„Der Rhein steigt wieder!" – doch was in Kaub bis Freitag passiert, ist keine Wende

Endlich klettern die Pegel nach oben, sogar am Sorgenkind Kaub. Kommt jetzt die große Rhein-Wende? Ich habe die Vorhersage bis Freitag geprüft – und muss Sie warnen.

Viele von Ihnen haben es heute früh selbst gesehen: Der Rhein steigt wieder! Und diesmal ist es kein Messfehler – sogar am berüchtigten Pegel Kaub, dem Nadelöhr der gesamten Rheinschifffahrt, geht es spürbar nach oben. Nach Wochen der Rekord-Dürre klingt das wie eine Erlösung.

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Ich freue mich mit Ihnen über jeden Zentimeter. Aber als Meteorologe muss ich Ihnen heute die Euphorie ein Stück weit nehmen: Was wir hier sehen, ist eine echte Erholung – aber noch lange keine Wende.

So stark steigt der Rhein wirklich

Fangen wir mit der guten Nachricht an, denn die ist echt: Erst am Montag rutschte Kaub auf einen historischen Tiefststand von rund fünf Zentimetern – so niedrig war der Mittelrhein noch nie. An diesem Dienstag steht der Pegel schon wieder bei rund elf Zentimetern, und die offizielle Vorhersage sieht ihn bis zum Wochenende Richtung 30 Zentimeter klettern.

Im Rhein ist kaum noch Wasser. Das wird sich in den kommenden Tagen kaum ändern - trotz Regens.
Im Rhein ist kaum noch Wasser. Das wird sich in den kommenden Tagen kaum ändern - trotz Regens.

Auslöser ist Regen, der über den Alpen und der Schweiz niedergeht und den Oberrhein von Karlsruhe an bis in den Mittelrhein hinein auffüllt. Die kleine Pegelwelle wandert also tatsächlich flussabwärts – genau, wie viele von Ihnen es vermutet haben.

Warum ich trotzdem warne

Jetzt kommt das große Aber. Klingt „30 Zentimeter" nach viel? Dann halten Sie sich fest: Im langjährigen Mittel liegt Kaub bei rund 208 Zentimetern. Selbst der prognostizierte Höchststand zum Freitag ist also nur ein winziger Bruchteil dessen, was hier normal wäre.

Wir reden nicht über einen vollen Fluss, sondern über einen Patienten, der sich vom Sterbebett kurz aufrichtet. Der alte Allzeit-Rekord aus dem Dürrejahr 2018 lag bei 25 Zentimetern – wir kratzen gerade eben so an dieser Katastrophen-Marke.

Zucken, Erholung, Wende – der feine Unterschied

Als Meteorologe unterscheide ich drei Dinge. Ein Zucken ist ein kurzer Ausschlag über wenige Stunden. Eine Erholung – und die haben wir jetzt – ist ein Anstieg über einige Tage, getragen von einem einzelnen Regenschub. Eine Wende ist etwas völlig anderes.

In den kommenden Tagen fällt regional Regen. Doch die ganz großen Mengen werden das nicht sein.
In den kommenden Tagen fällt regional Regen. Doch die ganz großen Mengen werden das nicht sein.

Für eine echte Wende bräuchte es nämlich keinen einzelnen Schub, sondern 100 bis 200 Liter pro Quadratmeter über das gesamte Einzugsgebiet – Alpen, Schwarzwald, Main, Neckar und Mosel – verteilt über ein bis zwei Wochen und mehrere Tiefdruckgebiete. Genau das ist nicht in Sicht.

Was jetzt über allem entscheidet

Der entscheidende Punkt ist, was nach dem Regen passiert. Versiegt der Nachschub von oben, sinken die Pegel genauso schnell wieder, wie sie jetzt steigen – dann war der schöne Anstieg nur ein Strohfeuer.

Dazu kommt ein tückischer Effekt: Die Böden im Süden sind knochentrocken. Sie saugen einen Großteil des Regens auf, bevor er überhaupt im Fluss ankommt. Deshalb bringt selbst ein kräftiger Guss am Rhein oft deutlich weniger, als die ersten Zahlen vermuten lassen.

Mein Fazit für Sie

Ja, der Rhein steigt – und das ist nach diesem Extremsommer eine richtig gute Nachricht. Und nein, es ist noch nicht die Trendwende, auf die Schifffahrt, Industrie und wir alle so sehnlich warten. Freuen Sie sich über die Erholung, aber halten Sie nicht den Atem an.

Mein Rat: Behalten Sie die kommende Woche genau im Blick. Kommt hinter diesem Regen gleich der nächste, dann reden wir wirklich über eine Wende. Bleibt es bei diesem einen Schub, steht der Rhein in ein paar Tagen wieder dort, wo er herkam – im Rekord-Tief.