Der Macho im Montafon: Vor 100 Jahren lernte ein berühmter Amerikaner hier das Skifahren
Après-Ski einmal anders: Nach seinen Touren durch die verschneite Bergwelt schrieb der spätere Nobelpreisträger Weltliteratur, spielte Poker mit Einheimischen und ließ auch sonst wenig anbrennen.

Im Tal wurde er der „schwarze Christus“ genannt. Das bezog sich weniger auf seinen Lebenswandel als auf den dunklen Bart, den er zum Schutz vor der Alpensonne trug.
Auch sonst ließ er nichts anbrennen: In den Wintern der Jahre 1925 und 1926 unternahm Ernest Hemingway, 1899 in Illinois geboren, im Montafon ausgedehnte Skitouren, schrieb viel und überwand nachmittags zusammen mit Holzfällern und Jägern die Sprachbarriere durch meist maßlosen Konsum von Rotwein und Kirschschnaps, begleitet von zügellosem Pokerspiel.
Pokern mit dem Polizeichef
Dass Letzteres verboten war, war nicht so schlimm, weil der Polizeichef gewöhnlich mit am Tisch saß - im Gasthaus „Zum Löwen“ in Tschagguns oder in der „Taube“ in Schruns. Hemingway beschrieb es so:
„Der Gendarmerie-Hauptmann hob den Finger ans Ohr, wenn er die beiden Gendarmen hörte, wenn sie auf ihrer Runde vor der Tür stehenblieben, und wir waren still, bis sie weitergingen.“
In „Paris – Ein Fest fürs Leben“ wartete der Literatur-Nobelpreisträger von 1954 mit Formulierungen auf, aus denen die Träume von Touristikern sind: „Wir liebten Vorarlberg, und wir liebten Schruns.“
Ein seidenes Nachthemd blieb zurück
Fünf Gasthöfe gab es seinerzeit in Schruns, Hemingway beehrte sie alle mit seinem Besuch. Das Posthotel „Taube“ wurde das Urlaubsdomizil von Ernest, seiner Frau Hadley und Sohn John. Im Posthotel Rössle im nahen Gaschurn nahmen sie Quartier, bevor es mit Skilehrer Walther Lent zu Skitouren auf die Bieler Höhe und ins Silvretta ging.
Im „Rössle“ ließ Pauline Pfeiffer - sie wurde seine zweite Ehefrau - 1926 ihr seidenes Nachthemd liegen, wie sie in einem Brief erwähnt. Es musste ihr nach Paris nachgeschickt werden und kann als Beweis dafür gelten, dass es Hemingway nicht peinlich war, mit Gattin und Geliebter im Montafon zu urlauben.
Im Hotel „Zur Taube“, eröffnet 1840, wurde auch gearbeitet. Hier überarbeitete der Schriftsteller seinen Roman „Fiesta“, schrieb Kurzgeschichten und einige Dutzend Briefe. Beide Hotels gibt es noch; allerdings sind sie heute deutlich schicker als vor 100 Jahren.
Hemingways Stammtisch ist erhalten
An der Fassade des Hotels erinnert eine Plakette an die Besuche des bald darauf weltberühmten Schriftstellers. Der fühlte sich hier ausgesprochen wohl: „Die Zimmer in der Taube waren groß und behaglich, mit großen Öfen, großen Fenstern und großen Betten und guten Wolldecken und Federbetten.“
Die beiden Zimmer, in denen Hemingway, seine Frau Hadley und Sohn John logierten, sind heute normale Gästezimmer. In der Gaststube kann man sich Hemingway nahe fühlen.
Der runde Montafoner Tisch aus schwerem Holz mit einer Schieferplatte in der Mitte, die das Notieren von Spielschulden ebenso erlaubt wie von schriftstellerischen Geistesblitzen, ist erhalten. Doch einen Hemingway-Hype gibt es hier heute so wenig wie vor 100 Jahren.