Deutschland vor der Hitzefalle: Warum extreme Hitzeereignisse zur nationalen Gefahr werden können
Extreme Temperaturen jenseits der 45-Grad-Marke wurden hierzulande lange für illusorisch gehalten. Jüngste Berichte zeigen jedoch, dass bestimmte Wettererscheinungen wie der Hitzedom (engl. Heat Dome) auch in Deutschland möglich sind. Die Folgen wochenlanger Extremhitze wären verheerend.

Deutschland diskutiert seit Jahren über den Klimawandel, doch das gegenwärtige Extremereignis wurde bisher kaum beachtet: Bei einer Hitzeglocke bzw. einem Hitzedom (engl. Heat Dome) handelt es sich um eine stabile Hochdrucklage, die heiße Luft über einer Region einschließt und tage- oder sogar wochenlang Höchsttemperaturen verursacht.
Forschende warnen nun in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, dass Deutschland auf ein solches Szenario nur unzureichend vorbereitet ist. Während andere Naturkatastrophen längst feste Notfallpläne auslösen, fehlen für extreme Hitzeereignisse vielerorts konkrete Zuständigkeiten und Krisenstrukturen.
Die Experten halten das für höchstriskant. Im schlimmsten Fall trifft ein Hitzedom auf dicht besiedelte Regionen – innerhalb weniger Tage könnten dann Zehntausende Menschen sterben.
Lehren aus Kanada, Indien und Saudi-Arabien
Auslöser für die Untersuchung waren mehrere außergewöhnliche Hitzeereignisse weltweit. Besonders prägend war die Hitzekatastrophe im kanadischen British Columbia im Sommer 2021. In der Region um Vancouver, die klimatisch eher mit Mitteleuropa vergleichbar ist, wurden fast zwei Wochen lang Temperaturen von über 45 Grad Celsius gemessen. Spitzenwerte erreichten sogar 49 Grad.
Die Folgen waren dramatisch: Menschen, Tiere und Ökosysteme gerieten an ihre Belastungsgrenzen. Ältere Menschen, chronisch Kranke, Obdachlose und sozial benachteiligte Gruppen traf es besonders hart.
Auch andere Ereignisse haben gezeigt, wie gefährlich Hitze sein kann. In Saudi-Arabien starben im Jahr 2024 während der muslimischen Hadsch-Pilgerfahrt innerhalb weniger Tage mehr als 1000 Menschen an den Folgen extremer Hitze. Ähnliche Erfahrungen wurden in Indien, Australien und mehreren US-Bundesstaaten gemacht.
Deutsche Hitzepläne reichen nicht
Zwar existierten zum Zeitpunkt der Studie im Jahr 2025 bereits rund 25 kommunale und regionale Hitzeaktionspläne in Deutschland. Die behandeln jedoch vor allem gewöhnliche Hitzewellen und keine Extremszenarien wie einen Hitzedom.

Zu den notwendigen Elementen des Hitzeaktionsplans gehören laut Studie:
- Festlegung eines Krisenstabs
- klare Zuständigkeiten und Entscheidungswege
- mobile Einsatzteams
- Vorbereitung der Notaufnahmen auf Hitzeschlagpatienten
- Beschäftigungsverbote für planbare Arbeiten im Freien
- Evakuierungen besonders gefährdeter Gebiete (Hitzeinseln)
- Urlaubssperren im Gesundheitswesen
- Kommunikationsstrategie für Medien
- Schulungen von Laieneinsatzhelfern
„Jede Gemeinde und Region sollte festlegen, was im Fall einer Hitzekatastrophe gemacht werden sollte, wer dies machen muss, und wie dies umgesetzt werden soll“, fordern die Autoren.
Ein Schwerpunkt der Empfehlungen liegt auf dem Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen. Pflegebedürftige, ältere Menschen, Säuglinge, Schwangere und Menschen mit psychischen oder chronischen Erkrankungen müssten frühzeitig ermittelt und betreut werden.
Empfohlen werden regelmäßige Medikamentenprüfungen während Hitzeperioden, eine engmaschige Kontrolle des Flüssigkeitshaushalts sowie Nachbarschafts- und Besuchsprogramme. Gekühlte öffentliche Räume sollten gekennzeichnet und leicht zugänglich sein.
Auch Krankenhäuser müssten sich stärker auf große Zahlen von Hitzschlagpatienten vorbereiten. Die Studie schlägt hier spezielle Hitzschlag-Klinik-Konzepte und zusätzliche Schulungen für medizinisches Personal vor.
Den Forschenden zufolge liegt die größte Herausforderung darin, dass sich Hitzeerscheinungen wie ein Heat Dome nicht kurzfristig bewältigen lassen. Notfallstrukturen, Schutzmaßnahmen und Kommunikationsstrategien müssten bereits Monate im Voraus entwickelt werden.
Deshalb plädieren die Autoren dafür, extreme Hitze künftig als Naturkatastrophe einzustufen. Viele bisher freiwillige Maßnahmen könnten dann verbindlich angeordnet werden. Nur so lasse sich verhindern, dass Deutschland von einem Ereignis überrascht wird, das in anderen Teilen der Welt bereits Normalität geworden ist.
Artikelreferenz
Becker, C., Griebe, T., & Weingart, C. (2025). Hitzedom in Deutschland und wie gut wir darauf vorbereitet sind.