Alte DNA deckt auf, wie die frühe Besiedlung der Pazifikinseln abgelaufen ist

Die Besiedlung des Südpazifiks gibt schon lange Rätsel auf – besonders, weil die Inseln sehr weit voneinander entfernt liegen. Wissenschaftlern ist vor allem nicht klar, wie Menschen schon vor mehreren tausend Jahren viele dieser Inseln überhaupt erreichen konnten – und die weiten Strecken über den offenen Ozean ohne moderne Karten oder Schiffe zurücklegen konnten.

Die Forschung kann sich noch immer nicht erklären, wie Menschen die weit voneinander entfernten Inseln Polynesiens erreichen und besiedeln konnten. Bild: Graham Crumb/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0
Die Forschung kann sich noch immer nicht erklären, wie Menschen die weit voneinander entfernten Inseln Polynesiens erreichen und besiedeln konnten. Bild: Graham Crumb/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Auch der Zeitpunkt, wann welche Inseln im Pazifik besiedelt wurden, ist nicht vollständig geklärt. Jüngste Untersuchungen alter DNA bringen nun jedoch Bewegung in die Geschichte der pazifischen Besiedlung: Wissenschaftler können inzwischen Wanderungsrouten und soziale Strukturen über 3000 Jahre anhand alter Genomsequenzen nachverfolgen. Offenbar waren es zwei Wanderungswellen, die den Südpazifik geprägt haben.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Professor Cosimo Posth von der Universität Tübingen hat für eine jüngst im Fachjournal Cell veröffentlichte Studie 72 menschliche Überreste aus den vergangenen 3000 Jahren untersucht. Die Skelette stammen von Fundorten auf den Salomonen, Vanuatu, Tonga und Fidschi – von dort liegen damit erstmals überhaupt Genomdaten früher Bewohner vor.

Gene verraten Wanderungsbewegung

Das Forschungsgebiet umfasst die pazifischen Inselgruppen der Staaten Vanuatu, Neukaledonien und Fidschi – sowie die Region Polynesiens, dessen Inseln ein riesiges Dreieck zwischen den Osterinseln, Hawaii und Neuseeland aufspannen. Die untersuchte Fläche beträgt damit mehr als 30 Millionen Quadratkilometer. Über 200 Sprachen zeugen heute noch von der außergewöhnlichen kulturellen Vielfalt der Region.

Wissenschaftler haben nun die vielfältigen Wanderungsbewegungen früher Menschen nach der ersten Besiedlung des westlichen Ozeaniens („Fernes Ozeanien“) datiert (links). Kunstwerk mit traditionellen Symbolen (rechts). Bild: Michal Feldman et al., 2026/Josua Toganivalu, Suva, Fidschi
Wissenschaftler haben nun die vielfältigen Wanderungsbewegungen früher Menschen nach der ersten Besiedlung des westlichen Ozeaniens („Fernes Ozeanien“) datiert (links). Kunstwerk mit traditionellen Symbolen (rechts). Bild: Michal Feldman et al., 2026/Josua Toganivalu, Suva, Fidschi

Die ersten Menschen müssen die zuvor unbewohnten Inselgruppen vor rund 3000 Jahren erreicht haben. Sie gehörten zu einer Ausbreitungsbewegung, die etwa 5000 Jahre zuvor in Südostasien begonnen hatte. Später kamen Menschen mit Verbindungen zu Papua hinzu.

„Anhand der Datierung der genetischen Durchmischung konnten wir ermitteln, dass die Menschen der frühen Ausbreitungswelle aus Südostasien sich schneller ausbreiteten als die Welle mit Bezug zu Papua“, sagt Professor Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment der Universität Tübingen.

Aus den genetischen Daten lässt sich ableiten, dass sich die Wanderungsbewegungen zeitlich unterscheiden. Menschen mit Papua-Bezug lebten bereits vor 2700 Jahren auf Vanuatu. Erst mindestens 500 Jahre später erreichten verwandte Gruppen Fidschi. Die frühe Wanderung aus Südostasien verlief dagegen wesentlich schneller entlang derselben Route.

Die Völker Ozeaniens sind seit jeher große Seefahrer. Bild: Graham Crumb/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0
Die Völker Ozeaniens sind seit jeher große Seefahrer. Bild: Graham Crumb/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Auch spätere Bewegungen veränderten die genetische Landkarte: Wahrscheinlich gelangten Menschen von benachbarten Inselgruppen, darunter Vanuatu, bei weiteren Wanderungen auf andere Archipele. Dadurch entstanden Verbindungen zwischen den Inselgesellschaften, die erst jetzt entdeckt werden.

Aufschlussreich ist zudem die Geschichte polynesischer Gemeinschaften im Süden Vanuatus: Obwohl sie außerhalb des klassischen polynesischen Dreiecks liegen, haben sie charakteristische Sprachen und kulturelle Traditionen bewahrt. „Es waren Polynesier, die über das Meer reisten, die diese polynesischen Aussiedlergemeinschaften in Südvanuatu gründeten“, erklärt Posth. „Wir haben direkte Belege für diese Wanderung gefunden, die vor rund tausend Jahren stattfand.“

Blick in soziale Strukturen – durch DNA

Die Studie weist auch darauf hin, wie frühe Gemeinschaften organisiert waren. Auf Fidschi etwa untersuchten die Forschenden eine Gruppe, die vor etwa 1500 Jahren lebte. Durch Bestattungen und genetische Verwandtschaft ließ sich ein Stammbaum über fünf Generationen rekonstruieren.

„Wir konnten innerhalb der Gemeinschaft eine biologisch verwandte Gruppe identifizieren, die sich mit ihrem Profil deutlich von den anderen abhob und soziale Praktiken verfolgte, die möglicherweise auf die Aufrechterhaltung von Wohlstand und sozialem Status in der Familie abzielten“, sagt Erstautorin Dr. Michal Feldman aus Posths Arbeitsgruppe.

Die Genomdaten wurden durch Archäologie, Radiokarbondatierungen, Skelettanalysen und Isotopenforschung ergänzt. So entstand schlussendlich ein sehr genaues Bild davon, wie Migration, Vermischung und gesellschaftliche Ordnung zusammenwirkten.

Für Posth zeigen die Ergebnisse, dass die Geschichte des Pazifiks nicht allein aus einzelnen Wanderungsbewegungen besteht: „Wir haben neue Einblicke in die komplexen Wechselwirkungen zwischen den Wanderungen der Menschen und den sozialen Strukturen in den frühen Inselgesellschaften erhalten.“

Artikelreferenz

Feldman, M., Arauna, L. R., et al. (2026). Ancient genomes reveal distinct human dispersals and social stratification in the settlement history of western Remote Oceania. Cell.