Sibirien explodiert im Schnee! Winterfans jubeln zu früh – die Wahrheit über unseren Winter ist eine ganz andere
In Sibirien schneit es wie selten, Winterfans träumen schon von Frost und Schlittenfahren. Doch ein Blick in die Wetterdaten von fast 50 Wintern liefert eine ernüchternde Überraschung.

Während in Deutschland noch das Herbstlaub fällt, liegt über weiten Teilen von Sibirien bereits eine geschlossene Schneedecke. Von den Wäldern der Taiga bis in die Steppen der Mongolei ist die Landschaft in kurzer Zeit weiß geworden.
In Wetterforen sorgt das gerade für Aufregung. Viele sehen im sibirischen Schnee den ersten Vorboten für einen eisigen Winter in Deutschland. Die Idee ist nicht aus der Luft gegriffen, sie geht auf eine Forschungsarbeit aus dem Jahr 2011 zurück. Ein genauerer Blick zeigt allerdings, dass die Sache einen gewaltigen Haken hat.
Nicht die Menge zählt, sondern das Tempo
Entscheidend ist bei dieser Theorie nicht, wie hoch der Schnee in Sibirien liegt. Es kommt darauf an, wie schnell sich die Schneedecke im Oktober ausbreitet. Gemessen wird das über ein riesiges Gebiet, vor allem in Südsibirien, der Mongolei und den Hochgebirgen Zentralasiens.
In diesem Jahr ging es zunächst schleppend los. In der ersten Oktoberwoche lag die Ausbreitung sogar leicht unter dem Durchschnitt. Danach setzte aber ein regelrechter Schnee-Schub ein. Nach jetzigem Stand gehört dieser Oktober zu den schnellsten Schnee-Vorstößen der vergangenen drei Jahrzehnte, etwa in den oberen 15 Prozent.
Vom Schnee bis zum Polarwirbel: die Kettenreaktion
Die Theorie beschreibt eine Kettenreaktion über mehrere Stockwerke der Atmosphäre. Frischer Schnee reflektiert das Sonnenlicht, der Boden kühlt kräftig aus, und das Sibirien-Hoch wird stärker. Dieses Kältehoch lenkt die Luftströmung und erzeugt riesige Wellen in der Atmosphäre.
Diese sogenannten planetaren Wellen können bis in die Stratosphäre in rund 30 Kilometer Höhe aufsteigen. Dort treffen sie auf den Polarwirbel, der die Arktiskälte über dem Nordpol festhält. Wird er durchgeschüttelt oder bricht er sogar zusammen, kann die Kaltluft nach Süden ausbrechen. Meteorologen sprechen dann von einer negativen Arktischen Oszillation, und genau diese Lage bringt Mitteleuropa oft frostige Wochen.
Nachgerechnet: Die Regel versagt seit Jahren
So weit die Theorie. Inzwischen wurde sie jedoch an 47 Wintern seit 1979 überprüft, und das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Die Regel lag 25-mal richtig und 22-mal daneben, das ist kaum besser als ein Münzwurf.
Besonders auffällig ist der Bruch nach 2011. In den Jahren, auf denen die ursprüngliche Studie beruhte, traf die Regel in 9 von 14 Fällen. Seit ihrer Veröffentlichung waren es nur noch 6 von 15 Wintern. Ein Prognose-Werkzeug, das öfter falsch als richtig liegt, taugt für die Winterprognose schlicht nicht mehr.
Wo genau die Kette reißt
Interessant ist, an welcher Stelle der Mechanismus versagt. Der hintere Teil funktioniert nach wie vor: Steigt im November und Dezember viel Wellenenergie in die Stratosphäre auf, wird ein gestörter Polarwirbel im Januar und Februar etwa doppelt so wahrscheinlich.
Wackelig ist dagegen der Anfang der Kette. Viel Oktoberschnee sorgt inzwischen nicht mehr zuverlässig für ein stärkeres Sibirien-Hoch. Wie verschieden die Folgen sein können, zeigen zwei Winter. Nach dem schnellen Schnee-Oktober 2009 wurde der Winter 2009/10 in Europa bitterkalt. Nach dem ebenso schnellen Oktober 2019 folgte einer der wärmsten Winter überhaupt. Möglicherweise haben der Eisverlust in der Arktis und wärmere Ozeane die Spielregeln verändert.
Was jetzt wirklich über unseren Winter entscheidet
In diesem Jahr gibt ohnehin ein anderer Akteur den Ton an: der extrem starke El Niño im Pazifik. Ein Blick auf frühere Jahre mit ähnlich schnellem Schnee-Oktober und gleichzeitigem El Niño zeigt, wie wenig der Schnee allein aussagt. Die Winter danach fielen völlig unterschiedlich aus.
Die Langfristmodelle sehen den Polarwirbel bis Mitte Dezember im normalen Bereich. Danach könnte er deutlich schwächeln, im Extremfall droht sogar ein Zusammenbruch. Für Mitteleuropa zeigen die Trends derzeit trotzdem eher eine milde Westströmung, die Kälte könnte sich eher Richtung Nordamerika orientieren. Der sibirische Schnee entscheidet also nicht über unseren Winter. Spannend wird, was sich im November und Dezember in der Stratosphäre tut.