Chemische Spuren in allen Meeren: Der Mensch verändert die Ozeane weltweit
Eine neue Studie offenbart, wie sehr der Mensch die Meereschemie beeinflusst. Keine der untersuchten Proben war frei von Spuren – und selbst in abgelegensten Regionen der Welt ließen sich die chemischen Rückstände der modernen Zivilisation nachweisen.

Vielerorts erscheinen die Weltmeere noch unberührt – doch der Eindruck täuscht. Eine internationale Studie zeigt nun, dass vom Menschen produzierte Chemikalien längst alle Meeresregionen erreicht haben. Besonders schockierend war der Nachweis in Gegenden, die bisher für weitgehend intakt gehalten wurden.
– Dr. Daniel Petras, Universität Tübingen, Exzellenzcluster „Kontrolle von Mikroorganismen zur Bekämpfung von Infektionen“ (CMFI)
Die Ergebnisse machen deutlich, dass der Einfluss menschlicher Aktivität weiter reicht als lange angenommen – und scheinbar auch abgelegene Ökosysteme betrifft. Selbst Korallenriffe, oft besonders ursprüngliche Lebensräume, weisen laut der Studie messbare Spuren auf, die durch Landwirtschaft, Küstenausbau oder Tourismus verursacht wurden.
Chemikalien dringen weit ins Meer vor
Weltweit waren 18 Forschungseinrichtungen an der Studie beteiligt. Insgesamt wurden mehr als 2300 Wasserproben aus über 20 Studien analysiert, die über ein Jahrzehnt hinweg in Pazifik, Atlantik und Indischem Ozean gesammelt wurden. Die nun in Nature Geoscience veröffentlichte Auswertung ergab, dass nahezu kein untersuchter Ort ohne menschliche Spuren existiert.
– Jarmo-Charles Kalinski, ehemaliger Postdoktorand, UC Riverside, Erstautor
Die Studie zeigt zudem, dass sich anthropogene Stoffe weit über Küstenbereiche hinaus verbreiten. Selbst in mehr als 20 Kilometern Entfernung von Land machten sie noch etwa ein Prozent der organischen Substanz aus. „In globalem Maßstab ist das eine enorme Menge an Material“, sagt Dr. Daniel Petras von der Universität Tübingen.

In Küstennähe steigen die Werte noch einmal deutlich an: Dort erreichen menschengemachte Moleküle im Mittel bis zu 20 Prozent der gemessenen organischen Substanz.
Industriechemikalien überall
Besonders auffällig ist, wie die gefundenen Stoffe zusammengesetzt sind. Insgesamt wurden 248 menschengemachte Verbindungen festgestellt. Obwohl eher Pestizide und Medikamente erwartet wurden, dominierten jedoch vor allem Industriechemikalien wie Weichmacher, Schmierstoffe sowie Rückstände aus Pflege- und Konsumprodukten, sagt Petras.
Einige der Stoffe bewegen sich an der Grenze zu Nanoplastik, wo sich die Trennung zwischen chemischer und plastischer Verschmutzung verwischt. Welche Folgen das langfristig haben wird, ist weitgehend unklar.
Weitere Datenlücken
Die Untersuchung gilt als eine der umfassendsten Analysen mariner Küstenchemie, nicht zuletzt, weil sie zahlreiche Datensätze und moderne Massenspektrometrie in sich vereint. „Diese Arbeit war nur durch den Einsatz unserer Kooperationspartner rund um den Globus und deren öffentlich zugängliche Datensätze möglich“, merkt Petras an. Dennoch bestehen erhebliche Lücken, insbesondere auf der Südhalbkugel und in Teilen Asiens.
Die fehlenden Daten bedeuten jedoch nicht, dass das Problem nicht vorhanden sei, warnt Erstautor Jarmo-Charles Kalinski von der University of California, Riverside: „Es bedeutet, dass wir noch nicht genau genug hingeschaut haben.“ Gerade weniger untersuchte Regionen könnten ganz neue Erkenntnisse zu Tage fördern.
Alltägliche Ursachen, unklare Folgen
Die Studie macht deutlich, dass alltägliche Aktivitäten maßgeblich zur Verschmutzung beitragen. Chemikalien aus Haushalten, Verkehr oder Verpackungen gelangen über Abwasser und Flüsse ins Meer.
– Jarmo-Charles Kalinski, ehemaliger Postdoktorand, UC Riverside, Erstautor
Die langfristigen ökologischen Folgen bleiben jedoch weitgehend unerforscht. Die chemische Veränderung der Meere ist also kein fernes Problem, sondern sie resultiert direkt aus unserem Alltag.
Quellenhinweis:
Kalinski, J. C., Pakkir Mohamed Shah, A., Ruiz Brandão da Costa, B., et al. (2026): Widespread presence of anthropogenic compounds in marine dissolved organic matter. Nature Geoscience.