Tausende Fische ersticken in der Ostsee: Wie Wind, Überdüngung und warmes Wasser die Todeszonen an die Küste bringen
Tausende tote Fische in der Kieler Förde und der Lübecker Bucht: Ablandiger Wind kann sauerstoffarmes Tiefenwasser an die Küste treiben. Warum es dort an Sauerstoff fehlt, erklärt ein Blick auf Nährstoffüberschüsse, Algen und steigende Wassertemperaturen.

Tausende Tote Fische in der Kieler Förde und der Lübecker Bucht haben im September für Bestürzung gesorgt. In einem Instagram-Beitrag macht die Grünen-Fraktion Schleswig-Holstein auf einen entscheidenden Punkt aufmerksam:
Das Windphänomen Upwelling bringt sauerstoffarmes Wasser an die Küste. Der Sauerstoffmangel selbst kann sich schon lange vorher in der Tiefe entwickelt haben.
Für Fische wird die Gefahr erst dann akut, wenn dieses Wasser ihren Lebensraum erreicht und sie ihm nicht ausweichen können. Wie kommt es dazu?
Der Wind treibt das Wasser an die Küste
Weht der Wind vom Land aufs Meer, drückt er Oberflächenwasser von der Küste weg. Aus tieferen Schichten strömt Wasser nach. Dieser natürliche Vorgang heißt Upwelling oder Auftrieb:
- Das nachströmende Wasser kann wenig Sauerstoff enthalten.
- Erreicht es flache Küstenbereiche oder enge Förden, geraten Fische in Atemnot.
- Besonders gefährdet sind Tiere, die sich in Bodennähe aufhalten und nicht schnell genug in besser versorgtes Wasser schwimmen können.
Warum Upwelling vor anderen Küsten Fischreichtum schafft
Dass Wasser aus der Tiefe aufsteigt, ist für Fische nicht grundsätzlich gefährlich. Vor Teilen der westafrikanischen Küste macht dieser Vorgang das Meer sogar besonders produktiv. Wind schiebt dort Oberflächenwasser von der Küste weg; kälteres, nährstoffreiches Wasser steigt nach. Sobald es die lichtdurchfluteten oberen Schichten erreicht, können winzige Algen – das Phytoplankton – die Nährstoffe für ihr Wachstum nutzen.
Von diesen Algen ernährt sich Zooplankton, etwa kleine Krebstiere. Sie werden wiederum von Fischen gefressen. So gelangen Nährstoffe aus der Tiefe Schritt für Schritt durch das Nahrungsnetz. Deshalb können sich in Auftriebsgebieten große Fischschwärme sammeln, wie Greenpeace am Beispiel westafrikanischer Küsten erklärt.
In der Ostsee kommt bei einem Fischsterben ein anderer, unmittelbarer Effekt zum Tragen:
Das aufsteigende Wasser enthält zu wenig Sauerstoff. Nährstoffe können zwar Algenwachstum fördern, doch das dauert. Ein Fisch, der plötzlich in sauerstoffarmes Wasser gerät, braucht jetzt Sauerstoff zum Atmen. Ob Auftrieb Fischen Nahrung bringt oder sie in Gefahr bringt, hängt deshalb entscheidend davon ab, wie viel Sauerstoff das Wasser aus der Tiefe enthält und wohin es strömt.
Wie der Sauerstoff in der Tiefe verloren geht
Einen Einblick gibt ein früheres Fischsterben vor Rostock im September 2025. Nach Untersuchungen schloss das zuständige Landesamt damals eine Tierseuche aus. Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns nannte Sauerstoffmangel im Zusammenhang mit Upwelling die wahrscheinlichste Todesursache. Diese amtliche Bewertung bezieht sich auf den Fall von 2025 und ist kein Untersuchungsbefund für die aktuellen Funde in Schleswig-Holstein. www.regierung-mv.de
Das Ministerium erläuterte auch, weshalb Tiefenwasser sauerstoffarm werden kann:
Zu viele Nährstoffe fördern das Wachstum von Algen. Sterben diese ab und sinken zum Meeresboden, verbrauchen Mikroorganismen bei ihrer Zersetzung Sauerstoff. Steigende Wassertemperaturen können die Entwicklung zusätzlich verschärfen. Treffen im Herbst kräftige ablandige Winde auf solche Wasserschichten, kann das sauerstoffarme Wasser bis an die Küste gelangen. www.regierung-mv.de
Die toten Fische sind das sichtbare Ergebnis. Die Bedingungen für ein solches Ereignis entstehen unter Umständen über längere Zeit und bleiben verborgen, bis der Wind das Wasser aus der Tiefe nach oben bringt.

Überdüngung: Wie aus Algenwachstum Sauerstoffmangel wird
Der Sauerstoffmangel beginnt nicht erst vor der Küste. Ein Teil der Nährstoffe, die ihn begünstigen, stammt von landwirtschaftlich genutzten Flächen:
Werden mehr Nährstoffe ausgebracht, als die Pflanzen aufnehmen können, können Stickstoff und Phosphor in Gewässer gelangen. Flüsse tragen sie bis in die Ostsee; Einträge sind auch über die Luft möglich.
Nach Angaben des Umweltbundesamtes ist die Landwirtschaft inzwischen ein bedeutender Eintragspfad für diese Nährstoffe.
Im Meer wirken Stickstoff und Phosphor wie Dünger. Algen vermehren sich stärker. Das klingt zunächst nach mehr Nahrung für Meerestiere, doch die Folgen zeigen sich, wenn große Mengen Algen absterben: Sie sinken zum Meeresboden, wo Mikroorganismen sie zersetzen. Dafür benötigen diese Sauerstoff – und entziehen ihn dem umgebenden Wasser.
Hält der Nährstoffüberschuss an, gelangt immer wieder organisches Material in die Tiefe. So können dort Zonen entstehen, in denen Fische und andere Tiere kaum noch Sauerstoff finden. Diesen Zusammenhang zwischen Überdüngung, Algenwachstum und Sauerstoffverlust beschreiben das Umweltbundesamt und die Ostseeschutzkommission HELCOM.
Artikelreferenz
gruenefraktionsh • silkebacksen. Das Fischsterben in der Ostsee hängt nicht nur mit einem Wetterphänomen zusammen!.
| Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt. (N 01.10.2025). Fischsterben vor Rostock – Tierseuche ausgeschlossen LM.
Greenpeace. (abgerufen 28. 09. 2026). Auftriebsgebiete und Fischreichtum.
Umweltbudesamt. (Abgerufen 28.09.2026). Hat die Landwirtschaft Auswirkungen auf die Wasserqualität von Nord- und Ostsee?.