Harvard erklärt, warum die Begeisterung für eine Mannschaft das beste Mittel gegen Einsamkeit ist

Große Sportereignisse wirken sich positiv auf ihre Zuschauer aus. Harvard-Forschende denken sogar, dass das gemeinsame Mitfiebern die Menschen wieder verbinden kann – und als sozialer Klebstoff stark unterschätzt wird. Denn das Fan-Sein kann zweifelsohne gesellschaftliche Spaltung und Isolation überwinden, das geht aus neuesten Experimenten hervor.

Sportbegeisterung und Religion sind sich ähnlicher, als man zuerst denken mag: Beide sind aktiv und freiwillig. Bild: Piero Huerto Gago/Unsplash
Sportbegeisterung und Religion sind sich ähnlicher, als man zuerst denken mag: Beide sind aktiv und freiwillig. Bild: Piero Huerto Gago/Unsplash

Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten: politische Konflikte, schwindende Gemeinschaften und soziale Isolation prägen das öffentliche Leben. Zwei Sozialwissenschaftler der Harvard Kennedy School wollen nun untersuchen, ob Sport helfen kann, diese Risse zu schließen.

In Umfragen geben weltweit 51 Prozent der Menschen an, Fußballfans zu sein. Die Amerikaner sind durchschnittlich etwas weniger von Fußball (Soccer) begeistert, nur 27 Prozent, 40 Prozent gaben aber an, zumindest einige Spiele anzusehen (2025 Global Sports Report).

Professor Todd Rogers und Doktorandin Audrey Feldman haben dafür eine Initiative gestartet, die sich dem Thema „Fandom and Social Connection“ widmet. Das Projekt zielt darauf ab, die soziale Wirkung von Sportbegeisterung wissenschaftlich zu erfassen. Unterstützt wird das Projekt unter anderem durch eine Spende von FOX Sports.

Gemeinsamkeit überwindet politische Grenzen

Obwohl derzeit traditionelle Bindungen wie Vereine, Parteien oder Kirchen an Bedeutung verlieren, können Sportgemeinschaften Menschen immer noch zusammenbringen, meinen die Forschenden. Besonders interessant sei, dass Fangruppen trotz politischer Unterschiede bestehen bleiben.

Während im US-Kongress zahlreiche Delegationen vollständig einer Partei angehören, weisen selbst stark politisch geprägte Sport-Fangemeinden weiterhin unterschiedliche Überzeugungen auf. Die Anhänger der Tennessee Titans etwa zählen zu den konservativsten NFL-Fans (National Football League, also American Football, nicht Fußball), bleiben aber politisch gemischt.

Sport kann das Zugehörigkeitsgefühl stärken sowie Rivalitäten und politische Gegensätze überwinden. Bild: Nicholas Green/Unsplash
Sport kann das Zugehörigkeitsgefühl stärken sowie Rivalitäten und politische Gegensätze überwinden. Bild: Nicholas Green/Unsplash

Für eine Studie, die bald veröffentlich werden soll, untersuchten Rogers und Feldman mithilfe spieltheoretischer Methoden, wie gemeinsame Sportinteressen Vorurteile reduzieren können. So bewerteten Teilnehmende ihre politischen Gegner positiver, wenn sie erfuhren, dass diese ebenfalls Fans ihres Teams waren. Eine gemeinsame Religion war der einzige Faktor mit vergleichbarer Wirkung.

Auch Rogers vergleicht Sportbegeisterung mit Religion: Sie ist aktiv und freiwillig, und bleibt immer eine bewusste Entscheidung. Menschen erneuern ihre Zugehörigkeit immer wieder – selbst bei erfolglosen Mannschaften. „Wie könnte es sonst Fans der Cleveland Browns geben?“, scherzt er.

Spiele als soziales Ritual

Die Forscher vermuten, dass nicht nur der sportliche Erfolg entscheidend ist, sondern die Beziehungen rund um das Ereignis: Erinnerungen mit Familie, Freunden, Kollegen oder Nachbarn.

Rogers zitiert dafür eine passende Metapher des Psychologen Daniel Wann: „Er sagte, gemeinsames Fan-Sein sei wie ein gemeinsames Fotoalbum.“ Wer dieselbe Mannschaft unterstütze, teile eine emotionale Geschichte. „Unsere Herzen werden synchronisiert“, sagte Rogers.

Für viele Fans stehen nicht die Spiele im Mittelpunkt, sondern vor allem die Beziehungen, die sich rund um das Event ergeben. Bild: Omar Ramadan/Unsplash
Für viele Fans stehen nicht die Spiele im Mittelpunkt, sondern vor allem die Beziehungen, die sich rund um das Event ergeben. Bild: Omar Ramadan/Unsplash

Auch Rivalitäten müssen dieser Verbindung nicht entgegenstehen. Feldman beschreibt Begegnungen mit Fans des verhassten Konkurrenzteams Ohio State: „Ich halte ihr Team für das schlechteste überhaupt, aber zumindest können wir über Football reden.“ Da gebe es gegenseitigen Respekt.

Die Forschung geht inzwischen in die Praxis. Gemeinsam mit einem Baseball-Partnerteam der Boston Red Sox untersuchen Rogers und Feldman, wie Zuschauer leichter miteinander ins Gespräch kommen können. Erste Versuche stimmen sie optimistisch.

„Audrey und ich führen Experimente durch, bei denen wir 40 Prozent der Teilnehmer dazu bringen können, ein Spiel gemeinsam mit anderen anzusehen. Am Ende fühlen sie sich stärker verbunden – und dieses Gefühl hält über Wochen hinweg an“, sagt Rogers. Sport könnte damit tatsächlich zu einer sozialen Medizin werden.

Obwohl Sport ein Massenphänomen ist, wird er in der Sozialforschung bisher kaum berücksichtigt: In führenden Fachzeitschriften beschäftigt sich nur etwa einer von 800 Beiträgen mit dem Thema. Dabei folgen in den USA fast drei Viertel der Menschen einer professionellen Sportmannschaft – viele begreifen die Zugehörigkeit sogar als wichtigen Teil ihrer Identität.

„Wir haben festgestellt, dass wir beide große Sportfans sind“, sagt Feldman über die Entstehung des Projekts. Die Wissenschaftlerin ist Anhängerin des American-Football-Teams der Notre Dame Fighting Irish, während Rogers sein Büro mit Fanartikeln der Philadelphia Eagles schmückt.

Für Rogers geht die Fan-Kultur über eine Freizeitbeschäftigung hinaus: „Es ist soziale Infrastruktur in einer Welt, in der es nur noch wenige – wenn überhaupt welche – Institutionen gibt, die so breit, tiefgehend und vielfältig sind.“