Den Deutschen reicht's: Klarer Ruf nach mehr Hitzeschutz

Die Bekämpfung des Klimawandels und seiner Folgen erfordert politisches Handeln. Ob Politiker in demokratischen Ländern wier Deutschland jedoch Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, hängt von ihrer Wahrnehmung der Bereitschaft der Wähler ab, solche Maßnahmen zu akzeptieren.

Die Reduzierung der Treibhausgaseissionen entscheidet über die Erderwärmung und ihre Folgen
Die Reduzierung der Treibhausgaseissionen entscheidet über die Erderwärmung und ihre Folgen

In einer Studie, die ich am Ende des Artikels verlinkt habe, wurden 1599 deutsche Politiker über ihre E-Mail-Adressen kontaktiert und um ihre Meinung gebeten, die Bereitschaft der Öffentlichkeit, den Klimaschutz zu unterstützen, einzuschätzen.

Abgeglichen wurden die Antworten mit der tatsächlichen Bereitschaft, die in zwei national repräsentativen Stichproben von jeweils etwa 1.000 Deutschen ermittelt wurde.

Dabei haben die politischen Parteien die öffentliche Akzeptanz von Steuern und Gesetzen unterschätzt. Die befragte Bevölkerung wurde auch nach ihrer Bereitschaft gefragt, mit einem Prozent des Einkommens an der Eindämmung des Klimawandels beizutragen.

Gegensätzliche Positionen von Politik und Gesellschaft

Die Bekämpfung des Klimawandels ist eine Herausforderung, die uns alle angeht. Da menschliches Verhalten die Ursache des Klimawandels ist, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es auch Teil der Lösung sein muss.

Sie erfordert jedoch nicht nur individuelle Verhaltensänderungen bei uns allen, sondern vor allen Dingen auch strukturelle Maßnahmen, die von den politischen Entscheidungsträgern umgesetzt werden müssen.

Da diese in demokratischen Gesellschaften nach der Meinung ihrer Wähler handeln, ist es entscheidend, dass sie die bestehende öffentliche Unterstützung für solche Maßnahmen genau einschätzen. Das Ergebnis der Studie war eine Fehleinschätzung der befragten politischen Akteure aus dem gesamten im Bundestag vertretenen Parteienspektrum.

Studien als Barometer der Stimmung

Mehrere große Studien deuten darauf hin, dass auch die Öffentlichkeit selbst falsch einschätzt, wie weit verbreitet die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen ist.

Die bisher größte Studie beruhte auf einer globalen Umfrage unter fast 130.000 Befragten aus 125 Ländern. Daraus ging hervor, dass die meisten Menschen sogar bereit sind, den Klimawandel aktiv zu bekämpfen, indem sie mit einem Prozent ihres Einkommens an Maßnahmen zur Eindämmung beitragen, während sie die Bereitschaft anderer, dasselbe zu tun, erheblich unterschätzten.

Wenn nun die Bevölkerung selbst die Bereitschaft ihrer Mitmenschen, aktiv gegen den Klimawandel vorzugehen, falsch einschätzt, kann es nicht überraschen, dass die politischen Akteure diese Bereitschaft ebenfalls unterschätzen.

ARD-Deutschland TREND bestätigt Notwendigkeit zu mehr Maßnahmen beim Hitzeschutz

Eine repräsentative Umfrage von infratest dimap unter 1.317 Wahlberechtigten für den ARD-DeutschlandTREND hat ergeben, dass sich Anhänger aller im Bundestag vertretenen Parteien mit jeweils deutlicher Mehrheit für mehr Investitionen in den Hitzeschutz der Infrastruktur aussprechen.

Am deutlichsten ist die Zustimmung bei Anhängern von Linken (99 Prozent) und Grünen (97 Prozent), aber auch 91Prozent der SPD-Anhänger, 83 Prozent Unions-Anhänger sowie 81 Prozent der AfD-Anhänger sind dafür.

Zwei von drei Deutschen machen sich sehr große bzw. große Sorgen, dass der Klimawandel unsere Lebensgrundlagen zerstört. Knapp ein Drittel teilt diese Sorge weniger bzw. gar nicht. Die Sorge ist unter Frauen deutlich stärker ausgeprägt als unter Männern.

Dass der Klimaschutz angesichts der aktuellen Krisen und Herausforderungen im politischen Handeln vorübergehend hintenanstehen sollte, unterstützten 36 Prozent der befragten Deutschen. Eine Mehrheit mit 58 Prozent lehnt das jedoch ab, fordert also hohe Priorität des Themas im politischen Handeln.

Politische Entscheidungen stehen im Gegensatz zu den Umfragen

In dieser Woche hat der Bundestag zwei Entscheidungen getroffen, die eine komplett andere Richtung zum Thema Klimawandel bedeuten.

Das verabschiedete Gebäude-Modernisierung-Gesetz macht den Weg für den Fortbestand und neue Investitionen von fossilen Heizungen in privaten Gebäuden frei.

Auch zahlreiche neue Gaskraftwerke sollen in den nächsten 5 Jahren in Deutschland gebaut werden. Es fehlt nur noch die Zustimmung der EU-Kommission, da die neuen Anlagen mit Milliardensummen gefördert werden. Bezahlt werden soll dies von allen Stromnutzern über eine neue Umlage ab 2031. Ein genauer Betrag der zu erwartenden Teuerung wurde nicht genannt.

Goodbye, Klimaneutralität bis 2045?

Führende Vertreter aus Wirtschaft, Gewerkschaften und der CDU/CSU fordern eine Verschiebung des Ziels zur Klimaneutralität. Das derzeitige nationale Ziel der Dekarbonisierung bis 2045 sei nicht sinnvoll und sollte an das europäische Zieljahr 2050 angepasst werden.

Die Dekarbonisierung ist eine Notwendigkeit und kein "nice to have"
Die Dekarbonisierung ist eine Notwendigkeit und kein "nice to have"

Der bisherige deutsche Sonderweg, fünf Jahre vor ‌der Europäischen Union klimaneutral werden zu wollen, mache den Industriestandort nur teurer, ohne dem Klima zu nützen, sagte RWE-Chef Markus Krebber laut einem Vorabbericht.

Deutschland hat mit den Entscheidungen und den Forderungen zu einem Verlassen der vereinbarten Klimaziele einen Weg beschritten, der offensichtlich komplett konträr zum mehrheitlichen Willen der Bevölkerung steht.

Damit folgt unser Land der Aussage des Bundeskanzlers, nachdem die deutsche Industrie nicht den Klimaziele zum Opfer fallen dürfe.

Nun stellt sich die berechtigte Frage, ob die zu erwartenden menschlichen und wirtschaftlichen Opfer der Folgen des Klimawandels nicht schwerer wiegen, als der Erhalt und der Fortbestand einer Industrie, deren Basis weiterhin fossile Energieträger sind. Die Folge dieser Entscheidungen werden die Emissionen von Treibhausgasen letztendlich auch in Deutschland wieder steigen lassen.

Wenn sich die Welt so verhalten würde, wie es gerade die deutsche Politik tut, würde sich die Erderwärmung in einem Maße beschleunigen, wie dies in den 2,5 oder 3 Grad-Erwärmungsszenarien der Klimawissenschaft dargestellt wird.

Eine andere Klimapolitik ist notwendig!

Die Zahlen der überwiegenden Zustimmung, dass der Klimawandel unsere Lebensgrundlagen zerstört, bennenen und fordern Maßnahmen der Politik. Dies bestätigt auch das „89-Prozent-Projekt“ des Klimajournalisten-Netzwerks Covering Climate Now, über das ich im Artikel zur verstärkten Klimaberichterstattung in Japans Nachrichtenmedien geschrieben habe.

Von großer Bedeutung ist das Fazit der zitierten Studie. Über alle parlamentarischen Ebenen und politischen Parteien hinweg, ergab die Umfrage eine wesentliche Unterschätzung der öffentlichen Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen.

Meines Erachtens unterstreicht die Studie, dass diese Unterschätzung ein wichtiges, wenn nicht sogar entscheidendes Hindernis für eine wirksame Klimapolitik darstellt.

In großen Teilen Deutschlands erleben die Menschen derzeit eine zweite, große Hitzewelle innerhalb weniger Wochen.

Hören wir endlich auf, davon zu sprechen und zu schreiben, dass es sich um normale Wetterphänome handelt, wie dies in der Argumentation der Leugner des menschengemachten Klimawandels ausgedrückt wird.

Beachten wir endlich die Hinweise von Wissenschaftlern aus den Bereichen Meteorologie und Klima, die eindeutig und ohne jeden wissenschaftlichen Zweifel auf die Hitzewellen als Folgen der Erderwärmung hinweisen.

Der einzige Unterschied zu früheren Jahren: jetzt sind wir in Deutschland auch mittendrin statt nur Zuschauer.

Artikelreferenz

A. Timur Sevincer, Luisa Hostlowsky, Fenja Styhler & Wilhelm Hofmann. Public support for climate action is underestimated in the German political domain.