Klimaszenarien: Der "Worst-Case" ist unwahrscheinlich

Wissenschaftler nutzen Emissionsszenarien, um potenzielle zukünftige Klimazonen zu erforschen. Die Basis dafür liefern Hochrechnungen für die globale Energie- und Landnutzung in den kommenden Jahrzehnten und deren Auswirkungen auf die Treibhausgasemissionen.

Erderwärmingsmodelle zeigen verschiedene Szenarien des Klimawandels als Folge der Treibhausgasemissionen
Erderwärmingsmodelle zeigen verschiedene Szenarien des Klimawandels als Folge der Treibhausgasemissionen

Diese Szenarien sind keine Vorhersagen darüber, wie sich die Erderwärmung in Zukunft tatsächlich entwickeln wird. Sie basieren vielmehr auf verschiedenen Modellierungsszenarien.

Eines dieser Szenarien ist der RCP8.5, der von Wissenschaftlern des "Coupled Model Intercomparison Project" (CMIP) in den frühen 2010er Jahren als einer von vier konsistenten „repräsentativen Konzentrationspfaden“ oder RCPs für Klimamodellierer entwickelt wurde.

Strahlungsantrieb - und nicht Temperaturanstieg

Ihre entsprechenden Zahlen – 2,6, 4.5, 6,0 und 8,5 – beschreiben nicht den Temperaturanstieg, wie dies oft auch fälschlicherweise in Presseberichten dargestellt wird. Vielmehr nennen sie das Niveau des „Strahlungsantriebs“, dass jeder der prognostizierten Emissionspfade bis zu 2100 erreicht.

Dieses Niveau dient dann als Maß für die Veränderung der „Energiebilanz“ der Erde, angegeben in Watt pro Quadratmeter.

Grundlage der Veränderung sind die menschengemachten Treibhausgasemissionen durch fossile Energieträger.

RCP8.5 - die bisherige höchste Stufe

Die bisher höchste Stufe war der RCP8.5, ein Szenario sehr hoher Emissionen und einer ausgedehnten globalen Erwärmung. Bei der ersten Nennung im Jahr 2011 sollte RCP8.5 das High-End der Basisszenarien widerspiegeln.

Ein Basiszenario setzt keine Klimaminderung voraus
erklärte Dr. Chris Smith, Senior Research Scientist am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) gegenüber Carbon Brief. Dr. Smith weiter:
RCP8.5 wurde als klimapolitisches Szenario entwickelt, das oft als ‚Referenz‘- oder ‚Baseline‘-Szenario bezeichnet wird. Dieses wird verwendet, um die Maßnahmen der Klimapolitik zu vergleichen.“

Der RCP 8.5 im Kontext der IPCC-Berichte

Auf der Basis von RCP8.5 prognostizierte der fünfte Situationsbericht des IPCC (AR5) im Jahr 2013 eine Schätzung von 4,3 C als Temperaturanstieg zwischen 2081 und 2100 im Vergleich zur vorindustriellen Periode.

Den RCPs folgten ab 2017 die „geteilten sozioökonomischen Pfade“ oder SSPs. Diese umfassten eine Reihe von fünf sozioökonomischen Optionen, die Faktoren wie Bevölkerungswandel, Wirtschaftswachstum und die Rate der technologischen Entwicklung berücksichtigten.

Die SSPs wurden dann im sechsten Bewertungszyklus (AR6) des IPCC verwendet, der die Periode 2015 bis 2023 abdeckte.

Das obere Ende der AR6-Temperaturprojektionen wurde vom Nachfolger von RCP8.5, der im IPPC-Bericht als SSP5-8,5 bezeichnet wurde, aufgeführt. Er zeigte einen Wert von 4,4 °C. zwischen 2081 und 2100 mit einem "sehr wahrscheinlichen" Bereich von 3,3°C. bis 5,7° C. anzeigte.

Neue Studie sorg für viel Aufregung - und Falschinformation

Prof. Detlef van Vuuren von der Universität Utrecht ist seit vielen Jahren eine führende Figur in der Entwicklung von Emissionsszenarien. Zusammen mit einer Gruppe von Kolleginnen und Kollegen hat er eine Studie veröffentlicht, die das RCP8.5-Szenario stark relativierte.

Gegenüber Carbon Brief sagte er, dass

.... RCP8.5 ein niedrigwahrscheinliches, risikoreiches Szenario ist und immer so gemeint war

Das Szenario nahm eine Welt ohne Klimapolitik an und sollte die Folgen eines hohen Niveaus von Treibhausgasen und der globalen Erwärmung als Grundlage haben.

In einigen Forschungsarbeiten wurde RCP8.5 fälschlicherweise als „business as usual- Szenario“ bezeichnet. Dies ließ den Schluss zu, dass dies das wahrscheinliche Ergebnis war, wenn die Gesellschaft keinen Klimaschutz verfolgte.

Das sei „falsch“, sagte van Vuuren gegenüber Carbon Brief und stellte fest, dass RCP8.5 nie ein wahrscheinliches Szenario war.

RCP 4.5 - das wahrscheinlichere Szenario

Während die Emissionstrends bis Anfang der 2010er Jahre den RCP8.5-Pfad annähernd folgten, hat eine Abflachung der Emissionszunahmen in den letzten Jahren dazu geführt, dass sie von den stetig anhaltenden Anstiegen, die im Szenario RCP8.5 angenommen wurden, deutlich abwichen.

Dagegen folgten die globalen Emissionen in den letzten 10 Jahren dem RCP4.5-Pfad. Dieser war einer der beiden „mittelgroßen Stabilisierungsszenarien“ der ursprünglichen vier RCPs.

Mit der Veröffentlichung des neuen Papiers von van Vuuren et al 2026 über die Emissionsszenarien, die im kommenden 7. IPCC-Situationsbericht verwendet werden, sind die sozialen und traditionellen Medien Internet voller Debatten über die Auswirkungen des formellen Rückzugs des RCP8.5/SSP5-8.5-Szenarios.

Der Präsident der Vereinigten Staaten hat sich am Wochenende sogar in seinem eigenen einzigartigen, die Zusammenhänge und die Klimawissenschaft ablehnenden Stil geäußert und gepostet, dass

... das TOP-Klimakomitee der Vereinten Nationen gerade zugegeben hat, dass seine eigenen Prognosen (RCP8.5) FALSCH waren! FALSCH! FALSCH!

Van Vuuren et al. rechtfertigen diese Rücknahme damit, dass die hohen CMIP6-Emissionswerte an Plausibilität verloren hätten.

Gründe dafür seien die dynamischen Trends des Ausbaus und der Kosten für erneuerbare Energien, dem Aufkommen einer zumindest in vielen Teilen der Welt hohe Priorität auf eine bessere Klimapolitik und nicht zuletzt den jüngsten Emissionstrends.

RCP8.5 (und sein Nachfolger SSP5-8.5) waren als Worst-Case-Emissionsszenarien konzipiert.

Über das übliche Geschäft hinaus

Im Zeitraum der ersten Veröffentlichung von RCP8.5 schossen die weltweiten Emissionen in die Höhe. Sie stiegen in den letzten zehn Jahren vor der ersten Nennung um 30 % an.

Saubere Energiequellen waren teuer. Die Elektromobilität gab es noch nicht. Gas, Öl und Kohle waren preiswert und die Prognose, dass die Welt ihren Kohle-, Öl- und Gasverbrauch bis zum Ende des Jahrhunderts weiter erhöhen würden, galt als sehr wahrscheinlich.

Die CO2-Emissionen entscheiden über den Verlauf der Erderwämung
Die CO2-Emissionen entscheiden über den Verlauf der Erderwämung

Echte Fortschritte erkennen

Wenn wir also nie auf eine Welt von RCP8.5 zusteuerten, mit der Verdreifachung der weltweiten CO2-Emissionen bis 2100 wohin geht dann die „Klimareise“?

Wenn wir versuchen abzuschätzen, wie sehr sich die Welt in diesem Jahrhundert und darüber hinaus erwärmen wird, stoßen wir auf drei grundlegende Unsicherheiten: unsere zukünftigen Emissionen, die Empfindlichkeit des Klimas gegenüber möglichen Kipppunkten und die Rückkopplungen des Kohlenstoffkreislaufs, die den Anteil unserer Emissionen bestimmen, der in der Atmosphäre verbleibt.

Wir neigen gerne dazu, die Schätzung der zukünftigen Erwärmung im Jahr 2100 im Zusammenhang mit einem bestimmten Emissionsszenario einzustufen (z.B. 1,5°C., 2,0°C oder 2,8° C,). Tatsächlich verbirgt jede einzelne Zahl eine breite Palette tatsächlich möglicher Klimareaktionen.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Welt im Jahr 2100 nicht untergeht. Die brutale Mathematik des Klimawandels dürfen wir aber trotzdem nicht verkennen:

Solange die CO2-Emissionen zunehmen, wird sich die Welt weiter erwärmen.

Das aktuelle mittlere Szenario reicht bis 2150 an 3,7 °C Erwärmung heran.

Die Entwicklung der Klimapolitik hat uns gezeigt, dass Szenarien unbedingt notwendig und wichtig sind, aber durch aktuelle Entwicklungen auch jederzeit angepasst werden können und sollten, wie dies nun in der aktuellen Studie erfolgt ist

Quellenhinweis:

CMIP Szenarienprojekte

Neue Studie von van Vuuren ed.al. zu Temperaturszenarien

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