Oktoberregen verspricht ein Jahr voller Segen: Was steckt hinter der alten Bauernregel?

„Oktoberregen verspricht ein Jahr voller Segen“ – die alte Bauernregel klingt vielversprechend. Tatsächlich ist Regen im Herbst wichtig. Aber warum eigentlich, wenn doch kaum noch etwas blüht?

Ist der Boden gesättigt, sickert das Wasser nicht sofort ein, sondern kann noch eine Weile auf der Bodenoberfläche bleiben
Ist der Boden gesättigt, sickert das Wasser nicht sofort ein, sondern kann noch eine Weile auf der Bodenoberfläche bleiben

Hört man von dringend benötigtem Regen oder Trockenheiten und Dürren, denkt man wahrscheinlich sofort an den Frühling oder den Sommer. Doch das bedeutet nicht, dass Regen im Herbst plötzlich weniger wichtig ist, obwohl doch die Blütezeit der meisten Pflanzen vorbei ist. Aber warum ist das so?

Was passiert mit dem Regen im Boden?

Trifft Regen auf den Erdboden, versickert ein Teil des Wassers und füllt die Feuchtigkeit in den oberen Bodenschichten wieder auf. Davon profitieren Pflanzen, deren Wurzeln auch im Herbst weiterhin Wasser aufnehmen können. Gehölze können beispielsweise noch Wasser benötigen, bevor sie in die Winterruhe übergehen.

Wie viel Wasser tatsächlich im Boden bleibt, hängt von mehreren Faktoren ab. Bei lockerem, durchlässigem Boden kann Wasser vergleichsweise gut versickern. Ist der Boden dagegen verdichtet oder bereits gesättigt, kann der Niederschlag nicht schnell genug aufgenommen werden und es fließt ein größerer Anteil oberflächlich ab.

Auch die Bodenbeschaffenheit spielt hierbei eine wichtige Rolle: Umso versiegelter die Flächen sind, desto schlechter kann das Regenwasser versickern
Auch die Bodenbeschaffenheit spielt hierbei eine wichtige Rolle: Umso versiegelter die Flächen sind, desto schlechter kann das Regenwasser versickern

Auch das Grundwasser profitiert nicht unmittelbar von jedem Regenschauer. Zwischen Niederschlag und messbarem Anstieg des Grundwasserspiegels können längere Zeiträume liegen. Zunächst muss Wasser durch die verschiedenen Bodenschichten sickern. Wie schnell das geschieht, hängt unter anderem von der Bodenbeschaffenheit und dem geologischen Untergrund ab.

Warum Regen im Herbst trotzdem wichtig ist

Wenn die Tage kürzer werden und viele Pflanzen ihre Blätter verlieren, könnte man meinen, dass Regen jetzt kaum noch gebraucht wird. Tatsächlich verändert sich der Wasserbedarf der Natur im Herbst – er verschwindet aber nicht. Zwar wachsen viele Pflanzen langsamer als im Frühjahr, doch Bäume und Sträucher sind nicht sofort in einer vollständigen Ruhephase. Solange die Bedingungen es zulassen, bleiben ihre Wurzeln aktiv. Auch immergrüne Pflanzen verlieren weiterhin Wasser und müssen ihren Bedarf decken.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Der Herbstregen kann die Wasservorräte im Boden auffüllen, bevor im kommenden Frühjahr wieder deutlich mehr Wasser benötigt wird. Nach einem trockenen Sommer sind die oberen Bodenschichten häufig stark ausgetrocknet. Regen kann diese Feuchtigkeit wieder erhöhen und damit die Voraussetzungen für Pflanzen verbessern, die im Frühjahr austreiben. Auf landwirtschaftlichen Flächen profitieren außerdem bereits ausgesäte Winterkulturen, etwa Wintergetreide, von einer ausreichenden Wasserversorgung.

Gerade für das Pilzwachstum ist der Regen auch besonders wichtig. Diese gibt es schließlich überwiegend in der herbstlichen Jahreszeit zu finden © Tobias Röser
Gerade für das Pilzwachstum ist der Regen auch besonders wichtig. Diese gibt es schließlich überwiegend in der herbstlichen Jahreszeit zu finden © Tobias Röser

Auch für den Grundwasserhaushalt ist die Jahreszeit relevant. Im Herbst und Winter verdunstet meist weniger Wasser als während der warmen Monate und viele Pflanzen nehmen weniger Wasser auf. Dadurch kann ein größerer Anteil des Niederschlags im Boden verbleiben und unter geeigneten Bedingungen tiefer versickern. Bis daraus tatsächlich neues Grundwasser wird, kann allerdings längere Zeit vergehen. Wie viel Wasser versickert, hängt unter anderem vom Boden, der vorherigen Trockenheit und der Niederschlagsintensität ab.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Herbstregen grundsätzlich wichtiger wäre als Regen im Frühjahr. Im Frühjahr ist Wasser für das Wachstum, die Blattbildung und die Entwicklung vieler Pflanzen besonders wichtig. Im Herbst geht es stärker darum, Bodenfeuchtigkeit wiederherzustellen und die Wasserversorgung über die kommenden Monate zu verbessern. Nach einer langen Trockenperiode kann Regen deshalb gerade jetzt wertvoll sein – auch wenn draußen immer weniger blüht.

Viel Regen bedeutet nicht automatisch ein gutes Jahr

Die Bauernregel lässt aber offen, was mit dem versprochenen „Segen“ überhaupt gemeint ist. Für die Landwirtschaft kann ausreichend Bodenfeuchtigkeit hilfreich sein. Ein gutes Erntejahr hängt jedoch auch von den Temperaturen, der Sonneneinstrahlung, dem Zustand der Pflanzen und dem Wetter während der kommenden Wachstumsperiode ab.

Zu viel Regen kann sogar Nachteile haben: Vernässte Böden erschweren die Feldarbeit und anhaltende Nässe kann bei bestimmten Kulturen Krankheiten begünstigen. Entscheidend ist deshalb nicht möglichst viel Regen, sondern eine zur jeweiligen Jahreszeit und zum Standort passende Wasserversorgung.

Einen verlässlichen statistischen Zusammenhang zwischen einem regenreichen Oktober und einem besonders guten Folgejahr kann man aus der Bauernregel allein nicht ableiten.


Die alte Bauernregel hat also einen wahren Kern: Herbstregen kann für die Natur wertvoll sein. Ob daraus ein Jahr voller Segen wird, entscheidet sich jedoch erst im Zusammenspiel mit dem Wetter der kommenden Monate.