Darmbakterien erzählen eine Geschichte: Was uralte Mikroben über die Wanderungen der Menschheit verraten
Unsere Vorfahren nahmen auf ihren Wanderungen aus Afrika nicht nur ihre Gene, sondern auch ihre Darmbakterien mit. Eine Studie zeigt nun, dass indigene Bevölkerungsgruppen bis heute zahlreiche uralte Bakterienarten bewahren, die bei Menschen in Industrieländern weitgehend verschwunden sind.

Der menschliche Darm beherbergt ein komplettes Ökosystem aus Bakterien, Viren und Pilzen. Die Mikroorganismen unterstützen die Verdauung, produzieren Vitamine und beeinflussen das Immunsystem. Doch die Zusammensetzung des Mikrobioms unterscheidet sich deutlich zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Besonders Menschen in Industriegesellschaften weisen eine geringere mikrobielle Vielfalt auf.
Ein Forschungsteam der Stanford University hat nun die Darmmikrobiome der Hadza in Tansania und der Tsimane im bolivianischen Amazonasgebiet untersucht. Beide Bevölkerungsgruppen leben vergleichsweise wenig industrialisiert, unterscheiden sich jedoch in Ernährung und Lebensweise. Während die Hadza vor allem jagen und sammeln, bauen die Tsimane einen großen Teil ihrer Nahrung selbst an.
Genetische Spuren belegen frühe Wanderungen
Die nun in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie ermittelte1231 gemeinsame Bakterienarten. Das entspricht etwa 90 Prozent der untersuchten Arten im Mikrobiom der Tsimane. Circa 60 Prozent dieser gemeinsamen Spezies sind in industrialisierten Bevölkerungen selten oder fehlen dort vollständig.
„Wir waren wirklich überrascht, dass die große Mehrheit der Arten im Mikrobiom der Tsimane denen der Hadza entspricht“, sagt Justin Sonnenburg, Professor für Mikrobiologie und Immunologie an der Stanford University.

Um herauszufinden, welchen geografischen Verlauf die Mikroorganismen genommen haben, wurde das Erbgut der Darmbakterien analysiert, nämlich mithilfe der metagenomischen Sequenzierung. Dabei werden DNA-Fragmente aus einer Probe erfasst und mit Referenzgenomen verglichen. Damit ließ sich echte evolutionäre Verwandtschaft von einem jüngeren Austausch zwischen den Bakterienstämmen unterscheiden.
Die berechneten Zeiträume, in denen sich zahlreiche Bakterienstämme voneinander trennten, stimmen mit großen prähistorischen Wanderungsbewegungen des Menschen überein. Sie reichen zurück bis zu den Migrationen aus Afrika und der späteren Besiedlung Amerikas.
„Wir sehen Hinweise darauf, dass diese Bakterien bereits bei den Vorfahren der Tsimane und Hadza vorhanden waren und damit vermutlich auch bei den Vorfahren von uns allen“, erklärt Benjamin Good, Mitautor der Studie und Experte für Populationsgenetik.
Bedeutung für die Gesundheit
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Mikroorganismen den Menschen über Jahrtausende begleitet haben und über Generationen weitergegeben wurden. Sonnenburg drückt sich so aus: „Unsere Studie zeigt, dass Hunderte Bakterienarten, die in industrialisierten Mikrobiomen selten sind oder fehlen, uralte Begleiter waren, als wir rund um den Globus wanderten.“
Antibiotika, ballaststoffarme Ernährung durch verarbeitete Lebensmittel sowie anhaltende Hygiene könnten ebenfalls die Mikroorganismen reduzieren. Frühere Untersuchungen deuteten bereits darauf hin, dass ein sich veränderndes Mikrobiom mit Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit und Autoimmunerkrankungen zusammenhängt. Ob der Mikrobenverlust solche Krankheiten tatsächlich fördert, sei allerdings noch dahingestellt.
„Wenn diese Mikroben Teil unserer Evolutionsbiologie sind, fehlt Menschen in Industrieländern möglicherweise ein großer Teil dessen, woran sich unser menschliches Genom über lange Zeiträume angepasst hat“, fasst Sonnenburg zusammen. Die Forschenden wollen nun klären, wie sich der Verlust dieser uralten Begleiter auf die menschliche Gesundheit auswirkt.
Artikelreferenz
Carter, M. M., Liu, Z., Olm, M. R., et al. (2026). Prehistoric global migration of vanishing gut microbes with humans. Nature.