Immer mehr Eisberge: Wie der Klimawandel die Arktis bis in die Tiefsee verändert

Die Zahl der Eisberge in der Arktis hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark zugenommen. Forschende sehen darin eine direkte Folge des Klimawandels – die sich allgemein auf Tiefsee, Artenvielfalt und sogar die maritime Sicherheit auswirken dürfte.

Eine Eisfestung im Nebel, aufgenommen in der Arktis. Bild: AWI/Christian R. Rohleder
Eine Eisfestung im Nebel, aufgenommen in der Arktis. Bild: AWI/Christian R. Rohleder

Die Arktis verändert sich schneller als erwartet. Eine internationale Forschungsgruppe unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und der Woods Hole Oceanographic Institution konnte nachweisen, dass seit Beginn der 2000er-Jahre deutlich mehr Eisberge die Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen passieren. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die arktischen Gletscher zunehmend destabilisieren, was sich letztlich auch auf die Ökosysteme der Tiefsee auswirkt.

Anlass für die Untersuchung war eine Beobachtung während einer Expedition des Forschungseisbrechers Polarstern im Jahr 2021. Aus einem Helikopter heraus entdeckte die AWI-Biologin Melanie Bergmann auffällige Eisberge. „Einige der Eisberge trugen ungewöhnlich große Mengen an Geröll und sahen von oben fast schwarz aus“, berichtet sie.

Die Forschenden dokumentierten die Gesteinsmengen und entnahmen Proben. „Uns wurde sofort klar: Hier treiben tonnenweise Gestein durch den Arktischen Ozean, hunderte Kilometer entfernt von jedem Gletscher“, so Bergmann.

Steine aus dem Eis

Entscheidende Hinweise fanden die Forschenden später am Meeresboden. Auf Aufnahmen des Langzeit-Observatoriums AWI-Hausgarten in rund 2500 Metern Tiefe zeigten sich auffällige Ansammlungen von Steinen. Diese stammen von Eisbergen, die beim Abschmelzen ihre mineralische Fracht freisetzen.

Forschende untersuchen einen Eisberg mit Gesteinsablagerungen auf der Oberfläche in der Framstraße. Bild: AWI/Mario Hoppmann
Forschende untersuchen einen Eisberg mit Gesteinsablagerungen auf der Oberfläche in der Framstraße. Bild: AWI/Mario Hoppmann

Die Auswertung historischer Tiefseeaufnahmen ergab, dass die Zahl solcher Ablagerungen stark zugenommen hat. „Wo zuvor nur vereinzelte Steine verschiedener Größen lagen, finden wir nun deutlich größere Ansammlungen, häufig in kleinen Gruppen“, erklärt Kirstin Meyer-Kaiser von der Woods Hole Oceanographic Institution.

Für viele Tiefseetiere sind die Steine wichtig, weil sie im Gegensatz zum überwiegend weichen Meeresboden feste Oberflächen besitzen, auf denen sich Organismen ansiedeln können. „Mit jedem neuen Stein entsteht am Meeresboden ein fester Siedlungsplatz“, sagt Meyer-Kaiser. „Dort können sich Schwämme, Anemonen und andere Tiere, die Hartsubstrate bevorzugen, niederlassen.“ Die Biodiversität in der Tiefsee nehme dadurch also zu.

Um zu klären, ob es sich um ein lokales Phänomen oder um eine Folge des Klimawandels handelt, wertete das Forschungsteam mehrere Datensätze aus. Besonders wichtig waren dabei Beobachtungen, die seit rund 40 Jahren von der Brücke der Polarstern erfasst werden.

Eisberge transportieren Gletscherschutt zum tiefen Meeresboden (a). Eisberg (Höhe 18 m) mit Steinen und Sedimenten in der zentralen Arktis (b). Bild: Krumpen et al., 2026
Eisberge transportieren Gletscherschutt zum tiefen Meeresboden (a). Eisberg (Höhe 18 m) mit Steinen und Sedimenten in der zentralen Arktis (b). Bild: Krumpen et al., 2026

„Eigentlich ist dieser Datensatz ein Nebenprodukt der regulären Wetteraufzeichnungen, das sich für diese Frage jedoch als entscheidend erwies“, sagt Meereisphysiker Thomas Krumpen. In der Analyse zeigte sich ein klarer Trend: Seit den frühen 2000er-Jahren treiben deutlich mehr Eisberge durch die Framstraße. Zudem treten sie häufiger in Gruppen auf.

Gletscher verlieren an Stabilität

Mithilfe satellitengestützter Rekonstruktionen konnten die Forschenden zahlreiche Eisberge zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Viele stammen aus Nordostgrönland sowie aus Teilen der russischen Arktis. Besonders die großen Gletscher Nordostgrönlands haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich an Stabilität verloren und kalben heute viel häufiger.

Zusätzlich sorgt das schwindende Meereis dafür, dass Eisberge schneller transportiert werden. In einem zunehmend offenen Eissystem gelangen sie rascher Richtung Arktisausgang und schmelzen dabei schneller ab.

„Eine zunehmende Eisbergpräsenz in bestimmten Regionen der Arktis birgt erhebliche Risiken, beispielsweise für Kreuzfahrt- und Frachtschiffe“, warnt Krumpen. Auch die Ausweitung wirtschaftlicher Aktivitäten in der Arktis könne dadurch erschwert werden.

Darüber hinaus könnten die neu abgelagerten Steine künftig Probleme für die Grundschleppnetzfischerei bereiten, wenn sich die Fischerei weiter nach Norden verlagert.

Mit den neuen Studienergebnissen, die jüngst in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurden, lassen sich jedoch künftige Gefahren durch Eisberge besser vorhersagen und die Navigation in arktischen Gewässern sicherer machen.

Quellenhinweis:

Krumpen, T., Meyer-Kaiser, K. S., Wekerle, C., et al. (2026): Amplified Arctic iceberg traffic reshapes benthic biodiversity. Nature.