Unheimliche Stille über Deutschland: Uns gehen die Herbststürme aus – Wetterexperte warnt vor dieser gefährlichen Folge

Kein Sturm, kein Orkan, wochenlang Hochdruck: Der Herbst 2026 ist verdächtig still. Was harmlos klingt, hat eine Kehrseite, die kaum jemand auf dem Schirm hat.
Eigentlich müsste es jetzt krachen. Mitte Oktober ist in Deutschland normalerweise die Zeit, in der die ersten Herbststürme über das Land fegen, Äste von den Bäumen reißen und an der Nordsee die Wellen meterhoch auftürmen.
Doch in diesem Jahr passiert: nichts. Weder der September noch die erste Oktoberhälfte brachten eine nennenswerte Sturmlage, von einem echten Orkan ganz zu schweigen.
Stattdessen Nebel am Morgen, goldene Nachmittage und eine fast gespenstische Windstille. Und die Wettermodelle legen noch nach: Bis Ende Oktober zeichnet sich keine stürmische Phase ab. Viele fragen sich deshalb, ob das nur eine Laune der Natur ist oder ob Deutschland gerade etwas erlebt, das zum neuen Normalzustand werden könnte.
Blockadelage: Das Hoch, das sich nicht vertreiben lässt
Der Hauptverdächtige hat einen Namen: Blockadelage. Gemeint ist ein stabiles Hochdruckgebiet, das sich über Mitteleuropa oder dem Nordatlantik festsetzt und wie ein Felsen in der Brandung wirkt. Die Tiefdruckgebiete, die normalerweise vom Atlantik heranziehen und Wind und Regen bringen, prallen daran ab und werden nach Norden über Skandinavien oder nach Süden Richtung Mittelmeer umgeleitet.

Besonders hartnäckig ist die sogenannte Omegalage. Der Name kommt vom griechischen Buchstaben Omega (Ω), denn genau diese Form zeichnet der Luftdruck auf der Wetterkarte nach: ein Hoch in der Mitte, flankiert von zwei Tiefs links und rechts. Solche Muster können sich wochenlang halten. Für Deutschland heißt das: wenig Wind, kaum Regen, Stillstand am Himmel.
Das Förderband der Stürme stottert
Ob es bei uns stürmt, entscheidet sich in rund zehn Kilometern Höhe. Dort rauscht der Jetstream, ein Starkwindband, das mit teils über 300 Kilometern pro Stunde um die Nordhalbkugel zieht. Er ist das Förderband für die Tiefs: Je kräftiger und geradliniger er verläuft, desto häufiger erreichen Sturmtiefs Mitteleuropa. Angetrieben wird er vom Temperaturgegensatz zwischen der kalten Arktis und den warmen Subtropen.
Genau dieser Gegensatz ist derzeit vergleichsweise schwach. Die Folge: Der Jetstream schlägt große Wellen, mäandert wie ein träger Fluss und bleibt immer wieder hängen. Ein wichtiger Gradmesser ist die Nordatlantische Oszillation, kurz NAO. Sie beschreibt den Luftdruckunterschied zwischen Islandtief und Azorenhoch. Ist er groß, läuft die Sturmmaschine auf Hochtouren. Ist er klein, herrscht Flaute.
Sterben die Orkane in Deutschland aus?
Hier lohnt ein nüchterner Blick. Die klassische Orkansaison liegt in Deutschland ohnehin eher zwischen Dezember und Februar, ein ruhiger Frühherbst beweist also noch keinen dauerhaften Trend. Zudem schwankt die Sturmhäufigkeit über dem Nordatlantik von Natur aus stark. Auf Jahrzehnte mit vielen schweren Stürmen folgten immer wieder auffallend ruhige Phasen.
Spannender ist, was Klimaforscher für die Zukunft erwarten: Die Zugbahnen der Tiefs könnten sich langfristig etwas nach Norden verschieben. Insgesamt gäbe es dann womöglich weniger Sturmtiefs, einzelne Orkane könnten aber heftiger ausfallen, weil wärmere Luft mehr Energie und Feuchtigkeit speichert. Seltener, aber brutaler: Das wäre eine Entwicklung mit ganz eigenen Risiken.
Die unterschätzte Gefahr der Windstille
Und damit zur Kehrseite, die kaum jemand auf dem Schirm hat. Stürme sind die große Lüftungsanlage der Atmosphäre. Fehlen sie, kommt es häufiger zu einer Inversionswetterlage. Dabei liegt wärmere Luft wie ein Deckel über kalter Bodenluft, nichts wird mehr durchmischt. Abgase und Feinstaub sammeln sich in Tälern und Städten, dazu kommt zäher Hochnebel, der die Sonne tagelang verschluckt.

Noch heikler ist das Wasser. Atlantische Sturmtiefs sind im Herbst und Winter die wichtigsten Regenbringer. Bleiben sie aus, können sich Böden und Grundwasserspeicher nicht erholen, und Deutschland droht mit einem Defizit ins Frühjahr zu starten. Auch die Windkraft gerät ins Schlingern: Kommt zur Windstille noch trübes Wetter, droht eine Dunkelflaute, also eine Phase, in der Wind- und Solaranlagen kaum Strom liefern.
Trügerische Ruhe vor dem großen Knall
Entwarnung für den Winter ist die aktuelle Flaute trotzdem nicht. Blockadelagen sind keine Dauereinrichtung, und wenn sie zusammenbrechen, geht es oft rasend schnell. Dann sortiert sich der Jetstream innerhalb weniger Tage neu und schickt eine ganze Serie von Sturmtiefs auf den Weg. Gerade November und Dezember haben in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass auf wochenlange Ruhe plötzlich eine heftige Sturmphase folgen kann.
Ein Hurrikan ist ein tropischer Wirbelsturm mit windstillem Auge, der seine Energie aus warmem Meerwasser zieht. Ein Orkan ist ein Sturmtief unserer Breiten, angetrieben vom Gegensatz zwischen kalter Polarluft und warmer Subtropenluft – beide erreichen Windgeschwindigkeiten ab 118 km/h.
Wer klug ist, nutzt die stillen Tage deshalb, um Garten, Dach und Balkon winterfest zu machen: lose Gegenstände sichern, Dachrinnen reinigen, morsche Äste entfernen lassen. Denn die Wettergeschichte lehrt eines ganz klar: Der Herbst hat schon oft lange geschwiegen, bevor er umso lauter zurückgeschlagen hat.