Globales Grün in Bewegung: Forschende machen die Veränderungen der planetaren Vegetation sichtbar
Das grüne Erdsystem befindet sich überraschend in Bewegung: Der Schwerpunkt der weltweiten Pflanzenaktivität wandert nach Nordosten – und das schneller als erwartet. Satellitendaten machen die Veränderungen der globalen Vegetation erstmals in Kilometern sichtbar.

Wissenschaftlern ist es gelungen, den Wandel der globalen Vegetation sichtbar zu machen. Mithilfe eines neuen Verfahrens ermitteln sie kilometerweise, wie sich die grüne Biomasse schwerpunktmäßig auf den Landflächen verteilt. Daran lässt sich feststellen, ob die Pflanzen noch aktiv sind und in welchem Zustand sie sich befinden – und damit auch, ob die Ökosysteme noch funktionieren.
– Prof. Miguel Mahecha, Institut für Erdsystemwissenschaft und Fernerkundung, Universität Leipzig, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Erstautor
Ein Forschungsteam unter Leitung des Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig und unter Beteiligung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der Universität Leipzig hat nun das Phänomen des Global Greening untersucht, also die weltweit beobachtete Zunahme pflanzlicher Biomasse.
Die grüne Welle im Jahreslauf
Aus dem All betrachtet durchzieht eine rhythmische grüne Welle den Planeten. Im borealen Sommer erreicht sie ihren nördlichsten Punkt im Nordatlantik nahe Island, im März verlagert sie sich bis vor die Küste Liberias und kehrt dann wieder zurück.
Die Bewegung folgt primär dem Wechsel der Jahreszeiten und der Sonneneinstrahlung. Doch sie reagiert auch empfindlich auf Klimaschwankungen, Landnutzungsänderungen und andere ökologische Prozesse.
Global Greening als menschengemachter Effekt
Der Trend zur stärkeren Begrünung ist eine eher wenig beachtete Facette des globalen Wandels. Hauptursache ist der steigende CO₂-Gehalt der Atmosphäre, der wie ein Dünger wirkt und die Photosynthese ankurbelt. Höhere Temperaturen verlängern zudem in vielen Regionen der Erde die Vegetationsperioden. Pflanzen treiben früher aus und bleiben länger aktiv.

Die Forschenden haben mehrere Jahrzehnte an Satellitendaten und Modellrechnungen ausgewertet. Dabei fanden sie heraus, dass sich der Schwerpunkt der globalen Vegetation kontinuierlich nach Norden verschiebt, und zwar in allen Jahreszeiten.
Überraschung im Südsommer
Das widerspricht bisherigen Erwartungen. Eigentlich hatte man angenommen, dass sich die grüne Welle im Sommer der Südhalbkugel wieder stärker südwärts verlagert. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Erstautor Prof. Miguel Mahecha vom Institut für Erdsystemwissenschaft und Fernerkundung der Universität Leipzig, der zugleich auch am UFZ forscht.
Auffällig daran ist, dass die Nordverschiebung im Südsommer sogar stärker ausfällt als im Nordsommer. Dadurch nimmt die Gesamtauslenkung der grünen Welle im Jahresverlauf ab – ein Trend, der sich laut Modellprojektionen im Laufe des Jahrhunderts weiter verstärken dürfte.
Neben der Verschiebung in Richtung Norden registrierte das Team auch eine deutliche Bewegung nach Osten. Das Phänomen war bisher nicht beschrieben worden. Als mögliche Ursache gelten Greening-Hotspots in Asien, etwa in Indien, China oder Russland, wo eine geänderte Landnutzung, Aufforstungen und das Klima zu einer besonders starken Zunahme der Vegetation geführt haben.

Das neue Verfahren übersetzt die planetaren Veränderungen konkret in Kilometer pro Jahrzehnt. Damit wird der globale Wandel buchstäblich messbar. Die Studienergebnisse wurden in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.
Ein planetares Frühwarnsystem
Anhand der langfristigen Beobachtung der Flugbahn des grünen Schwerpunkts kann besser untersucht werden, wie Klima und Biosphäre wechselwirken. Dürren, Waldbrände, Tierwanderungen oder Landnutzungswandel lassen sich mit der globalen Vegetationsdynamik verknüpfen.
Die Verschiebung des planetaren Grüns zeigt, dass sich das Erdsystem neu organsiert. Und diese Neuordnung lässt sich inzwischen nicht nur beobachten, sondern genau vermessen.
Quellenhinweis:
Mahecha, M. D., Kraemer, G., Reinhardt, M., Montero, D., Gans, F., Bastos, A., Feilhauer, H., Flik, I., Ji, C., Kattenborn, T., Migliavacca, M., Mönks, M., Quaas, J., Sippel, S., Walther, S., Wieneke, S., Wirth, C., & Camps-Valls, G. (2026): Accelerated north-east shift of the global green wave trajectory. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).