Kabeljau und Krimi-Helden: Hier erleben Sie die Normandie besonders authentisch
Neben Étretat mit seinen berühmten Felsnadeln liegt ein deutlich weniger besuchtes Städtchen mit reichem historischen Erbe und üppigem frischen Fang. Heute fahren die Fischer dafür allerdings nicht mehr bis nach Neufundland.

Einen Monat dauerte die Fahrt von der Küste der Normandie nach Neufundland. Es waren Wochen der Schufterei, schwerer See und wachsenden Hungers. Doch die Entbehrungen lohnten sich: Vor Neufundland fing sich fetter, nahrhafter Kabeljau fast wie von selbst. Die Fischer aus Fécamp kauften auf dem Festland Tintenfisch, um den gierigen Meeresfisch anzulocken, oder fischten selbst Muscheln und Seeschnecken als Köder.
Fetter Fisch statt geruchsneutraler Badegäste
Der Rest war ein Kinderspiel: Rund ums Schiff warfen die Männer Tiefseeleinen aus. Am nächsten Morgen hievten sie den Fang mit langen Spießen Stück für Stück vom Beiboot ins Boot - die übrige Arbeit hatten bei Nacht die Leinen gemacht.
73 Schiffe, darunter 69 stolze Dreimaster, fuhren um die Wende zum 20. Jahrhundert regelmäßig von Fécamp an die Nordostküste Amerikas - zu einer Zeit, da man im 60 Kilometer entfernten Dieppe längst gut und geruchsneutral an Badegästen verdiente.
Seit 1848 schaffte es die Eisenbahn in nur vier Stunden von Paris nach Dieppe, wo die Gäste ins Wasser tauchen und im Café des Tribunaux auf Oscar Wilde, Victor Hugo, Edgar Degas oder Claude Monet treffen konnten.
In Fécamp beschäftigte man sich unterdessen mit Kabeljau. Es dauerte nicht lange, bis die Gewässer vor Neufundland überfischt waren. Trotzdem blieb das kurz vor Étretat am Ärmelkanal gelegene Fécamp bis zum Zweiten Weltkrieg der größte Kabeljau-Hafen Frankreichs. Erst 1987 wurde „Le Dauphin", der letzte Kabeljaufänger der Stadt, verkauft.
Noch immer besitzt Fécamp eine ansehnliche Flotte
Mit Küstenkuttern, zwei Tiefsee-Trawlern und gut zwei Dutzend Fischerbooten besitzt Fécamp noch immer eine ansehnliche Flotte; dazu gibt es einen Fischmarkt und zahlreiche Restaurants, in denen sich Fisch und Meeresfrüchte auf Tellern türmen.
In einer 1950 erbauten Fabrik im Hafen, in der einst der Kabeljau aus Neufundland verarbeitet und hiesiger Hering geräuchert wurde, rückt heute das Museum „Les Pêcheries" das große Erbe der kleinen Stadt ins rechte Licht.
Von einem futuristischen Glasaufbau auf dem Dach geht es über fünf Ebenen zurück ins Parterre, vorbei an prähistorischen und römischen Funden, durch die gute Stube einer Fischerfamilie bis zu den Gemälden, die Eigner von ihren Schiffen anfertigen ließen.
Zwischen Felsnadeln und Krimi-Ganoven
Der Heimathafen ist auf diesen Bildern nur am Horizont zu sehen. Andere Gemälde bilden aber auch das Leben an der Küste ab. Neben den ersten Badegästen kamen immer mehr Maler und Schriftsteller an diesen Teil der Küste.
Die Romanciers Gustave Flaubert und Marcel Proust gehörten zu den prominentesten Besuchern. Guy de Maupassant verbrachte seine Kindheit in Fécamp, bevor seine Mutter mit ihm und seinem Bruder ins zwanzig Kilometer entfernte Étretat zog.
Dort parken heute Fans des Krimi-Ganoven Arsène Lupin die halbe Stadt zu, um das Anwesen seines Schöpfers Maurice Leblanc zu besichtigen. Vor allem die eindrücklichen Formationen am Fuß seiner Kreideklippen machen Étretat heute zu einem der meistbesuchten Zielen in der Normandie.