. Die Reaktionen der Nachtigallen zeigten deutlich, dass sie sowohl Timing als auch Tonhöhe in ihre Antworten einbezogen. Selbst bei künstlichen Reizen folgte die Anpassung klaren Mustern.

Gehirn verarbeitet Lautäußerungen

Besonders aufschlussreich waren Tests mit unnatürlichen Kombinationen, zum Beispiel sehr hohe Töne mit extrem kurzer oder langer Dauer. Auch hier reagierten die Tiere flexibel. Computermodelle deuten darauf hin, dass zeitliche Strukturen die Tonhöhenanpassung beeinflussen und so die beobachteten Kompromisse erklären.

„Der Gesang der Nachtigallen gibt Aufschluss darüber, wie das Gehirn komplexe Lautäußerungen spontan koordiniert.“

– Giacomo Costalunga, Doktorand am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz, Erstautor

Die Ergebnisse blicken – über die Ornithologie hinaus – in neuronale Prozesse, die komplexe akustische Informationen in sozialen Interaktionen blitzschnell verarbeiten. Damit können letztlich auch die Mechanismen menschlicher Kommunikation besser verstanden werden.

Quellenhinweis:

Calderon-Garcia, J. S., Costalunga, G., Vogels, T. P., & Vallentin, D. (2026): Interplay between syllable duration and pitch during whistle-matching in wild nightingales. Current Biology.