Aus Fehlern lernen
Politikwissenschaftler und Wirtschaftsforscher versorgen uns täglich mit Prognosen und Einschätzungen. Viele ihrer Vorhersagen sind berechenbar. Die Folgen einer kompletten Entfesselung eines Krieges, der die globale Energieversorgung lahmlegt, sind es nicht.

Täglich wechselt die Stimmung. Sind der Irankrieg und die damit verbundene Schließung der Straße von Hormus nur eine kurze Episode der Geschichte? Oder haben die Ereignisse rund um das Kriegsgebiet das Potenzial, die Weltgemeinschaft wirtschaftlich und gesellschaftlich in eine tiefe und langanhaltende Krise zu stürzen?
Es besteht weitgehend Einigkeit, dass die Risiken dafür deutlich gestiegen sind. Allerdings lohnt sich ein Blick auf die unterschiedlichen Kriegsfolgen für das, was wir als „Weltwirtschaft“ bezeichnen.
Die Finanzmärkte
Am wenigsten problematisch sind die Turbulenzen auf den Finanzmärkten, die derzeit auf jede Nachricht mit massiven Ausschlägen nach oben und unten reagieren. Das 48-Stunden-Ultimatum des amerikanischen Präsidenten Donald Trump an die iranische Staatsführung zur Einstellung der Bombardierung von Energieanlagen hat Börsenkurse und Goldpreis abstürzen lassen.
Das damit verbundene Drohpotenzial für einen weiter fortschreitenden Zusammenbruch der Versorgungsketten von fossiler Energie hat den multiplen Kursverfall ausgelöst.
Sein gegenteiliges Statement mit einer Verlängerung des Ultimatums um fünf Tage und der Andeutung von angeblichen Verhandlungen mit der iranischen Staatsführung hatte dann am 22.3. die Händler in einen Kaufrausch getrieben.
All diese Kursbewegungen treffen jedoch die Realwirtschaft kaum, da es sich um reine Bewegungen der Finanzwirtschaft handelt.
Der Ölpreis und seine Folgen
Wesentlich schmerzhafter für Autofahrer, Transportunternehmen sowie private und kommunale Verkehrsbetriebe ist der massive Anstieg des Ölpreises. Dieser führt mit unterschiedlichen Zeitfaktoren (je nach Land) zu einer Verteuerung des Treibstoffes.
Aber auch das lässt sich in der Breite der Bevölkerung verkraften, auch im Autoland Deutschland. Es gibt kein „Menschenrecht“ auf einen Spritpreis unter 1,70 Euro. Wer sein Mobilitätsverhalten anpasst, also weniger und langsamer Auto fährt oder Fahrgemeinschaften bildet, kann die finanzielle Mehrbelastung zum Großteil ausgleichen.
Unbeeindruckt sind zumindest derzeit alle Fahrerrinnen und Fahrer von Elektrofahrzeugen, speziell wenn sie eine überwiegend private Lademöglichkeit über eigenen PV-Strom haben.
Die Regierung täte daher gut daran, ihre Maßnahmen zur Preisdämpfung auf ein Mindestmaß, zum Beispiel für die unteren und untersten Einkommensschichten zu beschränken. Ein höherer Kraftstoffpreis ist auch ein wertvolles Signal, um fossile Energie einzusparen.
Erdgas - die gefährlichere Komponente
Deutlich gefährlicher ist der Preisanstieg beim Erdgas. Die Energiewirtschaft befürchtet zurecht eine Nachwirkung weit über ein mögliches baldiges Kriegsende hinaus.
Grund dafür sind Reparaturarbeiten von zerstörte Anlagen in der Golfregion, die eventuell mehrere Jahre andauern könnten.
Bei Erdgas steht die Welt vor einer Versorgungskrise, die Haushalte und Industrie gleichermaßen betrifft und langfristig betreffen wird.
Die immer wieder angedeutete Alternative, zurück zu russischem Gas zu wechseln, hat zwei unerwünschte Begleiterscheinungen. Zum einen würden die zusätzlichen Einnahmen Wladimir Putins Aggression gegen die Ukraine und Europa einen neuen finanziellen Schub geben. Zum anderen sind Versorgungleitungen zum großen Teil nicht oder nicht mehr verfügbar.
Alternative Quellen lassen sich nicht so schnell aufbauen und konzentrieren sich auf LNG-Fracking-Gas aus den USA. An dieser und anderer weniger Quellen nach dem Ausfall der Versorgung aus dem Nahen Osten hängen die Volkswirtschaften in Europa und Asien gleichermaßen.
Nach dem Gesetz des Marktes führt hohen Nachfrage und geringes Angebot zu hohen Preisen – und genau diese Situation droht der Welt bei der Erdgasversorgung.
Und was ist mit dem Strompreis?
Es ist eine Tatsache, dass sich ein höherer Gaspreis auch in einem teureren Strompreis niederschlägt. Grund dafür ist das sogenannte „Merit Order-Prinzip“, dessen Wirkung und Umsetzung ich am Ende dieses Artikels über einen Link verdeutlicht habe.
Für uns in Deutschland gibt es eine gewisse Sicherheit dadurch, dass wir mittlerweile knapp 60 Prozent unseres benötigten Stroms aus relativen Energien gewinnen.
Allerdings bezieht sich diese Sicherheit nur auf die Versorgungslage und nicht auf den Preis. Trotz vieler Vorteile birgt eine Situation wie die derzeitige aufgrund des bei uns angewandten Merit-Order-Systems für die Preisbildung ein großes Risko: Solange erneuerbare Energien den Strombedarf nicht vollständig decken können, hängen die Strompreise an der Börse zumindest zeitweise von den Kosten für fossile Brennstoffe ab.
Steigen etwa die Gaspreise stark an, können Gaskraftwerke zum preisbestimmenden Faktor für das gesamte System werden. Die Auswirkungen können sehr drastisch sein, wie das Jahr 2022 zeigte.
Der extreme Anstieg der Gaspreise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ließ die Strompreise in ganz Europa in ungeahnte Höhen schnellen und löste eine breite Debatte über das Merit-Order-Modell aus.
Ein häufig genannter Kritikpunkt betrifft eine unausgewogene Kostenbetrachtung, denn Merit-Order berücksichtigt nur die variablen Kosten und nicht vollständig die Investitionskosten. Dadurch spiegelt das System die tatsächlichen volkswirtschaftlichen Kosten der einzelnen Energiequellen nur unvollständig wider.
Inflation - als Folge
Ein höherer Gaspreis wird sich also auch in teureren Strompreisen niederschlagen. Dies führt aller Wahrscheinlichkeit zu einem neuerlichen Anstieg der Inflation, die in Deutschland derzeit eher stsbil ist.
Teure Energiekosten sind auch eine Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung von Industrie, Handel und Gewerbe. Die Kombination aus Inflation und Stagnation nennt sich Stagflation - einen Entwicklung die Notenbanken ins Dilemma stürzt: Sollen sie Zinsen erhöhen, um die Teuerung zu bekämpfen, oder senken, um die Konjunktur zu beleben?
In Deutschland mit seinem nicht ausgeglichen Staatshaushalt und hohen Sonderverschuldungen kommt noch das aus Stagflation entstehende Budgetproblem dazu: neue Löcher in den Haushalten von Bund, Ländern und Kommunen bewirken, dass dem Staat die Mittel zum Gegensteuern fehlen.
Aus Fehlern lernen
Kurzfristig können alle Staaten in dieser Situation wenig tun, um Teuerung und Wachstumsschwäche abzufedern. Die Devise lautet also abwarten und auf ein baldiges Ende der beidseitigen Kampfhandlungen hoffen.
Diese Devise gilt für die gesamte EU und damit auch für Deutschland. Wirkungsvolle Maßnahmen gegen eine Energiekrise haben alle eine lange Vorlaufzeit.
Die aktuelle Situation zeigt uns sehr deutlich, was alles in den vergangenen Jahren versäumt wurde: Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist weiterhin unverändert hoch.
Der Ausbau der Erneuerbaren geht letztendlich zu langsam voran und ist seit dem Regierungswechsel auf die CDU/CSU/SPD-Koalition auch kein Ziel mehr!
Notwendige Reformen wie die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für z.B. Batteriespeichern oder Windkraftanlagen oder ein rascher Ausbau der Infrastruktur von Stromnetzen lähmen die Entwicklung zusätzlich.
So bleiben wir alle abhängig von dem, was ein irrlichternder Autokrat in Washington, ein fanatischer Autokrat in Israel und nicht minder fanatische Mullahs in Teheran entscheiden – und können nur darauf hoffen, dass sie rasch zur Vernunft kommen.
Und ein politscher Tipp ganz zum Schluss: wäre JETZT nicht der Zeitpunkt, die Eckpunkte des beabsichtigten Gebäudemodernisierungsgesetz komplett zu schreddern, denn sie verstärken die Auswirkungen der bevorstehenden Energiekrise um ein Vielfaches.