Hochwasser, Dürre, Klimawandel: Warum Deutschlands Flüsse trotz niedriger Pegel wieder mehr Platz brauchen
Die Pegel sinken – und Deutschlands Flüsse brauchen mehr Platz! Was paradox klingt, kann gegen Dürre und Hochwasser helfen. Die aktuelle Themenwoche des Bundesumweltministeriums zum natürlichen Klimaschutz zeigt, warum Flüsse und Auen für uns so wichtig sind, und ist alles andere als performativer Aktionismus einiger behördlicher Schildbürger.

Vom 7. bis 14. Oktober 2026 läuft die Themenwoche zum Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK) des Bundesumweltministeriums. Projekte stellen sich online vor; am 10. Oktober machten bundesweite Mitmachaktionen ihre Arbeit sichtbar. Da mag sich mancher fragen: Wieder eine Behördenaktion mit wohlklingendem Namen – während unseren Flüssen das Wasser fehlt?
Hinter der Aktion steckt eine konkrete Forschungsfrage: Wie viel Klimaschutz leisten naturnahe Flüsse und Auen tatsächlich?
Sie bieten Lebensraum, halten Wasser zurück und speichern Kohlenstoff in Pflanzen und Böden. Gleichzeitig können sie Treibhausgase freisetzen. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) untersucht deshalb im Rahmen des Aktionsprogramms, wie sich diese Bilanz durch Renaturierungen verändert.
Dafür vergleichen Forschende naturnah gestaltete Fluss- und Uferabschnitte mit geeigneten Referenzgebieten. Sie messen Kohlenstoffvorräte und Treibhausgasemissionen und analysieren, wie sich Gewässerstruktur und Wasserhaushalt entwickeln.
Niedrige Pegel – wozu brauchen Flüsse mehr Platz?
Die Antwort liegt neben dem Fluss: in seinen Auen. Wenn Wasser diese Flächen erreicht, kann es länger in der Landschaft bleiben und zur Grundwasserneubildung beitragen. Dafür müssen Fluss und Aue miteinander verbunden sein.
Doch über Jahrzente griff man in den natürlichen Verlauf und Aufbau der Flussbetten ein. Laut Bundesumweltministerium sind mehr als 90 Prozent der deutschen Auen so verändert, dass sie ihre natürlichen Funktionen nicht mehr ausreichend erfüllen können. Begradigungen, befestigte Ufer und Entwässerungen haben den Wasserhaushalt verändert. Das ANK unterstützt deshalb unter anderem flachere Ufer, die Wiederanbindung ehemaliger Flussarme und die Wiederherstellung von Auenwäldern.
600 Hektar zeigen, was möglich ist
Am Lödderitzer Forst an der Elbe wurde ein Deich zurückverlegt. Bei Hochwasser stehen dem Fluss dadurch wieder rund 600 Hektar zur Verfügung. Auenwald wurde erneut an die natürliche Überflutungsdynamik angeschlossen.
Laut Ministerium kann der zusätzliche Überschwemmungsraum den Pegel bei extremem Hochwasser um bis zu 28 Zentimeter senken. Diese Wirkung gehört zum konkreten Projekt und zeigt, dass zusätzlicher Raum einen messbaren und nachweislichen Beitrag zum Hochwasserschutz leistet.
Nasse Böden verändern die Klimabilanz
Mehr natürliche Flussdynamik bedeutet auch: Auen können häufiger oder länger unter Wasser stehen. Das verändert Bodenfeuchte, Grundwasserstände und die Bedingungen für Mikroorganismen.
Die BfG betrachtet deshalb Kohlendioxid, Methan und Lachgas. Welche Bilanz entsteht, hängt unter anderem vom Boden und vom Wasserhaushalt ab. Eine größere Kohlenstoffspeicherung allein reicht nicht, um eine Maßnahme zum Klimaschutzerfolg zu erklären.
In die Untersuchungen fließen bereits umgesetzte Maßnahmen an Bundeswasserstraßen ein. Teilweise gibt es langjährige Daten, die nun erstmals gezielt hinsichtlich des natürlichen Klimaschutzes ausgewertet werden. Vergleichsabschnitte helfen, die Veränderungen durch die Maßnahmen einzuordnen.
Schatten hilft – Satelliten liefern Hinweise
Auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel wird untersucht. Uferpflanzen können das Wasser beschatten und seine Erwärmung örtlich begrenzen. So bleiben kühlere Rückzugsräume für Gewässerorganismen erhalten.
Die BfG entwickelt Indikatoren, um diese Widerstandsfähigkeit bewerten zu können. Dafür nutzt sie auch Informationen über Gewässer, Ufer und Auen, die aus Luft- und Satellitenbildern gewonnen werden.

Forschung, die über künftige Maßnahmen mitentscheidet
Wie viel Klimaschutz naturnahe Flüsse und Auen insgesamt leisten, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Forschung soll deshalb vergleichbare Bewertungen ermöglichen.
Die Ergebnisse können künftig etwa im Bundesprogramm „Blaues Band Deutschland“ helfen. Auch die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung soll Klimaschutz und Klimaanpassung bei der Planung ökologischer Maßnahmen besser berücksichtigen können.
Damit geht es um konkrete Entscheidungen: Welche Veränderungen bringen unter welchen Bedingungen den größten Nutzen für Gewässer, Wasserhaushalt und Klima? Themen, die mittlerweile zentral sind und deren Brisanz aufgrund des überproportional schnellen Wandels des Klimas und seiner Wettersysteme in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein sollte.
Artikelreferenz
Bundesanstalt für Gewässerkunde. (8. Oktober 2026). Wie viel Klimaschutz steckt in unseren Flüssen?.
Bundesumweltministerium. (abgerufen am 12.10.2026). Infopapier zur Themenwoche des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz.