Neandertaler: Forscher halten medizinischen Gebrauch von Birkenpech in der Steinzeit für möglich

Wissenschaftler haben steinzeitliche Herstellungsverfahren rekonstruiert und dabei entdeckt, dass Birkenpech eine antibakterielle Wirkung hat. Es sei durchaus möglich, dass Neandertaler die zähe, schwarze Substanz bereits medizinisch nutzten, sagen die Experten.

Birkenpech wird durch die Verbrennung von Birkenrinde gewonnen und hat nachweislich eine antibakterielle Wirkung. Bild: Chewool Kim/Unsplash
Birkenpech wird durch die Verbrennung von Birkenrinde gewonnen und hat nachweislich eine antibakterielle Wirkung. Bild: Chewool Kim/Unsplash

Birkenpech ist ein teerartiger Rückstand, der bei der Verbrennung von Birkenrinde entsteht. Lange wurde es für ein Hilfsmittel bei der Werkzeugherstellung gehalten. Neueste Untersuchungen legen jedoch nahe, dass Neandertaler das Material auch zur Behandlung von Wunden genutzt haben könnten.

Birkenpech wurde seit der Altsteinzeit bei der Herstellung von Steinwerkzeugen und später auch beim Zusammenkleben zerbrochener Keramik verwendet, ähnliche Stoffe auch zum Verdichten von Booten. Funde mit Zahnabdrücken belegen, dass Birkenpech sogar gekaut wurde, eventuell zum Weichmachen oder zur Zahnpflege.

Die neue Studie, die im Fachjournal PLOS ONE veröffentlicht wurde, entstand in Zusammenarbeit mit mehreren internationalen Forschungseinrichtungen. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Birkenpech neben seiner Funktion als Klebstoff auch medizinische Eigenschaften besitzt.

Klebstoff für Werkzeuge

Archäologische Funde zeigen Birkenpech häufig an Steinwerkzeugen. Daher wurde es lange als Bindemittel für die Schäftung interpretiert, also das Verbinden verschiedener Werkstücke. Doch das greift möglicherweise zu kurz.

„Neue Studien deuten darauf hin, dass das Birkenpech jedoch auch für andere Zwecke genutzt worden sein könnte.“

– Tjaark Siemssen, Universität Köln und Oxford, Studienleiter

Ethnographische Vergleiche aus unterschiedlichen Weltregionen zeigen, dass ähnliche Substanzen traditionell auch medizinisch eingesetzt wurden. „Da es neben diesen Befunden auch immer mehr Nachweise für medizinische Verhaltensweisen und Pflanzennutzung bei Neandertalern gibt, hat uns die Nutzung des Birkenpechs in diesem Kontext interessiert“, so Studienleiter Tjaark Siemssen von den Universitäten Köln und Oxford.

Bedingungen wie vor 100.000 Jahren

Um die Eigenschaften des Materials zu untersuchen, stellten die Forschenden Birkenpech selbst her. Dabei orientierten sie sich strikt an Methoden, die bereits in der Steinzeit bekannt waren.

Forschende haben Birkenpech mit Methoden hergestellt, die schon Neandertaler nutzen. Bild: Tjaark Siemssen/Universität zu Köln
Forschende haben Birkenpech mit Methoden hergestellt, die schon Neandertaler nutzen. Bild: Tjaark Siemssen/Universität zu Köln

Eine Technik bestand darin, Birkenrinde in einer verschlossenen Grube zu verbrennen. Durch den Sauerstoffmangel entsteht das Pech durch Trockendestillation.

Eine alternative Methode nutzte offene Hitzequellen: Hier wurde Birkenrinde nahe einer festen Oberfläche, beispielsweise einem glatten Stein, verbrannt, sodass sich das Pech durch Kondensation ablagerte. Beide Verfahren lieferten ausreichend Material für weitere Analysen.

Wirkung gegen gefährliche Keime

Im Labor wurden die Proben anschließend auf ihre antibakterielle Wirkung getestet. Dabei zeigte sich, dass alle Varianten das Wachstum von Staphylococcus aureus hemmten. Das Bakterium ist heute als häufiger Auslöser von Wundinfektionen bekannt und zählt zu den problematischen Krankenhauskeimen. Die Fähigkeit, dessen Vermehrung zu bremsen, deutet auf umfassendes medizinisches Wissen hin.

Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass antimikrobielle Eigenschaften schon zu Zeiten der frühen Neandertaler eine Rolle spielten und gezielt eingesetzt werden konnten.

Die Ergebnisse verändern das Bild des Neandertalers. Statt eines primitiven Jägers zeigt sich eine Spezies mit exaktem Wissen über natürliche Ressourcen und deren Anwendung.

Auch in der Gegenwart wächst angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen das Interesse an alternativen Wirkstoffen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich lohnen kann, sich intensiver mit gezielt wirkenden Antibiotika aus ethnographischen Kontexten oder, wie hier, auch prähistorischen Kontexten auseinanderzusetzen“, sagt Siemssen.

Quellenhinweis:

Siemssen, T., Oludare, A., Schemmel, M., Puschmann, J., & Bierenstiel, M. (2026): Antibacterial properties of experimentally produced birch tar and its medicinal affordances in the Pleistocene. PLOS ONE, 21, 3, e0343618.