Zwischen Kapelle und Prunkgemach geht der Geist einer unglücklichen Königin um
Frauenverschleißer Heinrich VIII. war der wohl berüchtigtste König in der Geschichte Englands. In seinem Lieblingsschloss Hampton Court an der Themse werden Glanz und Gräuel seiner Regentschaft anschaulich präsentiert.

60 Schlösser, sechs Ehefrauen, ein Gewicht von 160 Kilogramm kurz vor seinem Tod - selbst für einen absoluten Monarchen lebte Heinrich VIII. in großem Stil. Dass auch der 1529 ausgebaute Küchentrakt seines Lieblingsschlosses Hampton Court bei London wahrhaft gigantische Ausmaße hat, hat indessen nichts mit der Leibesfülle des betagten Königs zu tun, sondern lag in der feudalen Haushaltsführung des Hofs begründet.
Die größte erhaltene Küche aus der Renaissance
In den 19 Abteilungen und 57 Räumen der größten erhaltenen Küche aus der Renaissancezeit in Europa mussten 250 Köche und Hilfskräfte zwei Mahlzeiten am Tag für die 600 Mitglieder des Hofstaats zubereiten. Nur des Königs Speisen wurden nicht hier, sondern unter seinen Gemächern in separater Küche zubereitet. Sie ging beim Umbau des Palastes in der Barockzeit verloren.
Mit Käfern wurde Weißwein rot gefärbt
Dass am Hof französischer Wein getrunken wurde, während das Volk sich mit Bier und Cidre begnügte, gilt als gesichert. Auch zum Kochen wurde Wein verwendet. „Man nehme Wein vom Rhein, der ist nur so gut wie englischer“, vermerkt lakonisch ein Rezept.
Allerdings war auch der Geschmack ein anderer. Stark und rot musste er sein, weshalb man englischen Weißwein mit einem Farbstoff aus Käfern rot einfärbte. Im Winter gab man Zucker und Ingwer hinzu, im Sommer Wasser.
Ein königliches Dreamteam
1509 wurde Heinrich mit knapp 18 Jahren König. Die Hochzeit mit Katharina von Aragon, der Witwe seines älteren Bruders, war eine seiner ersten Amtshandlungen. Immer an seiner Seite war Heinrichs engster Vertrauter Kardinal Wolsey.
Zu dritt waren sie unschlagbar: die 23jährige Königin, der gewandte Gelehrte Wolsey und der strahlende junge König, der mehrere Sprachen beherrschte und in der Poesie ebenso glänzte wie im Sport. Wolsey erwarb Hampton Court, um hier in angemessenem Rahmen Europas Staatschefs bewirten zu können.
Eine der sechs Gattinnen geistert noch im Schloss
Zwanzig Jahre später war die Magie verflogen: Katherine hatte nach sechs Geburten nur eine überlebende Tochter, Henry wollte einen Sohn – und die Scheidung. Da Wolsey sie dem Papst nicht abpressen konnte, riss Heinrich sich erbost Hampton Court unter den Nagel und heiratete Anne Boleyn, obwohl er dafür mit Papst und Kirche brechen musste.
In rascher Folge kamen und gingen nun die Gattinnen. Die fünfte von ihnen, Catherine Howard, soll noch immer umgehen in der „haunted gallery“, die zur Kapelle führte. Dort versuchte die des Ehebruchs Bezichtigte, Gnade von ihrem betenden Mann zu erflehen, wurde aber trotzdem zum Tod verurteilt. Heute schaudern hier die Besucher, während die in Tudor-Tracht gewandeten Führer die Geschichte erzählen.
Sonniger sieht die Welt in den weitläufigen Gartenanlagen aus: Im Frühling erreicht ihre Pracht mit Tausenden von Narzissen und Tulpen einen ersten Höhepunkt.