Es flötet, zirpt und kreischt: Diese Insel ist ein einzigartiges Natur-Refugium

Wo früher Schildkröten in Dosen gefüllt wurden, befinden sich heute ein Schutzgebiet und der Brutplatz einer einzigartigen Vogelpopulation. Dazu besitzt die Insel im Süden des Great Barrier Reef auch noch spektakuläre Strände.

Heron Island
Auf dieser Trauminsel im Süden des Great Barrier Reef spielen Vögel die Hauptrolle. Foto: Adobe Stock

Am Abend entsteht am Strand Unruhe. Menschen schütteln Schirme und schreien Silbermöwen an. Gegenstand der Aufregung sind einige Dutzend frisch geschlüpfte Schildkröten. Vermutlich hielten sie den bewölkten Himmel für abendliches Dämmerlicht.

Zu früh und dazu bei Niedrigwasser haben sich die Jungtiere auf den Weg ins jetzt noch weit entfernte Meer gemacht. Riffe versperren den Zugang, kein Mondlicht hilft bei der Orientierung. So wird der ohnehin schwierige Weg der Meeresschildkröten zum Buffet für die Silbermöwen. Nur wenige erreichen das rettende Wasser.

Natur muss man aushalten können

Natur muss man aushalten können; das ist eine der zentralen Botschaften, die Heron Island vermittelt. Doch nicht immer war die Anteilnahme des Menschen am Schicksal der Tiere so groß. Als vor 100 Jahren ein Mister Marsh die Insel betrat, baute er, erfreut über die vielen Schildkröten, eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe. Zwei Jahre später waren die Tiere bereits so rar geworden, dass sich das Geschäft nicht mehr lohnte.

Heron Island liegt 80 Kilometer vom Festland entfernt im südlichen Abschnitt des Great Barrier Reef. Die vor allem aus Vögeln und saisonal aus Schildkröten bestehende Fauna an Land und eine faszinierende Unterwasserwelt lassen Nebensächlichkeiten wie den traumhaften Strand glatt vergessen.

Einzigartige Vogel-Population

Rund 200.000 Vögel leben im Südsommer - wenn bei uns Winter ist - auf der 300 mal 800 Meter großen Insel. 120.000 Weißkopf-Noddies und bis zu 30.000 Keilschwanz-Sturmtaucher kommen im Oktober zum Brüten; Weißbauch-Seeadler, Riffreiher, Götzenlieste und Silbermöwen sind ganzjährig hier.

Hinzu kommen Zugvögel aus der nördlichen Hemisphäre. So ist die Insel von Vögeln wie belagert. Auf Bäumen, in der Luft, im Gebüsch und vor den Füßen: Überall flötet, zirpt und kreischt es.

Geisterhafte Rufe und Bruchlandungen

Abends wird die Geräuschkulisse geradezu ohrenbetäubend, wenn die Sturmtaucher nach einem Tag des Fischens auf dem Meer mit einer Art Bruchlandung - ihre Augen eignen sich besser für die Wahrnehmung von Fischen im Wasser als für Landgänge im Dämmerlicht - auf die Insel zurückkehren und geisterhafte Rufe ausstoßen, mit denen sie ihre Paarbindungen bekräftigen. „Achten Sie darauf, wo Sie hintreten", warnt einer der Natur-Guides. Denn Sturmtaucher bauen ihre Nester am Boden - bis zu zwei Meter tiefe Löcher.

Die ganze Insel steht unter Schutz, nichts darf eingeschleppt, mitgenommen oder verändert werden. Auch wenn es schwer fällt, nicht einzugreifen, wenn ein Noddie lebendig, aber unbeweglich am Boden sitzt.

Festgeklebten Noddies darf man nicht helfen

Die Pisonia-Bäume, die den Brutpaaren Blätter für den Nestbau bieten, töten zugleich viele von ihnen durch ihre mit einer Schleimschicht und Haken bedeckten Samen. Sie verkleben die Federn der Vögel und halten sie am Boden fest, bis sie verhungern. Ihre Überreste reichen den nährstoffarmen Sandboden an und nutzen somit dem Wald. Deshalb dürfen weder tote Vögel am Wegrand entfernt noch verklebte Exemplare befreit werden.