Zeit am Meer ist nie verloren - schon gar nicht in diesem berühmten Badeort mit Prachtstrand
Sieben Sommer verbrachte Michel Proust in Cabourg in der Normandie – und schrieb hier den berühmtesten Roman der französischen Literaturgeschichte. Seinen Charme hat das malerische Seebad bis heute bewahrt.

Ein brandneues Hotel am Meer, ausgestattet mit modernstem Komfort – sogar Strom gab es dort, private Bäder für die Gäste und Zentralheizung. Marcel Proust (1871-1922) ließ den „Figaro“ vom 10. Juni 1907 sinken. Zentralheizung - damit konnte kaum ein anderes Hotel in ganz Frankreich aufwarten.
Aufenthalte am Meer, insbesondere im schicken normannischen Seebad Trouville, gehörten zu Prousts Leben, seit er mit elf Jahren Asthma entwickelt hatte. Das Leiden machte regelmäßige Besuche an der See erforderlich. Doch der Luxus, den dieses neue Grand Hotel versprach, war selbst für Pariser Verhältnisse unerhört.
Drei Zimmer mit Blick aufs Meer
Unverzüglich reiste Proust ab. Im Gepäck hatte er ein angefangenes Manuskript: den Keim seines literarischen Großprojekts, dem er die nächsten Jahre widmen sollte. Als Sohn vermögender Eltern war er auf die lästigen Mühen des Broterwerbs nicht angewiesen. Proust nahm im vierten Stock des nagelneuen Hotels in Cabourg drei Zimmer. Im mittleren schlief er, die beiden anderen bildeten eine Schutzzone. Ganz sicher wollte er sein, dass er seine Ruhe haben würde, ohne dass ihm Zimmernachbarn vor der Tür auflauerten.
Fisch und Kaffee nach Sonnenuntergang
Weil er die Sonne verabscheute, verließ er selten vor dem frühen Abend seine Zimmer. Auch dann ging es nicht an den wunderschönen Strand vor der Tür. Proust nahm er einen Fisch zu sich, trank einen Kaffee dazu und ging ins benachbarte Casino – dazu musste man seinerzeit nicht einmal das Haus verlassen, da die beiden Bauten verbunden waren.
Proust traf Freunde und beobachtete Aristokraten in der Sommerfrische. Sobald er nach Mitternacht ins Zimmer zurückkehrte, schrieb er alles auf – angereichert durch den neuesten Klatsch aus der Hauptstadt, den er Briefen seiner Freunde aus Paris entnahm. Bis 1914 kam Proust jedes Jahr wieder, spielte (abends) gelegentlich Tennis und vollendete schließlich sein siebenbändiges Werk: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.
Strände für Männer, Frauen und Fischer
Als er das Grand Hotel zum ersten Mal besuchte, war Cabourg als Seebad bereits bekannt. Seit 1855 fuhr die Bahn von Paris bis hierher. Mit sieben Stunden Fahrzeit war die Anfahrt nichts für einen Wochenendausflug. Die Gäste aus der Hauptstadt blieben daher gleich mehrere Wochen. Der Strand war in Abschnitte für Männer, Frauen und Fischer geteilt.
1861 entstand das erste Grand Hotel, 1906 wurde es durch einen moderneren Nachfolgerbau im Belle-Époque-Stil ersetzt. 1886 folgten die ersten schicken Villen der Dauergäste. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Cabourg so beliebt, dass das Grand Hotel allein die vielen Gäste aus Paris nicht mehr aufnehmen konnte. Es bekam Konkurrenz von anderen Herbergen.
Saisonbeginn am Valentinstag
Seit jenen frühen Tagen hat sich einiges verändert in der Normandie. Aber nicht so viel, dass Prousts Ferien-Idylle unter der Wucht der Zeit begraben worden wäre. Das kleine Städtchen bietet auch heute das Bild einer romantischen Urlaubsidylle. Zum Valentinstag beginnt die Saison. Und in der „Villa du Temps Retrouvé" befindet sich ein Proust und der Belle Époque gewidmetes Museum.