Das Rätsel der langsam rotierenden Sterne: Warum manche Astronomen außerirdische Technologie als Ursache vermuten

Die Suche nach außerirdischen Zivilisationen könnte bisher in die falsche Richtung gegangen sein. Statt gigantischer Dyson-Sphären schlägt eine neue Studie nun vor, dass fortschrittliche Kulturen ihre Energie ebenso aus der Rotation ihrer Sterne gewinnen könnten – nahezu unsichtbar für bisherige Suchmethoden.

Auf der Suche nach außerirdischen intelligenten Zivilisationen halten Wissenschaftler oft Ausschau nach sogenannten Technosignaturen, also Hinweisen hochentwickelter Technologien im All. Bild: ESO/L. Calçada
Auf der Suche nach außerirdischen intelligenten Zivilisationen halten Wissenschaftler oft Ausschau nach sogenannten Technosignaturen, also Hinweisen hochentwickelter Technologien im All. Bild: ESO/L. Calçada

Seit Jahrzehnten fahnden Astronomen nach sogenannten Technosignaturen – das sind Hinweise auf technische Aktivitäten von intelligenten außerirdischen Zivilisationen. Insbesondere wurde bisher nach sogenannten Dyson-Sphären oder Dyson-Schwärmen gefahndet – riesige Konstruktionen, die einen Stern umgeben, um dessen Strahlungsenergie zu nutzen. Doch trotz intensiver Suche hat bisher jede Spur einer solchen Technologie gefehlt.

Ein neuer Ansatz wurde nun im Fachjournal MNRAS von dem türkischen Oberstufenschüler Sahin Torlakcik vorgeschlagen. Dessen These: Hochentwickelte Zivilisationen könnten nicht die Strahlungsenergie eines Sterns anzapfen, sondern gezielt dessen Rotationsenergie.

Energie aus dem Drehimpuls eines Sterns

Torlakcik bezeichnet dieses Konzept als Stellar J-Harvesting. Damit ist die Entnahme des Drehimpulses eines Sterns gemeint. Zwar ließe sich damit weniger Energie gewinnen als mit einer vollständigen Dyson-Struktur, doch der Ansatz hätte einige Vorteile.

Zum einen wären viel weniger Baumaterialien erforderlich. Zum anderen entstünde nur äußerst geringe Abwärme – Millionen Mal schwächer als die Eigenstrahlung des Sterns. Solche Anlagen wären für viele Infrarotdurchmusterungen praktisch unsichtbar und könnten deshalb bisher unentdeckt geblieben sein.

Bisher halten Wissenschaftler vor allem Ausschau nach sogenannten Dyson-Kugeln oder Dyson-Ringen – das sind hypothetische Megastrukturen außerirdischer Zivilisationen, die um einen Stern herum gebaut werden könnten, um zum Beispiel Energie zu gewinnen. Bild: Public Domain
Bisher halten Wissenschaftler vor allem Ausschau nach sogenannten Dyson-Kugeln oder Dyson-Ringen – das sind hypothetische Megastrukturen außerirdischer Zivilisationen, die um einen Stern herum gebaut werden könnten, um zum Beispiel Energie zu gewinnen. Bild: Public Domain

Ein mechanisches Abbremsen eines Sterns ist unmöglich. Stattdessen setzt das Konzept auf elektromagnetische Kopplungen zwischen künstlichen Strukturen und dem Magnetfeld beziehungsweise Sternwind.

Drei denkbare technische Lösungen

Eine Möglichkeit wäre eine riesige leitfähige Konstruktion im Sternwind. Mithilfe sogenannter Alfvén-Wellen könnten magnetische Schwingungen einen Teil des Drehimpulses auf diese Struktur übertragen.

Alternativ beschreibt die Studie einen gigantischen Ring, der etwa eine Astronomische Einheit entfernt vom Stern ist. Über die Lorentzkraft – die Kraft, die geladene Teilchen in Magnetfeldern erfahren – könnte diese Megastruktur Rotationsenergie aufnehmen und einen riesigen elektrisch leitfähigen Ring in Bewegung setzen, ähnlich wie Wasserkraftwerke oder Windkraftanlagen.

Ein dritter Vorschlag ist ein Synchrotron-Spindown-Array. Es beschleunigt geladene Teilchen des Sternwinds fast auf Lichtgeschwindigkeit. Die dabei ausgesandte intensive Strahlung erzeugt einen physikalischen Rückstoß, der die Drehung des Sterns abbremst. Die entstehenden Radio- oder Röntgensignale wären eine Art künstliche Technosignatur.

Mehrwellenlängenbilder der beiden aussichtsreichsten Stern-Kandidaten, oben KIC6606183, unten KIC9834255, WISE W1–W4, darunter die Aladin-DSS-Farbkomposite. Bild: Torlakcik, 2026
Mehrwellenlängenbilder der beiden aussichtsreichsten Stern-Kandidaten, oben KIC6606183, unten KIC9834255, WISE W1–W4, darunter die Aladin-DSS-Farbkomposite. Bild: Torlakcik, 2026

Die Idee erinnert teilweise an das Konzept des Starlifting, bei dem Material gezielt aus einem Stern gewonnen wird. Im Unterschied dazu würde Stellar J-Harvesting jedoch vor allem ein deutlich messbares Merkmal hinterlassen: ungewöhnlich langsam rotierende Sterne.

Torlakcik überprüfte diese Vorhersage anhand von Daten des Kepler-Beobachtungsfeldes. Nach strengen Auswahlkriterien blieben 6725 Hauptreihensterne der Spektralklassen F, G und K übrig. Zwei Objekte stachen hervor: KIC 67606183 und KIC 9834255. Beide gehören zur Spektralklasse G, der Sonnenklasse, benötigen jedoch 61 beziehungsweise 65 Tage für eine Rotation. Vergleichbare Sterne ihres Alters rotieren normalerweise innerhalb von fünf bis zehn Tagen.

Der junge Autor betont ausdrücklich, dass die Sterne kein Nachweis außerirdischer Megastrukturen sind. Viel wahrscheinlicher seien natürliche Erklärungen wie bisher unerkannte Doppelsternsysteme oder eine ungewöhnlich geringe Metallhäufigkeit.

Dennoch könnten beide Objekte interessante Ziele für künftige Beobachtungen sein. Weitere Messungen sollen klären, weshalb sie sich so auffällig langsam drehen. Unabhängig vom Ergebnis liefert Torlakciks Arbeit einen originellen Impuls für die Technosignaturen-Suche – und zeigt, dass innovative Ideen nicht zwingend aus etablierten Forschungseinrichtungen stammen müssen.

Artikelreferenz

Torlakcik, S. (2026). Stellar J-Harvesting: a novel angular momentum technosignature and first search in the Kepler field. MNRAS.