Dieser wunderschöne See im Harz teilte einst zwei Staaten und zwei Welten

In Mitteldeutschland gibt es einen Stausee, der nicht nur besonders attraktiv ist, sondern auch eine außergewöhnliche Geschichte besitzt: Früher durchzog ihn eine Staatsgrenze, heute die zweier Bundesländer.

Einst verlief im Wasser eine Staatsgrenze: Blick über den See auf den Brocken. Foto: Adobe Stock
Einst verlief im Wasser eine Staatsgrenze: Blick über den See auf den Brocken. Foto: Adobe Stock

Mitten durch den leuchtenden See verlief früher die innerdeutsche Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Letztere ist Geschichte, doch die Trennlinie blieb erhalten - bis heute.

Allerdings markiert sie heute nicht mehr die Grenze zwischen zwei Staaten und zwei Systemen, sondern die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Damit gehört die drei Kilometer von Bad Harzburg und 20 Kilometer von Goslar entfernte Eckertalsperre zu den wenigen Gewässern in Deutschland, die bis heute von einer Grenze durchschnitten werden.

Trinkwasserversorgung und Hochwasserschutz

Ihren Ursprung hat die Talsperre im Zweiten Weltkrieg. Zwischen 1939 und 1943 entstand die Anlage, die die Ecker und mehrere Zuflüsse aufstaut. Ihr ursprünglicher Zweck war es, die Region zuverlässig mit Trinkwasser zu versorgen. Darüber hinaus dient die Talsperre bis heute dem Hochwasserschutz und der Energiegewinnung.

Schon vor der deutschen Teilung verlief in diesem Gebiet eine historische Verwaltungsgrenze. Westlich der Ecker lag einst hannoversches Gebiet, östlich davon gehörten die Flächen zum damaligen Sachsen. Diese alte Grenzlinie gewann nach 1945 allerdings enorme politische Bedeutung.

Die Staumauer der Eckertalsperre war früher Sperrgebiet. Foto: Adobe Stock
Die Staumauer der Eckertalsperre war früher Sperrgebiet. Foto: Adobe Stock

Mit der Gründung der beiden deutschen Staaten wurde die Eckertalsperre zu einem besonderen Grenzort. Die innerdeutsche Grenze verlief direkt durch den Stausee und sogar über die Staumauer.

Stacheldraht auf der Staumauer

Der östliche Teil der Anlage lag auf dem Gebiet der DDR und wurde durch Sperranlagen, Mauern und Stacheldraht vom westlichen Bereich getrennt. Für Besucher war die Grenze deutlich sichtbar, und weite Teile des Areals waren nur eingeschränkt zugänglich.

Die Lage stellte beide Staaten vor praktische Herausforderungen. Die Talsperre blieb für die Wasserversorgung der westdeutschen Seite von großer Bedeutung, obwohl Teile der Anlage auf DDR-Gebiet lagen.

Deshalb mussten zahlreiche technische und organisatorische Fragen zwischen Ost und West geklärt werden. Nach dem Grundlagenvertrag von 1972 befasste sich eine deutsch-deutsche Grenzkommission mit dem Reigen von Problemen.

Ein erhaltener Grenzpfahl erinnert an die Zeit der zwei Staaten. Foto: Christian Schwier/Adobe Stock
Ein erhaltener Grenzpfahl erinnert an die Zeit der zwei Staaten. Foto: Christian Schwier/Adobe Stock

1978 wurde schließlich vereinbart, dass die Talsperre und die Fernwasserleitung weiterhin genutzt werden konnten. Die DDR übernahm Wartung und Kontrolle, während die Bundesrepublik die anfallenden Kosten trug.

Kein Aprilscherz: 1990 wurde der Weg frei

Selbst kleinere Bau- und Reparaturmaßnahmen mussten genau abgestimmt werden. Die mühevolle Zusammenarbeit setzte sich bis in die 1980er-Jahre fort. Erst der Fall der innerdeutschen Grenze brachte die Wende: Am 1. April 1990 wurde der Weg über die Staumauer wieder geöffnet. Was jahrzehntelang Sperrgebiet gewesen war, konnte nun wieder betreten werden.

Noch immer erinnert vieles an die Vergangenheit. Informationstafeln erklären die Geschichte der Grenze, ein erhaltener Grenzpfahl auf der Staumauer macht die einstige Teilung fassbar.

Naturerlebnis: Wanderung um den See

Heute ist der See ein beliebtes Wanderziel. Besonders die zehn Kilometer lange Rundroute ist wunderschön. Wegen seiner Nutzung als Trinkwasserreservoir und als Schutzgebiet ist der Stausee für Wassersport jedoch tabu.

Die Grenzlinie existiert weiterhin, hat jedoch ihre politische Brisanz verloren. Statt zwei Staaten zu trennen, markiert sie heute in schlichter Schönheit die Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Artikelreferenz

Marcel Prigge. (2026). Dieser große See in Niedersachsen ist in der Mitte geteilt.