89 Millionen Jahre alte Migration: Wie eine Riesenschildkröte im Treibhausklima Kontinente überquerte
Ein unscheinbarer Panzerfund aus Montana verschiebt die Evolutionsgeschichte um fünf Millionen Jahre – und zeigt, wie Schildkröten im extremen Kreideklima zwischen Kontinenten wanderten.

In der Paläontologie sind es nicht immer vollständige Skelette, die Geschichte schreiben. Manchmal genügt ein fragmentierter Panzer, um eine ganze Evolutionslinie neu zu datieren. Genau das ist nun in Montana geschehen:
Dort haben Forschende Überreste einer großen Landschildkröte entdeckt, die das Auftreten ihrer Gattung um rund fünf Millionen Jahre weiter in die Vergangenheit verschieben.
Der Fund stammt aus der sogenannten Frontier-Formation, einer Gesteinsabfolge aus der mittleren Kreidezeit.
Mithilfe präziser radiometrischer Datierungsmethoden ließ sich das Alter der Sedimente auf etwa 89,9 Millionen Jahre bestimmen. Damit lebte diese Schildkröte deutlich früher als bislang für ihre Gattung angenommen.
Eine asiatische Linie in Amerika
Die fossilen Fragmente werden der Gattung Basilemys zugeordnet, einer robust gebauten Landschildkröte mit dickem, ornamentiertem Panzer. Sie gehört zur Familie der Nanhsiungchelyidae, deren Vertreter überwiegend aus Asien bekannt sind. In Nordamerika ist Basilemys die einzige gesicherte Vertreterin dieser Linie.
Bislang tauchte die Gattung vor allem in Schichten des späten Oberkreidezeitalters auf, also zwischen etwa 84 und 66 Millionen Jahren. Der neue Fund aus Montana liegt jedoch deutlich darunter – stratigraphisch wie zeitlich. Damit wird klar: Die Einwanderung ihrer Vorfahren nach Nordamerika muss früher erfolgt sein als bisher angenommen.
Migration im Treibhausklima
Vor rund 90 Millionen Jahren befand sich die Erde in einer ausgeprägten Treibhausphase.
In dieser Phase war die Region zwischen Sibirien und Alaska – das Gebiet der später sogenannten Beringia – keine eisige Barriere, sondern ein ökologisch durchlässiger Raum.
Wärmere Durchschnittstemperaturen ermöglichten es auch wechselwarmen Tieren, sich weiter nach Norden auszubreiten. Für Landschildkröten, die auf äußere Wärmequellen angewiesen sind, wäre eine solche Klimaphase entscheidend gewesen.
Der Fund aus Montana deutet darauf hin, dass die Vorfahren von Basilemys diese günstigen Bedingungen nutzten, um von Asien nach Nordamerika zu gelangen.
Leben an einem Binnenmeer
Zur Zeit dieser Schildkröte war Nordamerika geologisch kaum wiederzuerkennen. Ein gewaltiges Binnenmeer, das Western Interior Seaway, teilte den Kontinent in zwei Landmassen. Küstenregionen und Flussdeltas prägten weite Teile des heutigen Westens.
Basilemys dürfte in diesen warmen, saisonal feuchten Küstenlandschaften gelebt haben – zusammen mit Dinosauriern, frühen Krokodilverwandten und einer vielfältigen Pflanzenwelt. Ihr massiver Panzer und der insgesamt kräftige Körperbau sprechen für eine terrestrische Lebensweise.
Präzision durch Zirkone
Bemerkenswert ist nicht nur der Fund selbst, sondern auch die Methode seiner Datierung. Die Forschenden analysierten sogenannte detritische Zirkone im umgebenden Sediment. Mithilfe der Uran-Blei-Methode lässt sich das Alter solcher Mineralkristalle äußerst genau bestimmen.
Diese geochronologische Präzision verleiht dem Fossil seine eigentliche Bedeutung.
In der Evolutionsforschung zählt oft weniger der spektakuläre Fund als sein stratigraphischer Kontext.
Klimawandel als Motor der Expansion
Der Fall Basilemys wirft auch eine grundsätzliche Frage auf: Wie reagieren Tiergruppen auf rasche Klimaveränderungen? Die Kreidezeit war ein natürliches Experiment globaler Erwärmung. Zahlreiche Tierlinien dehnten damals ihre Verbreitungsgebiete aus.
Die Schildkröte aus Montana liefert ein greifbares Beispiel für solche Verschiebungen. Ihr Auftreten im mittleren Kreidezeitalter legt nahe, dass Temperaturanstiege nicht nur ökologische Nischen veränderten, sondern auch neue Migrationskorridore öffneten.
Zugleich zeigt der Fund, dass selbst robuste, landlebende Reptilien in der Lage waren, weite Strecken über Kontinente hinweg zu expandieren – vorausgesetzt, klimatische und geographische Bedingungen erlaubten es.
la Caninemys tridentata, una tortuga fósil gigante redescubierta en el Desierto de la Tatacoa. Solo existen 2 ejemplares en el mundo, uno en Brasil y otro en Huila, Colombia. Un hallazgo que convierte a nuestro museo en guardián de un verdadero misterio de la paleontología. pic.twitter.com/NxkaNZ7aAZ
— Museo de la Tatacoa (@MuseodlaTatacoa) February 10, 2026
Ein Fragment, das Geschichte neu datiert
Das Fossil aus Montana ist kein Schaustück mit vollständig erhaltenem Schädel. Es besteht aus Teilen des Bauch- und Rückenpanzers. Doch gerade seine unspektakuläre Erscheinung macht deutlich, wie Wissenschaft funktioniert: Hypothesen werden nicht durch Größe, sondern durch Kontext korrigiert.
Mit einem Alter von knapp 90 Millionen Jahren verschiebt dieses Tier die nachweisbare Präsenz seiner Gattung erheblich zurück. Es zwingt dazu, Migrationsmodelle neu zu denken und das Zusammenspiel von Klima, Geographie und Evolution differenzierter zu betrachten.
Manchmal genügt ein einzelner Panzer, um Kontinente in Bewegung zu setzen – zumindest im Verständnis ihrer Geschichte.
Quelle
Clark, B., Prall, J., Hannebaum, Z. J., Orme, D. A., Panascí, G., & Varricchio, D. J. (2025). The earliest dated Basilemys (Testudines, Nanhsiungchelyidae) in North America informs polar dispersal during middle Cretaceous Hothouse conditions. Historical Biology. Online veröffentlicht am 07. September 2025.