Klimaforscher: „Nicht täuschen lassen!" – Super-El-Niño baut sich auf, und der Spätwinter hat noch ein Ass im Ärmel
Der stärkste El Niño seit Jahrzehnten rollt an. Viele erwarten den nächsten Mildwinter – doch ein Blick zurück zeigt: Es kann auch ganz anders kommen.

El Niño ist zurück – und diesmal so kräftig wie selten zuvor. Die Wassertemperaturen im tropischen Pazifik schießen nach oben, und die Prognosen sprechen von einer über 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis. Manche halten es sogar für einen der stärksten El Niños der letzten Jahrzehnte.
Und schon geht das große Rätselraten los: Bringt uns dieser ferne Hitzemotor im Pazifik jetzt automatisch den nächsten lauwarmen Mildwinter? Genau da muss ich Sie bremsen – denn die Geschichte erzählt eine spannendere Wahrheit.
Der Mildwinter-Ruf – zu Recht?
Der Ruf kommt nicht von ungefähr. Die letzten großen El-Niño-Winter waren in Deutschland tatsächlich reihenweise viel zu warm. Der Winter 2015/16 etwa brachte uns den wärmsten Dezember seit Beginn der Messungen 1881, mit Krokussen im Garten und zweistelligen Plusgraden an Heiligabend.
Auch der starke El Niño von 1997/98 spülte einen der 13 wärmsten Winter der gesamten Messreihe herbei. Kein Wunder also, dass viele beim Stichwort El Niño reflexartig an grüne Weihnachten und Regen statt Schnee denken.
2009/10: Als der Schnee alles begrub
Doch jetzt kommt der Haken – und der hat es in sich. Auch der Winter 2009/10 fiel mitten in eine El-Niño-Phase. Und der ging garantiert nicht als Mildwinter in die Bücher, sondern als knallkalter, tief verschneiter Schnee-Winter, wie ihn viele bis heute vermissen.
Minus 1,3 Grad im Bundesmittel, satte anderthalb Grad unter dem Klimawert – im Osten sogar zweieinhalb Grad zu kalt. Am 27. Januar 2010 zeigte das Thermometer im sächsischen Bad Muskau eisige minus 24,3 Grad. Wochenlang lag Schnee, Seen froren zu, Kinder rodelten von der Küste bis in die Alpen. Gleicher Auslöser im Pazifik – und trotzdem das komplette Gegenteil.
Warum das Ganze kippen kann
Wie passt das zusammen? Ganz einfach: El Niño ist eben nicht der alleinige Chef über unseren Winter. Er sitzt tausende Kilometer entfernt und mischt nur mit – entschieden wird das Spiel am Ende über dem Atlantik und hoch oben in der Stratosphäre.
Dort kreist der sogenannte Polarwirbel, ein riesiger Ring eiskalter Luft über der Arktis. Ein kräftiger El Niño kann diesen Wirbel ins Wanken bringen. Kippt er, öffnet sich das Tor, und arktische Kaltluft schießt weit nach Süden bis zu uns. Und genau dann wird aus dem erwarteten Weichei-Winter plötzlich ein eisiger Kracher – meist überraschend spät, im Januar oder Februar.
Was die Statistik wirklich sagt
Bevor jetzt aber alle die Schlitten aus dem Keller holen: Ein Selbstläufer ist der kalte Winter nicht. Schaut man sich die starken El-Niño-Jahre der Vergangenheit an, waren die Winter über Deutschland mehrheitlich zu mild – grob jeder zweite fiel zu warm aus.

Aber eben nicht alle. Ein ordentlicher Teil dieser Winter war normal oder sogar zu kalt. Kalte, teils bitterkalte Winter sind also möglich – mit El Niño, aber nicht wegen El Niño. Das Phänomen lädt gewissermaßen die Würfel, geworfen werden sie trotzdem woanders.
Der Spätwinter und sein Ass im Ärmel
Was heißt das nun für den kommenden Winter? Verlassen Sie sich bloß nicht auf den ersten Eindruck. Startet der Dezember mild und nass, wie es in El-Niño-Jahren oft der Fall ist, wiegt uns das gern in falscher Sicherheit.
Die eigentliche Bühne gehört nämlich meist dem Spätwinter. Mein Rat: Legen Sie sich jetzt nicht fest, halten Sie die Winterreifen griffbereit und behalten Sie vor allem Januar und Februar im Auge. Denn ausgerechnet dann könnte dieser Super-El-Niño sein Ass ausspielen und zeigen, dass er beides kann – lauwarme Enttäuschung oder eisige Sensation. Ich tippe: Es bleibt spannend bis zum Schluss.