Mysteriöse DNA-Spuren: Diese zwei Vorfahren hatte der Mensch – und wir können es nur an unseren Genen beweisen

Das menschliche Erbgut birgt offenbar noch Geheimnisse. Ein internationales Forschungsteam hat genetische Spuren zweier bislang unbekannter ausgestorbener Menschenlinien gefunden, die bis heute im menschlichen Genom überdauern.

Wissenschaftler haben in unseren Genen zwei archaische Menschenlinien entdeckt, die sich sonst an keinen fossilen Funden nachweisen lassen. Bild: Ryoji Iwata/Unsplash
Wissenschaftler haben in unseren Genen zwei archaische Menschenlinien entdeckt, die sich sonst an keinen fossilen Funden nachweisen lassen. Bild: Ryoji Iwata/Unsplash

Die Geschichte der Menschheit wird erweitert. Forschende der University of California in Berkeley haben im Erbgut heutiger Menschen DNA-Abschnitte entdeckt, die sich keiner bekannten Menschenart zuordnen lassen. Die Wissenschaftler sprechen von Geister-Vorfahren – das sind ausgestorbene Menschenlinien, von denen keinerlei Fossilien oder DNA-Spuren vorliegen.

Möglich wurde der Fund durch eine neue Analysemethode namens TRACE. Anders als frühere Verfahren benötigt sie keine Vergleichs-DNA von ausgestorbenen Menschenarten. Stattdessen rekonstruiert sie anhand der Genome heutiger Menschen deren stammesgeschichtliche Verwandtschaft und macht ungewöhnlich alte genetische Abschnitte sichtbar.

Zwei unbekannte Menschenlinien

Eine dieser beiden unbekannten Linien vermischte sich vor mehr als 50.000 Jahren in Afrika mit den Vorfahren des modernen Menschen, also noch bevor Homo sapiens Europa und Asien besiedeln konnte. Den neuen Berechnungen zufolge hatte sich diese Linie bereits vor rund 800.000 Jahren von der Entwicklungslinie des modernen Menschen getrennt.

Bereits früher hatten Forscher Geisterlinien im menschlichen Genom entdeckt. Nun jedoch konnten sie nachweisen, dass sich die Geister-Abstammung überall auf der Welt in unseren Genen wiederfindet. Bild: Ryoji Iwata/Unsplash
Bereits früher hatten Forscher Geisterlinien im menschlichen Genom entdeckt. Nun jedoch konnten sie nachweisen, dass sich die Geister-Abstammung überall auf der Welt in unseren Genen wiederfindet. Bild: Ryoji Iwata/Unsplash

Die damals übernommenen Gene machen heute etwa ein Prozent des Erbguts aller Menschen aus – unabhängig davon, ob ihre Vorfahren aus Afrika, Europa oder Asien stammen. Das entspricht ungefähr dem Anteil der bekannten Neandertaler-DNA.

„Frühere Veröffentlichungen deuteten darauf hin, dass es möglicherweise eine Geister-Abstammung gibt – also Abstammung von unbekannten archaischen Menschenlinien im modernen Menschen –, doch sie konnten nicht klären, ob diese nur bei Afrikanern vorkommt und wann diese Vermischung stattfand“, erklärt Erstautor Yulin Zhang. „Wir konnten tatsächlich relevante Genomabschnitte im modernen Menschen finden und kartieren, und zeigen, dass diese Geister-Linie bei allen heutigen Menschen vorkommt, nicht nur bei Afrikanern.“

Noch ältere Spuren

Noch rätselhafter ist eine zweite, sogenannte superarchaische Menschenlinie. Sie soll sich bereits vor rund 1,8 Millionen Jahren von anderen Menschenformen abgespalten haben. Direkten Kontakt mit Homo sapiens gab es offenbar nie.

Die meisten archaische Gene waren einst überlebenswichtig, um sich an neue Nahrung und Krankheitserreger anzupassen. Bild: Tom Barrett/Unsplash
Die meisten archaische Gene waren einst überlebenswichtig, um sich an neue Nahrung und Krankheitserreger anzupassen. Bild: Tom Barrett/Unsplash

Stattdessen vermischte sich diese Population vor mehr als 200.000 Jahren mit den Denisova-Menschen in Eurasien. Erst über diese Zwischenstation gelangten ihre Gene schließlich in das Erbgut moderner Menschen. Besonders deutlich finden sich diese Spuren heute bei Bevölkerungen in Ozeanien.

„Der Nachweis dieser superarchaischen Abstammung ist besonders spannend, weil er genetische Beiträge einer Menschenlinie offenbart, die vor mehr als einer Million Jahren lebte – obwohl von dieser Population bislang keinerlei DNA entschlüsselt wurde“, sagt Arjun Biddanda von der Johns Hopkins University.

Insgesamt stammen nach Angaben der Forschenden rund zwei Prozent des menschlichen Genoms von archaischen Menschenformen. Viele dieser DNA-Abschnitte stehen mit Immunsystem und Stoffwechsel in Verbindung und könnten unseren Vorfahren Vorteile bei der Anpassung an neue Krankheitserreger, Nahrungsquellen und Lebensräume verschafft haben.

Verteilung archaischer Abstammung auf 22 Chromosomen, über alle Populationen hinweg (A). Genomregionen ohne identifizierte Varianten sind weiß, geschätzte „Wüsten“ archaischer Abstammung grau. Ausschnitt von Chromosom 7 mit Abstammung in allen Populationen (B). Bild: Zhang et al., 2026
Verteilung archaischer Abstammung auf 22 Chromosomen, über alle Populationen hinweg (A). Genomregionen ohne identifizierte Varianten sind weiß, geschätzte „Wüsten“ archaischer Abstammung grau. Ausschnitt von Chromosom 7 mit Abstammung in allen Populationen (B). Bild: Zhang et al., 2026

„Die Anpassung an neue Krankheitserreger und Nahrungsquellen gehörte zu den stärksten Selektionskräften der menschlichen Evolution“, sagt Priya Moorjani von der University of California, Berkeley. „Die Vermischung mit anderen Menschengruppen brachte neue genetische Vielfalt hervor und lieferte zusätzliches Rohmaterial für die natürliche Selektion.“ Vorteilhafte Varianten hätten sich anschließend über viele Generationen hinweg erhalten und ausbreiten können, so Moorjani.

Die in Science veröffentlichte Studie verdeutlicht, dass die menschliche Evolution weniger einem verzweigten Stammbaum als vielmehr einem eng verflochtenen Netzwerk wiederholter Wanderungen und Vermischungen gleicht. Künftige Genome und weitere Fossilien könnten nun helfen, die Identität dieser rätselhaften Vorfahren endgültig zu entschlüsseln.

Artikelreferenz

Zhang, Y., et al. (2026). Recovering signatures of archaic hominin introgression using ancestral recombination graphs. Science.