Wie aus Fremden Freunde werden: Wann wir fremden Menschen vertrauen – und wann nicht

Zwei Menschen müssen nicht komplett gleich ticken, um einander zu vertrauen: Eine neue Studie zeigt, dass Nähe zwischen Menschen vor allem durch bessere Vorhersagen des Gegenübers entsteht. Demnach bereitet es uns oft Probleme, Menschen zu vertrauen, wenn wir ihr Verhalten nicht zuverlässig abschätzen können.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir uns nicht durch ähnliche Hirnaktivität einander näher fühlen – sondern durch vorhersagbares Verhalten. Bild: Duy Pham/Unsplash
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir uns nicht durch ähnliche Hirnaktivität einander näher fühlen – sondern durch vorhersagbares Verhalten. Bild: Duy Pham/Unsplash

Wie entsteht Nähe zwischen zunächst fremden Menschen? Schweizer Wissenschaftler haben genau das nun untersucht: Vertrautheit bedeutet demnach nicht automatisch, dass sich die Hirnaktivität von zwei Menschen ähnelt. Viel wichtiger ist es, wie gut Menschen einander einschätzen und aufeinander reagieren können.

Forschende der ETH Zürich untersuchten sechs Wochen lang 61 Zweierteams, die sich sechsmal zum gemeinsamen Zeichnen trafen. Die Teilnehmenden waren entweder 18 bis 35 oder 70 bis 85 Jahre alt. Dabei bestanden 31 Paare aus Angehörigen verschiedener Generationen, 30 bestanden aus Gleichaltrigen.

Während der Treffen trugen alle Probanden Hirnsensoren. Zunächst sollten die Teammitglieder etwas getrennt zeichnen, und danach gemeinsam auf einem Blatt. Sie durften sich unterhalten, beim Zeichnen selbst aber nicht sprechen. So konnten die Wissenschaftler die Hirnaktivität unter natürlichen Bedingungen erfassen.

Unerwartete Synchronität

Im Mittelpunkt stand die sogenannte Hirnsynchronität: Sie beschreibt, wie ähnlich sich die Aktivität zweier Gehirne während einer gemeinsamen Tätigkeit entwickelt. Frühere Untersuchungen hatten vermuten lassen, dass diese Übereinstimmung mit wachsender Vertrautheit zunimmt.

Drei Beispiele gemeinsamer Zeichnungen. Gemeinsames Zeichnen wurde als Aufgabe ausgewählt, weil es auch in der Praxis von intergenerationellen Programmen oft zur Anwendung kommt. Bild: Social Brain Sciences Lab
Drei Beispiele gemeinsamer Zeichnungen. Gemeinsames Zeichnen wurde als Aufgabe ausgewählt, weil es auch in der Praxis von intergenerationellen Programmen oft zur Anwendung kommt. Bild: Social Brain Sciences Lab

Die Versuchsergebnisse fielen jedoch anders aus. „Bei den generationenübergreifenden Paaren war die Hirnsynchronität zu Beginn höher – und sie nahm von Woche zu Woche ab“, sagt die Kognitionswissenschaftlerin Dr. Ryssa Moffat, Postdoktorandin im Social Brain Sciences Lab am Lehrstuhl für kognitive und soziale Neurowissenschaften. Bei Gleichaltrigen zeigte sich der gegenteilige Verlauf: Ihre zunächst niedrigere Synchronität nahm über die sechs Wochen zu.

Die Abstimmung war beim gemeinsamen Zeichnen stärker als beim Alleinmalen. Moffat wendet jedoch ein: „Mehr Hirnsynchronität kann auch bedeuten, dass zwei Menschen sich besonders stark bemühen, einander zu verstehen.“

Vorhersagen statt Gleichklang

Die Forschenden schlagen eine alternative Erklärung vor. Beim Kennenlernen könnten Menschen vor allem lernen, die nächsten Handlungen, Aussagen oder Reaktionen ihres Gegenübers vorherzusehen. Dieses Prinzip nennen sie Mutual Prediction, also wechselseitige Vorhersage.

Zwischen den Generationen ist diese Anpassung zunächst schwieriger. „Die gleichaltrigen Teilnehmenden waren meist Studierende mit ähnlichem Alltag und fanden schnell gemeinsame Themen. Jüngere und ältere Menschen mussten dagegen erst herausfinden, worüber sie überhaupt reden konnten“, erklärt Moffat.

Mit mobiler Hirnmessung (fNIRS) wurde die Hirnaktivität zweier Personen beim Zeichnen erfasst. Die leichten Sensorkappen messen Veränderungen des Blutflusses. Auch Körperbewegungen wurden aufgezeichnet. Bild: PLOS Biology/Social Brain Sciences Lab
Mit mobiler Hirnmessung (fNIRS) wurde die Hirnaktivität zweier Personen beim Zeichnen erfasst. Die leichten Sensorkappen messen Veränderungen des Blutflusses. Auch Körperbewegungen wurden aufgezeichnet. Bild: PLOS Biology/Social Brain Sciences Lab

Zudem verändert sich mit zunehmender Vertrautheit das soziale Spiel. „Gleichaltrige finden eine gemeinsame Basis oft schneller oder bringen sie bereits mit“, sagt die Forscherin. „Mit der Zeit werden sie jedoch spielerischer, überraschen sich gegenseitig im Gespräch und machen es ihrem Gegenüber dadurch wieder schwerer, ihr Verhalten vorauszusagen.“

Rollen zwischen den Generationen

Eine zweite Untersuchung derselben Begegnungen identifizierte mehrere stabile Muster von Hirnaktivität. Auffällig war bei generationenübergreifenden Paaren, dass es zwischen den Gehirnen geringere Verbindung gab, aber starker Synchronität innerhalb eines einzelnen Gehirns.

Die Forschenden deuten das vorsichtig als Rollenverteilung: Die Person mit stärkerer interner Synchronität passte ihr Verhalten eher an. Meist war dies die jüngere Person, während die ältere führte. Generationenübergreifende Paare wechselten beim Zeichnen zudem häufiger ab, Gleichaltrige hingegen zeichneten öfter gleichzeitig.

Die in PLOS Biology und Acta Psychologica veröffentlichten Arbeiten betreten wissenschaftliches Neuland. „Unsere Studie ist die erste, die über mehrere Wochen hinweg zeigt, wie sich die Hirnaktivität bei jüngeren und älteren Menschen entwickelt“, sagt Moffat. Die Forschung könnte erklären, „wie aus Fremden Bekannte und vielleicht sogar Freunde werden“.

Artikelreferenz

Naudszus, L. A., Moffat, R., & Cross, E. S. (2026). Two-brain states characterize within- and between-brain connectivity during intergenerational collaborative drawing. Acta Psychologica.
Moffat, R., Dumas, G., & Cross, E. S. (2026). Social interactions between people of same and different generations shape longitudinal changes in interpersonal neural synchrony, loneliness, and social connection. PLOS Biology.