CDR: die finale Lösung der Klimafrage? - Teil 1 -

Die Hitzetage der letzten Monate haben uns die Auswirkungen der Erderwärmung sehr deutlich vor Augen geführt. Vom 10.- 12. Juni 2026 trafen sich mehr als 260 Forscher in Mailand, um die Chancen, Herausforderungen und Risiken zu diskutieren, die mit der technischen Skalierung der „Kohlendioxidentfernung“ (CDR) verbunden sind.

Die Wälder - der aktivste, naturürliche Kohlenstoff-Speicher
Die Wälder - der aktivste, naturürliche Kohlenstoff-Speicher

Ziel der Konferenz war es, alle Mehoden zu diskutieren, mit denen das emittierte Kohlendioxid aus dem Kreislauf des Treibhauseffektes entfernen werden kann, um damit den Klimawandel einzudämmen.

Die Konferenz fand auf dem Campus des Politecnico di Milano statt. Sie ist die vierte nach früheren Konferenzen im britischen Oxford im Jahr 2024 und im schwedischen Göteborg in den Jahren 2018 und 2022.

Hochkarätige Klimawissenschaft arbeitete an schwierigen Fragen

Ein breites Spektrum von Wissenschaftlern – von Wälder-, Meeres- und Bodenexperten bis hin zu Sozial- und Politikwissenschaftlern – diskutierte die Vor- und Nachteile sowie die Kompromisse, die mit der von CO2 aus der Atmosphäre verbunden sind. Schwerpunkt waren die Versuche von Antworten zur Art und Weise, wie die Politik den CDR-Einsatz vorantreiben könnte.

Carbon Brief berichtete ausführlich über die Konferenz und führte zahlreiche Interviews. So sagte Dr. Soheil Shayegh, Direktor des industriellen und planetarischen Kohlenstoff-Kreislaufprogramms der Fondazione Centro Euro-Mediterraneo für Klimawandel (CMCC), dass die Idee hinter der Konferenz sei

… Wissenschaftler zusammenzubringen, um den politischen Entscheidungsträgern eine Botschaft darüber zu vermitteln, wo die Technologie steht".

Er fuhr fort:

Wir sollten sehr deutlich machen, dass es immer noch große Unsicherheiten über die Wirksamkeit vieler dieser CDR-Technologien gibt. Sind sie marktfähig oder nicht? Was uns aber klar ist, das ist die Notwendigkeit von CDR.

Dr. Morgan Edwards, Hauptautor des kürzlich veröffentlichten „State of CDR-Report 2026“, sagte den Delegierten, dass die Erreichung des 1,5oC. -Ziels des Pariser Abkommens von 2015 bis zum Ende dieses Jahrhunderts erfordern würde, dass CDR-Technologien bis 2050 von heute 2,2 Milliarden Tonnen CO2 (GtCO2 pro Jahr) auf 8,8GtCO2 dynamisch wachsen müssten.

Letzte Ausfahrt CDR??

Die Entfernung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre gilt als entscheidend, um die Emissionen von Treibhausgasen, vor allem Kohlendioxid (CO2) aus menschlichen Aktivitäten zu kompensieren.

Vor allen Dingen gibt es Bereiche, die sehr schwierig zu dekarbonisieren sind, wie die industrielle und private Energieerzeugung, die Luftfahrt oder die Landwirtschaft.

Die Mailänder Konferenz kommt zu dem Schluss, dass das 1,5o-C.-Ziel des Pariser Abkommens mit seinem Bezug auf einen 20-Jahres-Durchschnitt bis zum Ende dieses Jahrzehnts überschritten werden könnte.

Größte Aufgabe seit Menschengedenken

Prof. Massimo Tavoni, wissenschaftlicher Direktor des RFF-CMCC European Institute on Economics and the Environment, beschrieb die Notwendigkeit und die Absicht, die Temperaturen mit Hilfe von CDR auf 1,5o C. zurückzuführen, als das

……größte Erdwiederherstellungsprojekt aller Zeiten.

Tavoni stellte fest, dass alle neuen Emissionsszenarien, die vor der siebten Phase des im April 2026 vorgestellten Coupled Model Intercomparison Project (CMIP7) dargestellt sind, die 1,5o C.-Grenze überschritten haben.

Das Projekt CMIP ist eine globale Initiative, die die Arbeit von Dutzenden von Klimamodellierungszentren auf der ganzen Welt koordiniert. Sie veröffentlicht eine gemeinsame Reihe von Modellexperimenten zu Szenarien der Erderwärmung bis Ende dieses Jahrhunderts.

Eine Reihe von Sitzungen auf der Konferenz befasste sich mit der Reaktion des Erdsystems auf groß angelegte, technologische Kohlensotffentnahme.

Keine schnelle Umkehr

Dr. Momme Butenschön vom CMCC präsentierte Forschungen, wie die Ozeane auf „globale Netto-Negativ-Emissionen“ reagieren würden. Er untersuchte mit seinem Team hypothetische Situationen, in denen mehr Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernt wird, als durch Emissionen hinzugefügt wird.

Modellläufe bis 2100 würden deutlich machen, dass ein Rückgang der globalen Oberflächentemperatur die Temperaturen in der oberen Schicht des Ozeans für mindestens 30-40 Jahre nicht absenken würde. Die Meerestemperaturen würden während dieser Zeit aufgrund der Trägheit des Ozeans gleichbleiben.

In tieferen Zonen von 200-1.000 Meter unter der Oberfläche würde sich der Ozean weiter erwärmen. Seine Temperatur würde also erst später wieder sinken. Dort ginge alles, also Versauerung, Sauerstoffknappheit und Erwärmung unvermindert weiter.

Der tiefe Ozean merkt nicht einmal, dass es negative Emissionen gibt

sagte Dr. Butenschön gegenüber Carbon Brief

Wälder: ein entscheidendes Kriterium

In einer Plenarsitzung erklärte Dr. Edwards – Assistenzprofessorin an der University of Wisconsin und Hauptautorin des CDR-Berichts 2026 – dass der

…größte Anteil der CDR, die heute stattfindet, sogenannte ‚konventionelle‘ CDR ist – also vor allem die Entfernung von CO2 aus Wäldern.

Edwards fasste einige der Ergebnisse des neuesten "State of CDR-Reports“ zusammen, der besagt, dass derzeit 99,9% der bestehenden CDR "konventionelle", also landbasierte Techniken wie Baumpflanzung sind.

Die Wälder der Welt entfernen derzeit 2,2 GtCO2 pro Jahr, was laut dem Bericht rund 5% der weltweiten CO2-Emissionen entspricht. Es bestätigte, dass „Klimaszenarien mit hoher Zielsetzung" notwendig machen, dass alle Formen von CDR bis 2035 einen Medianwert von 3,9 GtCO2 und bis 2050 8,8 GtCO2 erreichen.

Edwards sagte, dass konventionelle CDR-Methoden tendenziell gut etabliert sind. Beachtenswert ist auch die gute Kostenbilanz der landbasierten Techniken. In der Regel lägen ihre Kosten bei weniger als $ 10 pro Tonne CO2 und damit sehr deutlich unter den Kosten technologischer Methoden.

Diversifizierung notwendig

Experten wiesen während der gesamten Konferenz wiederholt darauf hin, dass die CDR-Methoden diversifiziert werden müssten.

Nur so könne die Kohlenstoffentfernung das Niveau erreichen, dass erforderlich sei, um mit CDR entscheidend die Auswirkungen der Klimaveränderungen zu stoppen.

Dr. Shayegh von CMCC erklärte, dass die Welt angesichts der "großen Kompromisse", die mit verschiedenen CDR-Ansätzen verbunden sind, ein "Portfolio" an Lösungen benötigen würde. Er erklärte dazu:

Bei Wäldern muss man für konventionelle CDR-Methoden viel bewirtschaftetes Land umwandeln, was die Landwirtschaft stören würde. Es gäbe also einen Wettbewerb zwischen Aufforstung als CDR-Methode und der Lebensmittel- und Biokraftstoff-Versorgung.

In einer Forschungssitzung stellte Dr. Clemens Schwingshackl von der LMU München fest, dass CDR aus Aufforstung und Wiederaufforstung zwischen 2014 und 2023 etwa 6% der menschengemachten Treibhausgasemissionen aus fossiler Verbrennung kompensiert.

Er betonte die großen unbekannten Faktoren bei der Berechnung, wie Waldbrände und deren Folgen, Abholzungen und deren Auswirkungen und fehlende Informationen über Aufforstungsprojekte.

Waldbrände - Vernichtungsmechanismus unserer wichtigen Kohlenstoff-Speicher
Waldbrände - Vernichtungsmechanismus unserer wichtigen Kohlenstoff-Speicher

Barbara Saget von der Paris School of Economics präsentierte die Ergebnisse einer Studie, mit der das optimale Timing und die Skalierung von naturbasierter und technologischer CDR verständlicher und genauer dargestellt werden können.

Damit soll bestimmt werden, inwieweit sich Netto-Null-Ziele nur auf naturbasierte CDR stützen können.

Ihre Forschung zeigte, dass naturbasierte CDR mittelfristig benötigt wurde, um schwer zu reduzierende Emissionen auszugleichen und die Abhängigkeit von teureren, technologischen Lösungen zu begrenzen.

Die Modellergebnisse zeigten jedoch, dass mit dem Wachstum der Wälder ein zunehmender Anteil an abgefangenem CO2 verwendet wird, um das bei Waldbränden entstehende CO2 zu kompensieren, anstelle der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen.

Darüber hinaus schränkt die Frage der geringen Landverfügbarkeit in der EU die Ausweitung der natürlichen CDR (durch Aufforstung) ein. Saget erklärte dazu:

Unser theoretisches Modell zeigt, dass Wälder auf lange Sicht nicht zuverlässig sind, um die schwer zu reduzierenden Emissionen auszugleichen … Wir müssen uns also auf die technologische CDR verlassen, um letztendlich das notwendige Reduktionsniveau der Emissionen zu erreichen.

Und genau darum wird es im zweiten Teil meiner Betrachtung der CDR-Konferenz vom Juni 2026 gehen.

Artikelreferenz

-. (2026). CRD-Konferenz in Mailand.
-. Link zum CMCC.
-. (2026). State of CRD, Edition 2026.