Pflanzenwandel: Warum sich Pflanzen auf Berggipfeln am schnellsten durch den Klimawandel verändern
Die Klimaerwärmung verändert Europas Pflanzenwelt, jedoch nicht überall gleich schnell. Besonders Bergregionen reagieren sensibel auf die steigenden Temperaturen, andere Ökosysteme hingegen hinken hinterher. Forschende sprechen von einer Klimaschuld, die schwerwiegende Folgen haben könnte.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf Pflanzen sind längst messbar, doch sie verlaufen keineswegs einheitlich. Eine neue Studie zeigt nun, dass sich Ökosysteme in Europa sehr unterschiedlich an steigende Temperaturen anpassen. Besonders drastisch sind die Veränderungen in höhergelegenen Regionen.
Während sich in Wäldern und Graslandschaften vergleichsweise langsame Verschiebungen beobachten lassen, reagieren Pflanzen auf Berggipfeln deutlich sensibler. Dort verschwinden kälteangepasste Arten in rasantem Tempo.
Die Untersuchung basiert auf Daten von 6067 Beobachtungsflächen aus einem Zeitraum von 12 bis 78 Jahren. Von Irland bis zur Ukraine und von Norwegen bis Spanien wurden die Bedingungen in Wäldern, Graslandschaften und auf alpinen Gipfeln miteinander verglichen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Verzögerte Anpassung – Klimaschuld
Ein zentrales Thema der Studie ist die sogenannte Klimaschuld. Damit beschreiben die Forschenden die zeitliche Verzögerung, mit der Pflanzen auf veränderte Umweltbedingungen reagieren. Pflanzenarten leben demnach oft unter Bedingungen, die bereits von ihren eigentlichen Temperaturansprüchen abweichen. Sie sind nicht mehr im Gleichgewicht mit dem aktuellen Klima.
– Prof. Markus Bernhardt-Römermann, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), Co-Autor
Diese Verzögerung kann drastische Folgen haben. Sobald Umweltbedingungen für bestimmte Arten ungünstig werden, droht ihr lokales Verschwinden. „Dieser Prozess variiert allerdings je nach lokalen Bedingungen“, meint Co-Autor Prof. Markus Bernhardt-Römermann, Wissenschaftler an der Universität Jena.
Gewinner und Verlierer des Wandels
Besonders betroffen sind kälteangepasste Pflanzenarten. In höheren Lagen nehmen ihre Bestände deutlich ab. Gleichzeitig profitieren wärmeliebende Arten – allerdings nicht überall im gleichen Maße. In Bergregionen wachsen ihre Bestände überraschend wenig, derweilen sie sich in Graslandschaften stärker ausbreiten.

Die Thermophilisierung – also die Ausbreitung wärmeliebender und der Rückgang kälteliebender Arten – ist für den Waldunterwuchs und das Grasland noch gering, derweilen sie auf alpinen Gipfeln bis zu fünf Mal so stark ausgeprägt sein kann.
Interessant ist auch, dass die Thermophilisierung durch unterschiedliche Faktoren angetrieben wird: im Grasland durch den Zuwachs wärmeliebender Arten, im Bergland durch den Rückgang kälteangepasster Arten, und in Wäldern durch beide Vorgänge.
Unterschiede der europäischen Ökosysteme
Die Studie entstand unter Leitung der Universität Gent, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und Forschenden der Universitäten Halle-Wittenberg, Leipzig und Jena sowie des Senckenberg Instituts für Pflanzenvielfalt Jena (SIP). Die Arbeit verdeutlicht, dass es keine pauschale Antwort auf die Folgen des Klimawandels für Pflanzen gibt. Jedes Ökosystem reagiert individuell auf steigende Temperaturen.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Pflanzenwelt Europas in einem tiefgreifenden Wandel befindet. Und der könnte sich in den kommenden Jahren noch beschleunigen.
Quellenhinweis:
Yue, K., Vangansbeke, P., Myers-Smith, I. H. et al. (2026): Contrasting thermophilization among forests, grasslands and alpine summits. Nature.