Statische Entladungen im Staub: Sind winzige Funken im Kohlenstoff verantwortlich dafür, dass es heute Leben gibt?

Die Entstehung eines winzigen Funkens beim Zusammenstoß zweier Staubkörner mag unscheinbar wirken. Doch genau solche Prozesse könnten einst chemische Reaktionen in Gang gesetzt haben, die Leben überhaupt erst möglich machten.

Schwebende Materie durch Schall. Versuchsaufbau mit einem akustisch schwebenden Quarzkorn. Bild: Thomas Zauner/ISTA
Schwebende Materie durch Schall. Versuchsaufbau mit einem akustisch schwebenden Quarzkorn. Bild: Thomas Zauner/ISTA

Ob in Sandstürmen der Sahara, bei Vulkanblitzen oder in kosmischen Staubscheiben – elektrische Entladungen treten überall dort auf, wo Partikel kollidieren. Solche Vorgänge könnten sogar zur Entstehung von Aminosäuren beigetragen haben.

Schon seit Jahrzehnten wird vermutet, dass elektrische Energie einfache Moleküle in komplexere Strukturen verwandeln kann. Hinweise auf ähnliche Phänomene wurden jüngst sogar für den Mars diskutiert.

Ein Forschungsteam am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) hat nun herausgefunden, wie diese Form der statischen Elektrizität funktioniert. Die Studie wurden in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Trotz der weiten Verbreitung des Phänomens war lange unklar, warum elektrische Ladung zwischen identischen Materialien überhaupt in eine bestimmte Richtung fließt. Genau dieses Rätsel nahm sich das Team um Physiker Scott Waitukaitis vor. Die Lösung lag überraschenderweise nicht im Material selbst, sondern in seiner Umgebung: winzige Kohlenstoffmoleküle, die sich auf Oberflächen ablagern.

Experiment ohne Berührung

Um das zu untersuchen, entwickelte Erstautor Galien Grosjean, ISTA-Postdoktorand, eine ausgeklügelte Methode: Mithilfe akustischer Levitation konnte ein einzelnes Partikel kontrolliert bewegt werden – ganz ohne direkten Kontakt.

So ließ sich erstmals genau messen, wie sich die Ladung beim Zusammenstoß identischer Körner verändert. Dabei zeigte sich, dass manche Proben stets positiv geladen wurden, andere negativ. Frühere Modelle gingen davon aus, dass die Ladung durch zufällige Oberflächenstrukturen bestimmt wurde. Im Wesentlichen hatten sich die Forschenden das nach dem Vorbild eines „Milchkuhmusters“ vorgestellt, sagt Grosjean.

Doch die Ergebnisse passten nicht dazu. Waitukaitis erinnert sich: „Anfangs dachte ich, wir würden dieses Modell validieren und dann voranschreiten.“

Wir erwarteten zufällige Schwankungen des Ladungsaustauschs, die sich im Durchschnitt auf Null ausgleichen würden, wenn sich die Körner drehten und auf verschiedenen winzigen Flecken Kontakt hatten.

Auch der Einfluss von Feuchtigkeit wurde intensiv diskutiert: „Wir haben uns lange Zeit ‚kurzsichtig‘ auf Wasser konzentriert, was uns auf so viele Irrwege geführt hat“, sagt Waitukaitis. „Wir haben die führenden Theorien auf diesem Gebiet als selbstverständlich hingenommen, und sie haben uns in die Irre geführt.“ Die Wissenschaftler hätten Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass die Realität anders aussah.

Kohlenstoff als Ursache

Der Durchbruch gelang dann mit einer einfachen Idee: Proben wurden erhitzt, um Oberflächenverunreinigungen zu entfernen. Danach luden sie sich plötzlich einheitlich negativ auf. Die Analyse zeigte, dass dabei Kohlenstoffverbindungen verschwanden.

„Da Quarzglas sehr widerstandsfähig gegenüber thermischen Veränderungen ist, hat Wärme keinen Einfluss auf das Material selbst. Daher gingen wir davon aus, dass jede Veränderung auf Moleküle zurückzuführen sein muss, die an der Oberfläche des Materials adsorbiert sind.“

– Galien Grosjean, ISTA-Postdoktorand Erstautor

Besonders aufschlussreich war die Beobachtung, dass der Effekt mit der Zeit nachließ. Parallel dazu kehrten Kohlenstoffverbindungen aus der Umgebung wieder auf die Oberfläche zurück, sagt Grosjean.

Die Spur eines hüpfenden Korns. Zeitlicher Ausschnitt aus einem Hochgeschwindigkeitsvideo eines Quarzkorns, das auf der Platte im Versuchsaufbau zur akustischen Levitation hüpft. Bild: Galien Grosjean
Die Spur eines hüpfenden Korns. Zeitlicher Ausschnitt aus einem Hochgeschwindigkeitsvideo eines Quarzkorns, das auf der Platte im Versuchsaufbau zur akustischen Levitation hüpft. Bild: Galien Grosjean

Die Forschenden konnten sogar zeigen, dass sich die typische Ladungsreihenfolge von Materialien gezielt umkehren lässt. Entscheidend war dabei, wie stark die Oberfläche mit Kohlenstoff bedeckt war. Damit wird deutlich, dass Umweltfaktoren die grundlegenden elektrischen Eigenschaften von Materialien überlagern können.

Der Funke der Schöpfung

Die experimentellen Ergebnisse gehen weit über das Labor hinaus. In der Natur entstehen ständig Ladungen durch reibende Partikel, etwa in Vulkanasche oder planetaren Scheiben. Das Phänomen sei so lange unerklärt geblieben, weil die Experimente dazu „wirklich schwierig“ seien, sagt Waitukaitis.

Die Kohlenstoffbeschichtung befindet sich nie im Gleichgewicht; bereits eine einzige Monoschicht Kohlenstoff macht einen Unterschied, und die Materialien reagieren empfindlich auf die geringste Berührung.

Die Studie verbessert das Verständnis grundlegender Vorgänge, von der Entstehung des Lebens bis zur Bildung von Planeten. „Einige aktuelle Modelle der Planetarbildung basieren auf einer vorherrschenden Wirkung der Ladung“, sagt Waitukaitis. „Insofern könnte unsere Forschung gerade Licht auf den Mechanismus geworfen haben, der den Funken der Schöpfung zugrunde liegt.“

Quellenhinweis:

Grosjean, G., Ostermann, M., Sauer, M. et al. (2026): Adventitious carbon breaks symmetry in oxide contact electrification. Nature, 651, 626–631.