Stadtgrün: Heilung oder Heuschnupfen? Das steckt wirklich hinter der Pollenbelastung in Städten

Grünflächen bringen in dicht bebaute Städte ein Stück Natur zurück. Doch was der Gesundheit dienen soll, kann für Allergiker schnell zur Last werden. Forschende untersuchen nun, wie Stadtgrün Allergien beeinflusst – und wie es überhaupt zu allergenen Hotspots durch Pollenpflanzen kommt.

Stadtparks sollen der Erholung dienen, doch für Allergiker können sie im Frühjahr und Sommer oft zur Pollenfalle werden. Bild: Serhii Vasylenko/Unsplash
Stadtparks sollen der Erholung dienen, doch für Allergiker können sie im Frühjahr und Sommer oft zur Pollenfalle werden. Bild: Serhii Vasylenko/Unsplash

Sobald der Winter abklingt, beginnt für viele Menschen die Leidenszeit. Noch bevor Bäume sichtbar austreiben, sind Hasel- und Erlenpollen in der Luft. Gerade Haselsträucher finden sich häufig in innerstädtischen Parks oder als Heckenpflanzen – und werden damit ungewollt zur Quelle früher Beschwerden.

Heuschnupfen (allergische Rhinitis) ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) eine der häufigsten allergischen Erkrankungen in Deutschland. Rund 12,3 Millionen Erwachsene sind betroffen.

Auch der Lehrstuhl für Umweltmedizin an der Universität Augsburg befasst sich seit Jahren mit den gesundheitlichen Folgen urbaner Vegetation. Die zentrale Frage lautet: Wann wirkt Stadtgrün gesundheitsfördernd – und wann wird es zur Pollenfalle?

Unter Mitwirkung der Augsburger Wissenschaftlerinnen wurden nun neue Empfehlungen zur gesundheitsförderlichen Stadtplanung herausgegeben. Die Leitlinie berücksichtigt den aktuellen Forschungsstand zu urbanen Grünflächen und der Prävention von Allergien und Asthma. Und sie kommt zu einem klaren Befund: Grundsätzlich ist Stadtgrün ein Gewinn.

Grünanlagen fördern die Artenvielfalt, verbessern das Stadtklima und stärken nachweislich die psychische Gesundheit. Auch das Immunsystem kann von vielfältigen mikrobiellen Umwelteinflüssen profitieren.

Gestaltung entscheidet über Wirkung

Doch die positive Wirkung ist kein Selbstläufer. Entscheidend ist, welche Pflanzenarten gewählt werden, wie Flächen gepflegt werden und unter welchen klimatischen Bedingungen sie gedeihen. Bestimmte Arten produzieren große Mengen stark allergener Pollen. In Kombination mit Luftverschmutzung oder Hitze kann sich die Belastung sogar noch verstärken.

„Unsere Arbeit zeigt wie Umweltmedizin, Stadtforschung und digitale Gesundheitsanwendungen auf jeder Ebene zusammenwirken können, von internationalen Leitlinien über lokale Risikoanalysen bis hin zur individuellen Unterstützung per App.“

– Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin, Universität Augsburg

Die Leitlinie, die in der Fachzeitschrift Allergy veröffentlicht wurde, plädiert deshalb für eine Stadtplanung, die Ökologie und allergologische Erkenntnisse gleichermaßen berücksichtigt. Biodiversität soll gezielt gefördert werden – das allerdings mit Bewusstsein für die Risiken.

Wo besonders viele Pollen auftreten

Wie unterschiedlich sich allergene Belastungen innerhalb einer Stadt verteilen, zeigt eine weitere Studie der Augsburger Forschenden. Veröffentlicht wurde sie im Fachjournal Sustainable Cities and Society. Das Team entwickelte ein Verfahren, mit dem sich allergene Hotspots hochaufgelöst kartieren lassen.

Räumliche Verteilung des Allergiepotenzials im Gebiet des Augsburger Westfriedhofs, berechnet anhand des sogenannten Urban Green Allergenicity Index (IUGZA) auf einem Raster von 25 m × 25 m. Die Werte zeigen die geschätzte Allergenität für das gesamte Jahr an. Bild: Trost, Rötzer, Traidl-Hoffmann & Plaza, 2025
Räumliche Verteilung des Allergiepotenzials im Gebiet des Augsburger Westfriedhofs, berechnet anhand des sogenannten Urban Green Allergenicity Index (IUGZA) auf einem Raster von 25 m × 25 m. Die Werte zeigen die geschätzte Allergenität für das gesamte Jahr an. Bild: Trost, Rötzer, Traidl-Hoffmann & Plaza, 2025

Am Beispiel des Westfriedhof in Augsburg wurde sichtbar, dass die Pollenbelastung keineswegs gleichmäßig auftritt. Vielmehr hängen Expositionen stark von Vegetationsstruktur, Biodiversität, Luftschadstoffen und Mikroklima ab. Schon wenige hundert Meter können deutliche Unterschiede bedeuten.

Dabei sind es vor allem ausgeprägte, kleinräumige Allergie-Hotspots, die statistisch auffallen. Besonders hohe Werte treten im Zentrum und Südwesten des Parks auf, während die Altstadt und angrenzende Wohngebiete deutlich geringere Belastungen zeigen.

Hauptverursacher sind windbestäubte, hochallergene Arten wie Hängebirke (Betula pendula), Hainbuche (Carpinus betulus), Gewöhnliche Hasel (Corylus avellana), Rotbuche (Fagus sylvatica) und Gewöhnliche Esche (Fraxinus excelsior).

Allergie-Hotspots entstehen vor allem dort, wo große Baumkronen viel Pollen produzieren (Kronenprojektionsfläche) und mehrere Bäume dicht beieinander stehen (räumliche Clusterbildung) – und nicht unbedingt dadurch, dass eine Art besonders lange blüht.

Die gemeine Hasel ist eine häufige Allergiepflanze, blüht sehr früh und ist in vielen innerstädtischen Parks und Gärten zu finden, wie hier im Augsburger Reese-Park. Bild: Universität Augsburg/Härning
Die gemeine Hasel ist eine häufige Allergiepflanze, blüht sehr früh und ist in vielen innerstädtischen Parks und Gärten zu finden, wie hier im Augsburger Reese-Park. Bild: Universität Augsburg/Härning

Saisonale Spitzen treten im Frühjahr auf, insbesondere während der Birken- und Haselblüte. Hohe Temperaturen, Trockenperioden und steigende CO₂-Konzentrationen verstärken die Belastung zusätzlich und können die Allergenität um bis zu 24 % erhöhen. – Die Kombination aus internationaler Leitlinie und lokaler Detailanalyse zeigt also, dass nicht das „Ob“ von Stadtgrün zur Debatte steht, sondern das „Wie“.

Digitale Hilfe für den Alltag

Neben strategischen Ansätzen setzt der Lehrstuhl auch auf individuelle Unterstützung. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist die PollDi-App, entwickelt an der Medizinischen Fakultät in Augsburg. Nach einer Testphase in Augsburg und Bad Hindelang steht die Anwendung nun frei zur Verfügung. Sie kombiniert Pollen- und Luftqualitätsprognosen mit einem digitalen Symptomtagebuch.

Nutzerinnen und Nutzer können Beschwerden dokumentieren und mit Umweltfaktoren verknüpfen. So werden persönliche Muster erkennbar und präventive Maßnahmen planbar. Der Schlüssel sei die Vorhersage, sagt Dr. Claudia Traidl-Hoffmann.

PollDi macht Umweltfaktoren und Symptome früh sichtbar und unterstützt Allergiepatientinnen und -patienten im Alltag. In meiner Arbeit als behandelnde Ärztin an der Hochschulambulanz für Umweltmedizin erlebe ich täglich, wie wertvoll solche evidenzbasierten Tools sind.

Die Augsburger Forschung macht deutlich: Stadtgrün ist weder per se Heilmittel noch Risiko. Entscheidend ist eine durchdachte Planung, die Gesundheit, Klima und Biodiversität zusammendenkt – und zugleich Betroffene individuell unterstützt.

Quellenhinweis:

Haahtela, T., O'Mahony, L., Traidl-Hoffmann, C., Akdis, M., Ceylan, O., Chaslaridis, P., Damialis, A., Del Giacco, S., Lauerma, A., et al. (2026): EAACI Guidelines on the Importance of Green Space in Urban Environments for Allergy and Asthma Prevention. Allergy, 81, 3.

Trost, C., Rötzer, T., Traidl-Hoffmann, C., & Plaza, M. P. (2025): Unveiling hidden allergenic hotspots: A fine-scale, parameter-optimized approach for spatiotemporal mapping of urban allergenicity assessments. Sustainable Cities and Society, 134, 106927.