Wende in Japan: Nachrichtenmedien schlagen beim Klima plötzlich Alarm

Die Weltpolitik und ihre täglich wechselnden Szenarien erschweren die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten, die sich auf die Thematik der Klimaveränderungen und ihren Folgen konzentrieren. Berichte über den Klimawandel sind speziell in Deutschland derzeit eher „out“.

Die Treibhausgasemissionen müssen weiter sinken, wenn wir die Erderwärming stoppen wollen
Die Treibhausgasemissionen müssen weiter sinken, wenn wir die Erderwärming stoppen wollen

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob dieses Ausblenden einer für die gesamte Weltgemeinschaft existenziellen Krise bereits das Verschließen der Augen vor dem scheinbar Unabwendbaren bedeutet?

Diskussion über Maßnahmen statt Ursachen

Ich hatte in meinem letzten Artikel bereits geschrieben, dass sich Maßnahmen zum kurz- und mittelfristigen Schutz zum Beispiel gegen lange Hitzeperioden auf die Installation von Klimaanlagen oder das Anschaffen von Ventilatoren beschränken - und dabei die Ursachenbekämpfung völlig außer Acht lassen.

Das 89-Prozent-Projekt

Covering Climate Now (CCNow) ist ein internationales Netzwerk von Klimajournalisten. Über eine breite Umfrage innerhalb der Mitglieder des Netzwerks entstand das „89-Prozent-Projekt“.

Dessen Fundament ist eine globale Medienkooperation, die hervorhebt, dass sich die breite Mehrheit der Menschen auf der Welt für den Klimawandel interessiert und den Willen betont, dass ihre jeweiligen Regierungen etwas dagegen tun.

Die erste Phase des Projekts begann im April 2025, als Nachrichtenredaktionen aus mehr als 20 Ländern darüber berichteten, dass eine überwältigende Mehrheit der Menschen auf der Welt mehr gegen die Klimakrise tun möchte.

Japan greift das Thema auf

Auf der Basis der Initiative von CCNow begann in Japan in diesem Frühjahr auf allen Sendekanälen ein Programm mit öffentlichen Werbespots, in denen darauf hingewiesen wird, dass 80-89 % der Menschen in Japan den Klimaschutz unterstützen.

Menschen sollten und dürfen keine Angst haben, über den Klimawandel zu sprechen

sagt die bekannte Klimawissenschaftskommunikatorin Katharine Hayhoe.

Dies sei oft - oder sogar immer - ein wesentlicher erster Schritt, um etwas dagegen zu tun.

Breites Engagement

Aktuell sind 136 japanischen Medienagenturen einen Schritt weiter gegangen. Sie haben sich einem öffentlichen Sensibilisierungsprojekt unter dem Titel "Ich gehöre zu den 89 %, die die globale Erwärmung stoppen wollen" angeschlossen.

Das vom UN-Informationszentrum in Japan organisierte Projekt zielt darauf ab, die Stimmen prominenter Persönlichkeiten und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die die globale Erwärmung beenden wollen, sichtbar zu machen und sie zu einer kollektiven Stimme der Gesellschaft zu verstärken.

Viele der größten Namen in den japanischen Nachrichtenmedien nehmen teil, darunter CCNow-Partner The Asahi Shimbun, der NHK Public Broadcasting Service und The Hokkaido Shimbun.

Zu den weiteren Teilnehmern gehören die Zeitungen Yomiuri Shimbun, Nikkei und Hokkaido Shimbun und die kommerziellen Sender Nippon TV und Fuji Television.

Ab dem 25. Juni veröffentlichten die Verkaufsstellen jeden Tag eine 89-Prozent- Nachricht auf ihren Social-Media-Konten, Websites und anderen Plattformen.

Japan - auch ein Schlüsselland im Kampf gegen den Klimawandel

Das Projekt verbreitet sich in einem Land, das ein prominenter, wenn auch oft übersehener Teil der globalen Herausforderungen bei den Themen rund um die Klimaveränderungen ist. Japan ist seit langem eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Das Land liegt laut dem Internationalen Währungsfonds derzeit auf dem vierten Platz, hinter den USA, China und Deutschland.

Japan ist aber auch seit langem einer der größten jährlichen Emittenten von Treibhausgasen. Seine CO2-Emissionen haben es im Jahr 2024 auf Platz fünf der Welt bei den Emittenten gebracht.

Gleichzeitig ist Japan sehr anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere durch extreme Hitze und verstärkte Taifune. So war der Sommer 2025 der heißeste in der Geschichte Japans.

Japan wird regelmäßg mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert
Japan wird regelmäßg mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert

Japanische Politik - konträr zur gesellschaftlichen Meinung?

Trotz der belegbaren Tatsachen zu den Folgen der Klimaveränderungen hat die konservative Premierministerin des Landes, Sanae Takaichi, bisher wenig Interesse daran gezeigt, die Situation zu entschärfen. Damit geht sie ähnliche Wege wie ihre Kollegen in den USA und vielen Ländern Europas, darunter auch Deutschland.

Bloomberg Green berichtete vor einigen Monaten von einem Handelsabkommen, das Takaichi im Oktober zusammen mit Donald Trump unterzeichnete. Demnach wird Japan 33 Milliarden Dollar in ein Gaskraftwerk in Ohio investieren. Nach dessen Fertigstellung werde es zu einer der größten Quellen für CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung gehören. Seine Emissionen entsprächen in etwa der einjährigen Emissionen von 3,8 Millionen PKWs mit Verbrennungsmotoren.

Takaichi ignoriert offensichtlich, dass ein Großteil der japanischen Bevölkerung erwartet, dass ihre Regierung stärkere Klimaschutzmaßnahmen ergreift.

Damit folgt sie dem Muster vieler Politiker in zahlreichen Ländern, die fälschlicherweise davon ausgehen, dass sich ihre Wähler nicht besonders für den Kampf gegen den Klimawandel interessieren.

Studie bestätigt Diskrepanz zwischen Politik und Gesellschaft

In Deutschland wurde aktuell eine neue Studie zur Diskrepanz zwischen Politik und Gesellschaft veröffentlicht. Aus Interviews mit Hunderten von Parlamentariern aus dem gesamten parteiischen Spektrum kamen die beteiligten Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die politischen Akteure die Unterstützung der Öffentlichkeit für Klimaschutzmaßnahmen unterschätzen. Dies betrifft insbesondere die Maßnahmen, die am wirkungsvollsten sein können, wie höhere Steuern und strengere Gesetze. Ich werde diese Studie in einem separaten Artikel analysieren und bewerten.

Diese Diskrepanz zwischen dem, was die meisten Verbraucher wollen, und dem, was Politiker glauben, dass sie wollen, besteht in einer Zeit, in der schnelle, effektive Klimaschutzmaßnahmen dringender denn je benötigt werden.

Der Planet wird nicht nur heißer als seit der Entstehung der Zivilisation vor 10.000 Jahren, er wird auch schneller heißer, als selbst Wissenschaftler erwartet hatten.

Die globalen Temperaturen werden weiter steigen, bis die Verbrennung fossiler Brennstoffe beendet sein wird, was laut Wissenschaftlern mit bestehenden Technologien erreicht werden kann.

Artikelreferenz

CC Now. CC Now - Projektinformationen.
CC Now. Informationen zum 89-Prozent-Projekt.
A. Timur Sevincer, Luisa Hostlowsky, Fenja Styhler & Wilhelm Hofmann. Public support for climate action is underestimated in the German political domain.