Wo Fabelwesen Perlen spuckten, entstand eine der erstaunlichsten Landschaften Asiens

Mit dem Boot zu Dracheninseln: Wer mit einer Dschunke durch die Ha Long Bay fährt, erlebt eine der reizvollsten Regionen Vietnams und erhält dazu Einblick in die Kultur des Landes.

Magisch: Die Stunde des Sonnenuntergangs in der Ha Long Bay in Vietnam. Foto: Adobe Stock
Magisch: Die Stunde des Sonnenuntergangs in der Ha Long Bay in Vietnam. Foto: Adobe Stock

Mit hellen Blitzen, Donner und Sturzbächen tropischen Regens hat sich in der Nacht ein Unwetter über der Bucht Tung Sau entladen. Die Dschunke - tatsächlich ein modernes Schiff, das aber nach traditionellem Vorbild gebaut wurde - hat sich dabei kaum bewegt. Auch bei schlechtem Wetter liegt das Wasser bisweilen völlig ruhig zwischen Felsnadeln, Kegeln, Zuckerhüten und Miniatur-Inseln der Ha Long Bay.

170 Kilometer liegen zwischen der Hauptstadt Hanoi und der Ha Long-Bay. Größer könnte der Kontrast zwischen Hitze, Lärm und Unruhe der Metropole und der erhabenen Stille des spiegelglatten Meeres in der Ha Long Bay nicht sein.

Die Fahrt an die Küste ist ideal zur Vorbereitung: Lotusblumen, dösende Ochsen, eine Herde Gänse, Märkte und smaragdgrün Reisfelder, aus denen Spitzhüte ragen – wiewohl die Bilder von einem mühsamen Leben zeugen, besitzen sie eine ganz eigene Magie.

Ein Drache stieg vom Himmel hinab

Ein vom Himmel hinabgestiegener Drache - so die Übersetzung des Begriffs Ha Long - und seine Kinder ließen die Inselwelt aus Kalkstein im Meer zurück, als sie im Kampf gegen Eindringlinge Perlen spuckten, die zu Land wurden. So will es die Legende.

Bunte Fischerboote schaukeln auf dem Meer, die Felsbrocken ringsum sehen aus wie in Stein geschlagene Fabelwesen. Die UNESCO zählt die 1500 Quadratkilometer große Region mit ihren 2000 Inseln zum Weltnaturerbe; sie gehört zu den wichtigsten Stationen auf Rundreisen durch Vietnam.

Fernseher im schwimmenden Dorf

Die Kegel und Nadeln sind mangels planer Flächen unbewohnt. Nicht nur Besucher sind auf Boote angewiesen, auch die Bewohner. Seit Generationen leben die Menschen hier auf dem Wasser. Das Fischerdorf Cua Van ist eines von vier schwimmenden Dörfern in der Ha Long Bay. Seine Holzhütten stehen auf Pontons; sogar Fernseher gibt es und Strom vom Generator.

Von den Folgen des Taifuns Yagi im September 2024, bei dem das Dorf ebenso wie die Vegetation auf den Felseninseln schweren Schaden nahm, Boote zerstört und viel Müll in die Bucht gespült wurde, ist nichts mehr zu sehen. Die Taifun-Saison dauert hier von Juni bis Oktober.

Sobald das Beiboot mit den Reisenden in die Bucht von Cua Van biegt, rudern Kinder heran, die so leichthändig mit den Booten umgehen wie ihre Altersgenossen anderswo mit dem Roller. Auch eine Schule gehört zum schwimmenden Dorf, die Kinder besuchen sie bis zur fünften Klasse. Dann müssten sie ins Internat wechseln, was aber kaum jemand mache, erklärt Dorfbewohner Nguyen Van Huu.

Traditionelles Leben auf dem Wasser

Er lebt mit seiner Frau und fünf Familienmitgliedern in einem der rund 170 schwimmenden Häuschen. Es besteht aus zwei Zimmern und einem Flur. Die Familie wäscht sich mit Wasser aus der Regentonne, Trinkwasser muss sie kaufen. Das Drei-Generationen-Haus hat eine kleine Terrasse mit zwei Fischbecken davor; Fischzucht ist die Haupterwerbsquelle der Dorfbewohner. Als die Besucher an den Becken vorbei zurück auf ihr Boot balancieren, winken die Kinder zum Abschied. In weitem Schwung fährt das Boot in die nächste Bucht - und in eine andere Welt.