Wie kamen Hannibals Elefanten über die Alpen? Forscher berechnen günstigste Route am Energiebedarf der Tiere

Nahmen Hannibals Elefanten bei der berühmten Alpenüberquerung wirklich den seit der Antike überlieferten Weg? Neueste bioenergetische Modelle, die auf Daten heutiger Elefanten beruhen, sprechen dagegen. Demnach war für Soldaten, Pferde und Elefanten vermutlich der Col de la Traversette die günstigste Route.

Auf den verschiedenen Routen, die Hannibals Elefanten gegangen sein könnten, unterscheidet sich der Energiebedarf enorm. Das Foto zeigt einen Afrikanischen Elefanten am Mount Kenya. Bild: Robbie Labanowski/Save the Elephant
Auf den verschiedenen Routen, die Hannibals Elefanten gegangen sein könnten, unterscheidet sich der Energiebedarf enorm. Das Foto zeigt einen Afrikanischen Elefanten am Mount Kenya. Bild: Robbie Labanowski/Save the Elephant

Seit mehr als zwei Jahrtausenden fragen sich Historiker, welchen Weg der karthagische Feldherr Hannibal im Jahr 218 v. Chr. bei seinem spektakulären Marsch über die Alpen tatsächlich nahm. Nun liefert eine internationale Studie neue Hinweise darauf – und stellt damit eine lang gehegte Theorie infrage.

Forschende des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Oxford haben die möglichen Alpenrouten mit einem bioenergetischen Modell untersucht. Statt sich ausschließlich auf historische Quellen zu stützen, berechneten sie den Energiebedarf einer Armee mit rund 40.000 Soldaten, 7000 Pferden und 37 Kriegselefanten.

Elefanten bestimmen die Route

Im Mittelpunkt der Analyse standen die Elefanten, deren körperliche Beanspruchung sich besonders gut abbilden lässt. Die Wissenschaftler griffen dafür auf Daten heutiger afrikanischer Elefanten zurück, die Faktoren wie Körpermasse, Steigung und Streckenlänge enthielten. So ließ sich abschätzen, welche Route insgesamt den geringsten Energieverbrauch verursacht hätte.

Das Ergebnis spricht deutlich für den Col de la Traversette, ein hochalpiner Pass mit einer Passhöhe von knapp 3000 Metern, wie alle anderen untersuchten Wege an der Grenze zwischen Frankreich und Italien in den Cottischen Alpen gelegen. Die Strecke war nicht nur die kürzeste, sondern auch die energetisch günstigste Variante. Für den gesamten Tross errechneten die Forschenden einen Energiebedarf von 5,42 Terajoule.

Im Oktober sind die Gipfel der Alpen bereits schneebedeckt. Hannibal überquerte die Gebirge vermutlich zu dieser Jahreszeit. Bild: Fritz Vollrath
Im Oktober sind die Gipfel der Alpen bereits schneebedeckt. Hannibal überquerte die Gebirge vermutlich zu dieser Jahreszeit. Bild: Fritz Vollrath

Die zweitgünstigste Möglichkeit führte über den Col de Montgenèvre, der allerdings auf einer Passhöhe von 1854 Metern liegt. Dieser Pfad hätte 6,02 Terajoule erfordert. Dahinter folgten der Col du Clapier mit 6,28 Terajoule sowie der Col du Mont Cenis mit 6,45 Terajoule.

Höherer Aufwand auf allen anderen Routen

Verglichen mit dem Col de la Traversette, wären die anderen Wege trotz geringerer Höhe wesentlich anstrengender gewesen. Die Berechnungen zeigen einen um elf Prozent höheren Energieaufwand für die Route über den Montgenèvre, 16 Prozent für den Clapier und 19 Prozent für den Mont Cenis.

Auch die körperlichen Folgen für die Menschen werden in den Modellen sichtbar: Demnach hätten die Soldaten auf der Traversette-Route rund 19 Prozent ihrer Körperfettreserven eingebüßt. Das könnte erklären, weshalb der Alpenmarsch zahlreiche Todesopfer forderte.

Erstaunlicherweise traf dies auf die Elefanten nicht so sehr zu. Ihre Energiereserven wären demnach nur um etwa vier Prozent geschrumpft. Das würde erklären, weshalb ein beträchtlicher Teil der Tiere die Strapazen der Alpenüberquerung überstand.

Die Studie beweist, dass historische Überlieferungen durch moderne naturwissenschaftliche Methoden gewinnbringend ergänzt werden können. Zwar bleibt die genaue Route Hannibals weiterhin nicht endgültig geklärt, doch die neuen Berechnungen liefern zusätzliche Indizien.

„Die Frage nach Hannibals genauer Route wird seit Generationen diskutiert“, erklärt Co-Autor Dr. Emilio Berti. „Die neue Analyse beseitigt zwar nicht alle Unklarheiten, liefert aber zusätzliche Argumente für die Traversette-Route.“ Diese Route hätte den Anforderungen eines Marsches einer großen Armee mit Elefanten durch anspruchsvolles Gelände am besten entsprochen, so Berti.

Warum Hannibal überhaupt Elefanten in den Punischen Kriegen einsetzte, bleibt dagegen offen. Vermutet wird, dass sie die Römer überraschen oder keltische Verbündete im Norden Italiens beeindrucken sollten.

Artikelreferenz

Berti, E. & Vollrath, F. (2026). Energy costs of Hannibal’s alpine crossing. Proceedings of the National Academy of Sciences.