Ohne Kompass und Segel: Wie indigene Seefahrer vor 4500 Jahren die eisige Arktis erreichten und bezwangen

Lange vor Kompass und Segel überquerten Menschen mehr als 50 Kilometer arktisches Meer. Neue Funde zeigen: Bereits vor 4500 Jahren erreichten indigene Seefahrer entlegene Inseln vor Grönland. Mehr als 50 Kilometer offenes Wasser, eisige Strömungen, unberechenbare Winde – und das vor viereinhalb Jahrtausenden.

Symbolbild: Nacht über Uummannaq, Nordwestgrönland. Die eisige Meereslandschaft vermittelt eine Ahnung jener Bedingungen, denen frühe Seefahrer ausgesetzt waren.
Symbolbild: Nacht über Uummannaq, Nordwestgrönland. Die eisige Meereslandschaft vermittelt eine Ahnung jener Bedingungen, denen frühe Seefahrer ausgesetzt waren.

Neue archäologische Funde legen nahe, dass Menschen bereits vor rund 4500 Jahren abgelegene Inseln vor der Nordwestküste Grönlands erreichten.

Es handelt sich um eine der längsten bekannten Seereisen indigener Gruppen in der Arktis.

Die Inselgruppe Kitsissut – auch Carey Islands genannt – liegt in einer Region, die von einer sogenannten Polynya geprägt ist: einer dauerhaft offenen Wasserfläche, die von Meereis umgeben ist.

Diese offene Zone, Pikialasorsuaq genannt, entstand nach geologischen Befunden erst vor etwa 4500 Jahren. Kurz darauf scheinen Menschen die Gelegenheit genutzt zu haben.

Spuren auf windgepeitschten Inseln

Archäologen untersuchten mehrere der zentralen Inseln der Gruppe und identifizierten fast 300 archäologische Strukturen. Besonders auffällig waren kreisförmige Zeltplätze entlang erhöhter Strandterrassen. Insgesamt ließen sich 15 solcher Zeltanlagen nachweisen, jeweils mit einer zentralen Feuerstelle und einer charakteristischen Unterteilung durch Steinreihen.

Diese sogenannte bilobate Bauweise gilt als typisch für die paläo-inuitischen Kulturen, die zu den ersten bekannten Bevölkerungsgruppen im hohen Norden Nordamerikas und Grönlands zählen.

Eine Radiokarbondatierung eines Vogelknochens – vermutlich von einer Dickschnabellumme – ergab ein Alter zwischen etwa 4400 und knapp 4000 Jahren. Damit fallen die Spuren in die Zeit unmittelbar nach der Entstehung der offenen Wasserzone.

Über 50 Kilometer durch die Arktis

Um die Kitsissut-Inseln zu erreichen, mussten die Menschen mindestens rund 50 Kilometer offenes Meer überqueren. Die kürzeste Distanz von der grönländischen Küste beträgt etwa 52 Kilometer.

Aufgrund von Strömungen und vorherrschenden Winden ist jedoch anzunehmen, dass die tatsächliche Route länger gewesen sein dürfte, um gefährliche Driftzonen zu vermeiden.

Vergleichbare Seereisen sind aus der arktischen Vorgeschichte kaum bekannt. Zwar wurde die Beringstraße zwischen Sibirien und Alaska vermutlich schon vor Jahrtausenden überquert, doch dort bieten Inseln Zwischenstationen.

Die Fahrt zu den Kitsissut-Inseln hingegen bedeutete eine längere Passage über freies, eisiges Wasser – ohne sichtbares Zwischenziel.

Archäologen gehen davon aus, dass diese Reise keine isolierte Unternehmung einzelner Jäger war. Die Anzahl und Struktur der Zeltplätze sprechen für wiederholte Aufenthalte kleiner Gemeinschaften. Wahrscheinlich reisten ganze Familienverbände.

Hochentwickelte Wasserfahrzeuge

Die Überquerung wirft zwangsläufig die Frage nach den Booten auf. Ein-Personen-Kajaks, wie sie später in der Arktis verbreitet waren, erscheinen für solche Fahrten mit Kindern und älteren Menschen ungeeignet. Forschende vermuten daher größere, seetüchtige Boote mit einem leichten Rahmen aus Holz oder Knochen, bespannt mit Tierhäuten.

Solche Hautboote sind aus späteren Inuit-Kulturen bekannt, archäologisch jedoch nur selten erhalten. In der arktischen Umwelt vergehen organische Materialien schnell oder werden vom Eis zerstört. Direkte Funde fehlen daher – doch die Distanz selbst gilt als indirekter Beleg für ausgefeilte maritime Technologie.

Die frühen Bewohner der Region waren offenbar in der Lage, Wind, Strömungen und Eisdynamik zu lesen – Fähigkeiten, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Navigation erfolgte vermutlich anhand von Küstenlinien, Vogelzügen, Meeresströmungen und dem Verhalten des Eises.

Leben zwischen Meer und Eis

Warum aber nahmen Menschen diese gefährliche Passage auf sich? Die Inseln boten reiche Nahrungsquellen. Dickschnabellummen brüten dort in Kolonien, ihre Eier und ihr Fleisch stellen eine ergiebige Ressource dar. Auch Robben dürften eine wichtige Rolle gespielt haben.

Darüber hinaus hatte die Anwesenheit der Menschen selbst ökologische Folgen. Indem sie tierische Ressourcen vom Meer an Land brachten und dort Abfälle hinterließen, gelangten Nährstoffe in die kargen Böden der Inseln. Solche Einträge können die Vegetation nachhaltig beeinflussen und lokale Ökosysteme verändern.

Die Besiedlung war vermutlich saisonal. Die Inseln dienten als Jagd- und Sammelstationen in einer mobilen Lebensweise, die an die extremen Bedingungen der Hocharktis angepasst war.

Neue Perspektiven auf frühe Seefahrt

Die Überfahrt zu den Kitsissut-Inseln belegt strategische Planung, technisches Wissen und kollektive Organisation. Sie zeigt, dass komplexe Seereisen nicht erst mit der Entwicklung von Segeln oder Kompassen möglich wurden. Bereits steinzeitliche Gesellschaften waren in der Lage, riskante maritime Unternehmungen erfolgreich zu meistern.

Quelle

Walls, M.; Kleist, M.; Knudsen, P. (2026): Voyage to Kitsissut: a new perspective on Early Paleo-Inuit watercraft and maritime lifeways at a High Arctic polynya. Antiquity. DOI: 10.15184/aqy.2026.10285.